Der Gesundheitsminister diskutiert mit Sascha Lobo und Ärzten auf Facebook die Zukunft der digitalen Medizin

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

5. April 2017

Die Digitalisierung der Medizin in Deutschland verläuft  schleppend. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) will nun  Tempo machen. Doch was ist sinnvoll – und was nicht?

           

Hermann Gröhe

           

Um dies zu diskutieren lud das BMG zum ersten Netzpolitischen  Dialog ein, der (passend zum Thema) auf Facebook und Twitter übertragen wurde [1]. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe diskutierte mit Experten aus dem Gesundheitswesen, Ärzten und dem Blogger und Internet-Strategieberater Sascha Lobo über die Zukunft der  Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Neue  Entwicklungen: Zu langsamer Prozess

           

Sascha Lobo

           

Ob innovative Gesundheits-Apps oder Medizinprodukte  wie Sensoren, die man sich zur Blutzuckermessung unter die Haut pflanzen kann: Lobo  kritisierte das deutsche „Beharrungsvermögen“ und die Langsamkeit der Kräfte auf  dem Gesundheitsmarkt, deren „Risiko-Aversion“ innovative Start-up-Unternehmen in  der Medizintechnik-Branche ausbremsten.

Das sehen Gesundheitsminister Gröhe und die GKV-Spitzenverband-Vorstandsvorsitzende Doris Pfeiffer etwas anders. Sie  betonten, dass technische Neuerungen im Gesundheitswesen, die von der  Solidargemeinschaft finanziert werden, auch eine gründliche Prüfung von Sicherheit  und Nutzen für den Patienten erfordern.

Gröhe wies auf das neu eröffnete Innovationsbüro hin, das am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)  angesiedelt ist. Start-up-Unternehmen können es als Anlaufstelle nutzen, um  sich auszutauschen und um zu beurteilen, wie die Chancen zur Umsetzung ihrer  Idee sind.

Das Innovationsbüro soll Unternehmen unterstützen, die  gute Ideen und Ansätze für neue Arzneimittel und Medizinprodukte haben. Als Ansprechpartner in einem  sehr frühen Stadium der Produktentwicklung kann es helfen, z.B. bei Fragen zu  den oft komplexen regulatorischen Anforderungen und notwendigen  Verfahrensschritten.

Wie Google &  Co. den Gesundheitsmarkt kapern könnten

Lobo sieht die Gefahr, dass große Unternehmen wie  Google und Apple den Gesundheitsmarkt „kapern“, sie pumpten derzeit enorme Forschungsgelder  hinein. Dem müsse man entgegenhalten. In den USA seien bereits Krankenhaus-Landschaften  von Firmen wie Apple abhängig. Google investiere viel in Technologien im Bereich  Diabetes, das Unternehmen könne irgendwann auch den Markt für Humaninsulin „aufsaugen“  – andere damit zu Zulieferern degradieren, befürchtet Lobo.

 
Was von der Gemeinschaft getragen wird, muss sicher sein. Hermann Gröhe
 

Auch in anderen Bereichen gibt es innovative  technologische Ansätze: Als Beispiele nannte er z.B. eine automatisierte Stimm-Auswertung,  die dabei hilft, Depressionen und Suizidgefährdung zu erkennen oder  digitalisierte natürliche Verhütungstools, die hohe Sicherheit versprechen. Lobo   sieht bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen  eine „Ungleichzeitigkeit“ – einige sind in den Entwicklungen und Ideen weit  voraus, andere wiederum aber „noch ganz weit hinten“.

Geprüfte Gesundheits-Apps  gewünscht

Die  Arztsicht vertrat auf dem Podium die Berliner Hausärztin und Internistin Irmgard Landgraf. Wie sie sagte, wünschen sich viele Ärzte im  unübersichtlichen Markt der Gesundheits-Apps autorisierte Apps, die getestet  wurden und empfohlen werden: „Ich selbst habe keine Zeit, mich darüber auf dem  Markt zu informieren“, betonte sie.

Gröhe verwies  auf eine Studie  am Peter L. Reichertz Institut für medizinische Informatik zu Chancen und  Risiken von Gesundheits-Apps. „Was von der Gemeinschaft getragen wird, muss sicher sein“, betonte  er. Komme es etwa durch eine fehlerhafte App zur Fehldosierung bei einer Insulinpumpe  könne dies dramatische Folgen haben, nannte er ein Beispiel.

Gute Erfahrungen mit digitaler Kommunikation  zwischen Hausarztpraxis und Pflegeheim

Landgraf kommuniziert schon seit 15 Jahren von ihrer Hausarztpraxis  aus digital und online  mit einer Pflegeeinrichtung: Dort betreut sie alle Pflegebedürftigen ärztlich. Das  Ziel sei von Anfang an gewesen, die Kommunikation zwischen Ärzten und  Pflegepersonal zu optimieren, berichtete sie.

Bei  diesem System haben alle Behandler und Pflegekräfte digital Zugriff auf die Patientenakten.  Zudem sei das System mit Web-Kommunikationsmodulen ausgestattet, in denen Hausärzte,  Fachärzte und Patienten online Nachrichten schicken können. „Die Dokumentation  wird zur Kommunikation genutzt“, erläuterte Landgraf.

 
Die Kommunikation ist auf dem Weg, selbst zur Medizin zu werden. Sascha Lobo
 

Ein Vorteil:  Durch die digitale Vernetzung kann sich die Internistin jederzeit über den aktuellen  Zustand ihrer Patienten im Pflegeheim informieren. „Morgens lese ich, was in  der Nacht war, und abends, was am Tag war“, berichtete sie.

Insgesamt  habe die digitale, systematisierte und zeitnahe Kommunikation eine enorme  Arbeitserleichterung gebracht und Informationsdefizite verringert: Arzt und  Pflegepersonal können sich online über den Gesundheitszustand der  Pflegebedürftigen austauschen und zeitnah reagieren. Dadurch kommunizierten  Ärzte und Pflegekräfte auch mehr auf Augenhöhe.

Die  Voraussetzung zur Einführung dieses Kommunikationssystems mit dem Pflegeheim sei  ideal gewesen, da ihre Praxis alle Patienten dort behandle. Wenn ein Arzt nur  wenige Patienten eines Heims behandle, lohnt sich ein solcher Aufwand  sicherlich nicht, meinte Landgraf.

Inzwischen  sind Studien geplant um zu klären, ob solche Tools auch in der ambulanten  Pflege eingesetzt werden können. Vernetztes Zusammenarbeiten vor allem mit den  Angehörigen sei nötig – immerhin übernehmen Angehörige in Deutschland rund 70%  der Pflege.

Patienten informieren sich im Internet –  nicht jeden Arzt freut es

Lobo  wies auf den Trend hin, dass sich viele Patienten über das Internet informieren.  Während manche Ärzte die Augen rollen, wenn der Patient mit detaillierten Informationen  aus dem Internet in das Behandlungszimmer kommt, schätzen andere genau dies: Wenn  Patienten beispielsweise ihre chronischen Krankheiten wie Diabetes selbst  überwachen und mit entsprechendem technischem Equipment Daten sammeln, die sie  dann mit dem Arzt besprechen. Die Hausärztin Landgraf erachtet solche Patienten  als vorbildlich: „Sie sind gut informiert und übernehmen viel  Selbstverantwortung für ihr eigenes Leben“, betonte sie.

„Die Kommunikation ist auf dem Weg,  selbst zur Medizin zu werden“, sagte Lobo und bezog sich dabei auf das  neueste Projekt von Mark Zuckerberg und seiner Frau Priscilla Chan: Es handelt  sich um die Suchmaschine des kanadischen Start-up-Unternehmens Meta. Diese Suchmaschine durchforstet mithilfe  Künstlicher Intelligenz wissenschaftliche Publikationen, verarbeitet sie und  wertet sie aus – die Ergebnisse sollen dann künftig frei zugänglich sein. Die  Idee dahinter: Ärzte und Wissenschaftler sollen schneller und einfacher auf  Erkenntnisse aus Millionen Veröffentlichungen zugreifen und diese für ihre  Arbeit nutzen können.

Videosprechstunde: Wackliges Bild –  schlechter Ton?

Auch die  Videosprechstunde wurde als neue digitale Möglichkeit diskutiert. Dr. Johannes Wimmer betonte allerdings,  dass Videosprechstunden natürlich nicht den Erstkontakt zum Patienten ersetzen  können. Wimmer ist Leiter der digitalen Patientenkommunikation im Competenzzentrum  Versorgungsforschung in der Dermatologie (CV Derm) der Universitätsklinik  Hamburg-Eppendorf. Wenn ein Patient aber zum Beispiel auf ein neues Medikament  eingestellt worden sei, dann reiche es auch 1 oder 2 Wochen später, in einem  Video-Call abzuklären, wie es ihm gehe.

Tatsächlich  haben viele Praxen aber gar nicht die technische Ausstattung. „Wir reden hier  zum Teil von der Mondlandung, es steht aber noch nicht einmal das Fahrrad vor  der Tür“, so Wimmer.

Wimmer hält  auch den Einsatz von digitalen Mitteln für die Aufklärung von Patienten für wesentlich.  Er selbst betreibt z.B. die Internet-Seite „doktor-johannes.de“, auf der er für  Patienten kurze Videos anbietet, die medizinische Fragen klären.

Die GKV-Spitzenverbands-Vorstandsvorsitzende  Pfeiffer sieht durchaus die Chancen, mit telemedizinischen und digitalen  Mitteln die Versorgung für Patienten zu verbessern. Sie warnte aber auch davor,  zu große Heilsversprechen in den neuen digitalen Möglichkeiten zu sehen. So  könne es in Einzelfällen vielleicht aufwändiger sein und länger dauern, bei der  Videosprechstunde Bild und Ton richtig einzustellen, als den Patienten persönlich  in die Praxis einzubestellen.

Am  Empfang einer Praxis werde zudem der Ablauf einer Sprechstunde getaktet – alle 5 Minuten betreten die Patienten das Behandlungszimmer. Schwieriger sei dies bei  einer Videosprechstunde zu organisieren. Zudem seien Videosprechstunden für  diejenigen Patienten geeignet, denen in der Nähe keine Fachärzte zur Verfügung  stünden – für jemanden, der in Berlin Mitte wohne, sei dies jedoch wenig  sinnvoll.

Das  Bundesgesundheitsministerium will den netzpolitischen Dialog fortsetzen – mit  einer Diskussion über Ethik und Digitalisierung im Gesundheitswesen am 17. Mai 2017.



REFERENZEN:

1. Bundesministerium  für Gesundheit: Netzpolitischer Dialog, Videostream auf Facebook, 22. März 2017

Kommentar

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