200 Jahre nach der Erstbeschreibung: Neue Therapien bei Parkinson – Ansätze, in den Pathomechanismus einzugreifen

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

11. April 2017

Eine kausale  Therapie des Morbus Parkinson steht nach wie vor aus. Dennoch lassen neue  Medikamente, jüngste Forschungserfolge bei der Diagnose und innovative  Therapieansätze hoffen, die Krankheit künftig besser und nicht wie bisher nur  symptomatisch behandeln zu können.

           

Prof. Dr. Georg Ebersbach

           

Das berichteten  Experten der mit der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) assoziierten  Deutschen Parkinson Gesellschaft (DPG) auf einer Pressekonferenz in Berlin anlässlich  des Welt-Parkinson-Tags am 11. April [1]. In diesem Jahr jährt sich zum 200. Mal die Erstbeschreibung der Krankheit durch den Londoner Arzt James Parkinson.

Herausforderung Dopaminersatz

Wichtigstes  Standbein der medikamentösen Behandlung ist nach wie vor der Dopaminersatz –  mit dem Goldstandard L-Dopa oder ähnlichen Präparaten. „Die therapeutische Herausforderung besteht hier  darin, eine gleichmäßige Medikamentenwirkung zu erhalten und überschießende  motorische Reaktionen zu vermeiden“, erklärte DPG-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Georg Ebersbach.

Zu diesem Zweck wurden  als Begleittherapie zum Dopaminersatz in den vergangenen beiden Jahren 2 neue  Medikamente zugelassen: Safinamid (2015), das als Dopamin- und  Glutamat-Modulator wirkt, und Opicapon (2016), das die L-Dopa-Wirkung  verlängert. Beide Mittel dienen der Verstetigung der dopaminergen Stimulation.

„Es hat sich  gezeigt“, so der Neurologe im Gespräch mit Medscape,  „dass sich Wirkungsschwankungen damit reduzieren lassen.“ Weitere Medikamente  mit der gleichen Zielrichtung befänden sich derzeit in klinischer Erprobung.

 
Die therapeutische Herausforderung besteht hier darin, eine gleichmäßige Medikamentenwirkung zu erhalten und überschießende motorische Reaktionen zu vermeiden. Prof. Dr. Georg Ebersbach
 

Für Patienten in  fortgeschrittenen Krankheitsstadien bzw. mit starken Wirkungsfluktuationen beim  Dopaminersatz kann eine Medikamentenzufuhr via Pumpe in Frage kommen.  Technologische Weiterentwicklungen gehen Ebersbach zufolge dahin, den Patienten  zunehmend kleine Pumpen anzubieten, die z.B. als Patch auf die Haut aufgeklebt  werden und das Medikament subkutan abgeben.

Aktivierende Trainingstherapien

Selbst bei  optimaler Pharmakotherapie oder zusätzlicher Tiefer Hirnstimulation entwickeln  Parkinson-Patienten langfristig oft schwerwiegende motorische Behinderungen. Um  dem entgegenzuwirken, haben bereits frühzeitig aktivierende Trainingstherapien  wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logotherapie, Musiktherapie oder sportliches  Training einen hohen Stellenwert, wie Ebersbach betonte: „So konnte z.B. eine Studie zum Einsatz  von Tai Chi bei Parkinson-Patienten nachweisen, dass sich damit ihr  Gleichgewicht verbessern und die Sturzhäufigkeit vermindern lässt.“ Auch  Sprech- oder Schluckstörungen könnten mit solchen aktivierenden Therapien  günstig beeinflusst werden.

Neue – nicht rein symptomatische – Therapieansätze

Über neue  Therapieansätze, die über eine symptomatische Behandlung hinausgehen, berichtete  DPG-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Daniela  Berg. Wie sie sagte, leiden ca. 7% der Patienten unter einem familiären,  auf krankheitsauslösende Gene zurückzuführenden Parkinsonsyndrom und ca. 93%  unter einem sogenannten sporadischen Parkinsonsyndrom, bei dem es sich um einen  multifaktoriellen Prozess handelt: „Dabei gibt es eine Vielzahl genetischer  Veränderungen, aber auch Umwelt- und Lebensstilfaktoren, die das Entstehen  einer Parkinsonerkrankung begünstigen.“

Spezifische  Therapieansätze für Patienten mit erblichen Formen des Syndroms, bei denen die  genetische Ursache bekannt ist, werden derzeit in klinischen Studien  untersucht. So ist der Kieler Neurologin zufolge bekannt, dass bestimmte  genetische Veränderungen zur Störung des Energiestoffwechsels in Mitochondrien  und damit zu Parkinson führen können. Dies trifft vor allem auf Patienten zu,  bei denen es schon in jüngerem Alter zu Bewegungsauffälligkeiten kommt.

Durch die Analyse  des Erbmaterials der Patienten können solche Mutationen aufgedeckt werden. Man  kann dann die Patienten, bei denen genau diese Stoffwechselveränderungen  ursächlich sind, gezielt mit Substanzen behandeln, die die Stoffwechselstörung beheben.

Um den Nutzen  einer Therapie mit Coenzym Q10 und Vitamin K2 bei Patienten mit derartigen  Formen der Parkinsonerkrankung zu prüfen, läuft derzeit an mehreren deutschen  Zentren eine klinische Studie. Auch für Parkinsonpatienten mit anderen  Genmutationen – z.B. im GBA-Gen (Glucocerebrosidase-Gen) – würden aktuell  Therapiestudien durchgeführt.

Doch auch bei  Parkinson ohne genetische Ursache werden mögliche kausale Therapien erforscht.  So wurde bei Parkinson-Patienten ein erhöhter Eisengehalt in der Substantia  nigra nachgewiesen, der über vermehrten oxidativen Stress zu vermehrtem  Zelluntergang beitragen kann. Hier setzen neue Therapieformen an, die das  vermehrte Eisen binden sollen – auch dieser Therapieansatz wird aktuell im  Rahmen von Studien an mehreren deutschen Zentren angeboten.

Antikörper sollen Progredienz verhindern

Ein Schlüssel zur  Verminderung der Krankheitsprogredienz – bevor schwere Symptome auftreten –  könnte darin liegen, wie sich Parkinson im Gehirn verbreitet. „Wir wissen  heute“, so Berg, „dass von Parkinson betroffene Neuronen – erkennbar u.a. durch  die Ablagerung von Alpha-Synuclein – ähnlich wie Prionen-Erkrankungen andere  Zellen ‘anstecken‘ können. Mit  einem Antikörper gegen Alpha-Synuclein könnte es gelingen, die Ausbreitung der  Krankheit zu verhindern.“ Dazu seien derzeit in Deutschland 2 Studien  mit passiven Antikörpern gegen Alpha-Synuclein in Vorbereitung.

 
Mit einem Antikörper gegen Alpha-Synuclein könnte es gelingen, die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Prof. Dr. Daniela Berg
 

Hautbiopsie zur Frühdiagnose

Besonders  problematisch beim Parkinson-Syndrom ist, dass typische Symptome wie Tremor,  Rigor oder Akinese erst auftreten, wenn es zum Verlust dopaminerger Neuronen in  der Substantia nigra kommt und damit die Krankheit bereits sehr weit  fortgeschritten ist.

           

Prof. Dr. Jens Volkmann

           

„Der  Erkrankungsprozess läuft dann geschätzt bereits 10 Jahre – mit relativ  unspezifischen nicht-motorischen Symptomen wie einer Riechstörung, Depression,  chronischer Obstipation oder einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung, bei der Träume  ausagiert werden und Patienten dabei um sich schlagen können“, erklärte Prof. Dr. Jens Volkmann, Würzburg, 1.  Vorsitzender der Deutschen Parkinson Gesellschaft. Die Forscher suchen deshalb  nach einer möglichst spezifischen Frühdiagnose – insbesondere auch, um damit  Optionen für eine frühzeitige Therapie prüfen zu können.

Eine vor kurzem  von Würzburger und Marburger Wissenschaftlern publizierte Studie konnte zeigen,  dass eine Hautbiopsie zu einer solchen Frühdiagnose beitragen kann (wie Medscape berichtete). Dabei ließen sich pathologische  Eiweißablagerungen von phosphoryliertem Alpha-Synuclein in dermalen  Nervenfasern von Patienten spezifisch nachweisen, die unter  REM-Schlafverhaltensstörungen – und damit einem deutlich bzw. Jahre früher als  die typischen Krankheitszeichen auftretenden „Parkinson-Vorboten“ – leiden.



REFERENZEN:

1. Deutschen  Parkinson Gesellschaft: Pressekonferenz, 3. April 2017

Kommentar

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