Zika: Neue Hypothesen zur Pathogenese der Mikrozephalie –  sind Co-Infektionen oder ein unbekannter Co-Faktor von Bedeutung?

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

6. April 2017

Die  Zahl an Zika-Virus-Infektionen hat sich in Brasilien deutlich verringert. Von  Januar bis März wurden weniger als 1.700 Patienten mit Infektionen registriert,  wie Brasiliens  Gesundheitsministerium berichtet. Im Vorjahreszeitraum waren es noch mehr  als 30.000 Patienten gewesen. Trotz der erfreulichen Entwicklung treibt  Behörden und Forscher eine Frage um: Warum gab es Mitte 2016 trotz so vieler  Infektionen viel weniger Mikrozephalien als epidemiologisch zu erwarten gewesen  wäre? Dr. Wanderson Kleber de Oliveira,  ein Mitarbeiter des Ministeriums, hat hierzu nun im New England Journal of Medicine mehrere Hypothesen veröffentlicht [1].

Um die  Problematik zu verstehen, gibt er Einblicke in das regionale Meldesystem: Gesundheitsbehörden  erhalten von Städten und Kommunen Zahlen zu tatsächlichen oder vermeintlichen  Infektionen mit Zika-Viren, zu Mikrozephalien und zum Guillain-Barré-Syndrom  (GBS). Erste Fallberichte gehen auf das Jahr 2014 zurück.

 
Zika-Virus-Infektionen während der Schwangerschaft wären damit eine notwendige, aber nicht die alleinige Voraussetzung für Mikrozephalien. Dr. Wanderson Kleber de Oliveira
 

Anfang  2015 kam es zu einem Anstieg der Infektionszahlen im Nordwesten des Landes. Weitere  Regionen berichteten bis Ende 2015 von ähnlichen Trends. Ab Oktober 2015  meldeten Kliniken deutlich mehr Neugeborene mit Mikrozephalie. Der Zusammenhang  zwischen Zika-Infektionen, GBS und Anomalien beim Fetus gilt heute  als gesichert.

Klarer Zusammenhang zwischen Zika-Viren  und GBS

Wie de  Oliveira herausfand, korreliert die Zahl an Zika-Virus-Infektionen mit der Zahl  an GBS-Patienten. Abweichungen begründet der Wissenschaftler unter anderen mit Fehldiagnosen.  Ärzte führten die Beschwerden teilweise auf das Dengue-Fieber zurück. Manche  Infektionen blieben unentdeckt.

Die  Inzidenz von Mikrozephalien erreichte Ende November 2015 ihren Höhepunkt. Das  entspricht einem zeitlichen Versatz von 23 Wochen nach dem Beginn der Zika- und  GBS-Epidemie. Unter Annahme einer dreiwöchigen Verzögerung zwischen der  Virusexposition und der Ausbildung eines GBS, etwa durch Inkubationszeiten und  durch Verzögerungen bei der Übermittlung von Berichten, erfolgte die Infektion  im Schnitt 12 Wochen nach Beginn der Schwangerschaft.

Trend bei Mikrozephalien nicht erklärbar  – 3 Hypothesen

Ausgehend  von den gemeldeten Zika-Virus-Infektionen und GBS-Fallzahlen Anfang 2016  erwartete de Oliveira ein weiteres Maximum von Mikrozephalien in Kalenderwoche 34 des letzten Jahres. Doch das Ereignis trat nicht ein.

  • Der  Wissenschaftler hält für denkbar, dass Aedes-aegypti-Mücken teilweise ein  anderes Arbovirus übertragen haben. Seit den hohen Zika-Infektionszahlen gebe  es eine gewisse Herdenimmunität.  „Vielleicht steht nicht jeder GBS-Fall mit dieser Spezies in Verbindung?“,  spekuliert der Erstautor. Chikungunya-Viren (CHIKV) seien in der Vergangenheit  bereits als Auslöser des GBS identifiziert worden. Sie führen jedoch nicht zu Mikrozephalien. Im Nordosten Brasiliens  traten mehrere große Epidemien auf, seit CHIKV im Jahr 2014 erstmals das Land  erreicht hatte.

  • Außerdem  postuliert de Oliveira einen bislang unbekannten Co-Faktor, der mit GBS nicht  in Verbindung steht. „Zika-Virus-Infektionen  während der Schwangerschaft wären damit eine notwendige, aber nicht die  alleinige Voraussetzung für Mikrozephalien“, lautet seine Vermutung.  

  • Der  Experte will als 3. Option nicht ausschließen, dass es allein aus Angst vor  Zika-Virus-Infektionen in 2016 zu weniger Schwangerschaften beziehungsweise zu  mehr Abbrüchen kam. Aufgrund der vorliegenden Daten sei es aber noch nicht  möglich, diese Vermutungen zu prüfen. Laut de Oliveira spielten diese Effekte  aber „nur eine untergeordnete Rolle“ und „erklären nicht, warum es im Nordosten  Brasiliens weniger Mikrozephalien gab.“

Bessere Diagnostik, bessere Daten  gefordert

Alle 3 Hypothesen  seien theoretisch kombinierbar, spekuliert de Oliveira. Der plausibelste Ansatz  sei, dass Zika- und Chikungunya-Viren zu GBS führten, aber nur Zika-Viren  neurologische Funktionsstörungen auslösten, sollten sich Frauen während ihrer  Schwangerschaft infizieren.

Der  Wissenschaftler fordert bessere Daten, aber auch präzisere diagnostische  Methoden, um zwischen diversen Virusinfektionen rasch zu unterscheiden.  



REFERENZEN:

1. de Oliveira WK, et al:  NEJM (online) 29. März 2017

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....