Flüchtlinge: Welche Infektionen bringen sie mit, welchen Impfschutz benötigen die Helfer?

Manuela Arand

Interessenkonflikte

7. April 2017

Stuttgart – Unkenrufe, mit den Flüchtlingen werde eine Welle exotischer und schwer behandelbarer Infektionen nach Deutschland schwappen, haben sich nicht bestätigt. Worauf es allerdings zu achten gilt, sind Tuberkulose, Hepatitis B und andere meldepflichtige Infektionen sowie der Impfstatus der bei uns Gestrandeten und der Helfer.

Rund 722.000 Menschen haben 2016 nach offiziellen Statistiken des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge den Erstantrag auf Asyl in Deutschland gestellt, berichtete Prof. Dr. Michael W. Pletz, Direktor des Zentrums für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene, Universität Jena, beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin [1].

Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan machen davon mehr als die Hälfte aus, nur eine kleine Minderheit stammt aus afrikanischen Ländern. Vergleicht man dies mit den aktuellen Infektionsstatistiken des Robert Koch-Instituts (RKI), zeigt sich, dass bei Syrern zwar absolut die höchste Zahl meldepflichtiger Infektionen gefunden wird, diese aber gemessen an ihrem Anteil an den Migranten gering ist.

Tuberkulose nur bei Flüchtlingen aus Risikoländern häufig

An dieser Stelle lohnt ein Blick auf die Tuberkulose als häufigste von Geflüchteten mitgebrachte Infektion. In Deutschland zählt sie mit 50 Fällen pro 100.000 Einwohnern immer noch zu den seltenen Erkrankungen, doch nach jahrzehntelangem stetigen Rückgang steigen die Zahlen seit 2015 wieder etwas an, erklärte Prof. Dr. Christoph Lange, Leiter der Forschungsgruppe Klinische Infektionsmedizin am Forschungszentrum Borstel.

In den ersten 8 Wochen 2017 wurden dem RKI insgesamt 700 Fälle gemeldet, davon 206 bei Asylsuchenden. Nur ein sehr kleiner Teil der Flüchtlinge stammt aus Ländern mit hoher Tuberkuloseverbreitung oder durchquert bei der Flucht Hochprävalenzländer wie Eritrea, Somalia oder Äthiopien. In der RKI-Statistik der meldepflichtigen Infektionen stehen Eritrea und Somalia auf Platz 2 und 3.

„In Syrien als wichtigstem Herkunftsland der hier eintreffenden Flüchtlinge kommt die Tuberkulose sogar seltener vor als in Portugal oder Polen“, betonte Lange. „Wenn wir die Tuberkulose zurückdrängen wollen, sollten wir uns nicht auf die Flüchtlinge insgesamt konzentrieren, sondern die aus Risikoländern wie Eritrea, Afghanistan und Pakistan testen und präventiv behandeln.“

 
Wenn wir die Tuberkulose zurückdrängen wollen, sollten wir uns nicht auf die Flüchtlinge insgesamt konzentrieren, sondern die aus Risikoländern … testen und präventiv behandeln. Prof. Dr. Christoph Lange
 

Über der Flüchtlingsdiskussion darf nach seinen Worten auch nicht vergessen werden, dass Osteuropa nach wie vor Hauptursprung für multiresistente Tuberkulosen (MDR und XDR) ist. In Borstel hat man alle dort behandelten Patienten mit MDR nach Herkunftsländern erfasst: Die Karte zeigt viele Punkte in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, in Afrika aber nur einen „Hot Spot“ in Eritrea und Somalia.

Impfschutz meist unzureichend

Das RKI stand 2015 vor der Herausforderung, Empfehlungen für Flüchtlinge in Deutschland formulieren zu müssen „auf der Grundlage von Null Daten. Das haben sie aber ziemlich gut gemacht“, meinte Pletz. Erst 2016 gab es Untersuchungen in Erstaufnahmeeinrichtungen in Norddeutschland, die zeigten, dass die Seroprotektionsraten für viele impfpräventable Infektionen nicht so hoch sind, wie man es sich wünschen würde.

2015 ging es natürlich um den Schutz der einheimischen Bevölkerung vor importierten Infektionen, vor allem aber darum, nicht eine schlecht geschützte Gruppe entstehen zu lassen, die für das Gesundheitswesen schwer erreichbar ist. Dass Migranten oft von einer Unterkunft in die nächste verlegt werden, macht es schwer, Impfprogramme konsequent umzusetzen.

Mindest-Impfplan des RKI für Asylsuchende

  • Tetanus, Diphtherie, Pertusiss (TdaP), Polio

  • Haemophilus influenzae b und Hepatitis B für Kinder

  • Mumps, Masern und Röteln (MMR) für alle vor 1970 Geborenen ab 9 Monaten, Kinder zwischen 9 Monaten und 12 Jahren auch gegen Varizellen (MMR-V)

  • Influenza als Indikationsimpfung für Schwangere, über 60-Jährige und chronisch Kranke


Nicht zu vergessen ist der Impfschutz für die Helfer. Neben der Standardimpfung TdaP ist der Schutz gegen Polio und die MMR-Impfung wichtig. Zusätzlich werden Impfungen gegen Hepatitis A und B sowie in der Saison gegen Influenza empfohlen.



REFERENZEN:

1. 58. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, 22. bis 25. März 2017, Stuttgart

Kommentar

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