Aktion „Roter Stöckelschuh“ will Sexarbeiterinnen den Zugang in die Frauenarzt-Praxis erleichtern

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

28. März 2017

Dresden – Die Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG) tritt dafür ein, dass Sexarbeiterinnern gesundheitlich noch besser versorgt und betreut werden und unterstützt die „Aktion Roter Stöckelschuh“ [1]. Ein Sticker mit einem roten Stöckelschuh im Eingangsbereich einer gynäkologischen Praxis soll signalisieren, dass Frauen aus der Sexarbeit willkommen sind.

Dr. Claudia Schumann

„Viele Sexarbeiterinnen wünschen sich eine kontinuierliche Betreuung durch Frauenärzte, die spezielle Fragen ihres Berufsalltags sowie fundierte Informationen zu Prävention, Diagnostik und Therapie von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) und die Beratung bei individuellen Problemen umfasst“, erläutert die DGPFG-Vizepräsidentin Dr. Claudia Schumann. Doch auf beiden Seiten herrsche oft große Verunsicherung, wie man miteinander umgehen soll.

 
Viele Sexarbeiterinnen wünschen sich eine kontinuierliche Betreuung durch Frauenärzte … Dr. Claudia Schumann
 

Erstmals war Sexarbeit Thema auf der Jahrestagung der DGPFG [2]. Auf dem Podium nahmen auch der „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. (BesD)“ und die Kontakt- und Anlaufstelle „Ragazza“ aus Hamburg teil. Wie viele Sexarbeiterinnen in Deutschland tatsächlich tätig sind, dazu fehlen Daten. Die Schätzungen reichen von 200.000 bis 400.000 Personen.

Unsicherheit auf beiden Seiten

„Sexarbeiterinnen tun sich schwer, sich beim Gynäkologen zu outen“, erläutert Schumann gegenüber Medscape. Sie befürchten aufgrund ihres Berufes stigmatisiert zu werden. Auch wüssten sie zum Teil nicht, ob sie sich mit ihren berufsspezifischen Themen, vor allem Infektionen durch sexuell übertragbare Krankheiten (STI), an die Fachärzte wenden können und sich diese hier auskennen. Unsicherheit herrsche aber auch auf der Seite der Frauenärzte, wie sie adäquat mit den Prostituierten umgehen sollen. Oft schwingen Vorstellungen von illegalem Menschenhandel und unter Zwang ausgeübter Prostitution mit.

„Sexarbeiterinnen wollen nicht gleich in eine Schublade gesteckt werden. Wichtig ist hier sicherlich zunächst einmal zuzuhören, was die Patientin für ein Anliegen hat“, betont Schuhmann. „Sexarbeiterinnen wollen auch nicht ungefragt gerettet werden. Sie brauchen je nach Situation eine respektvolle Aufnahme, Zuhören und Informationen“, erklärt auch Dr. Dorothea Kimmich-Laux, Frauenärztin bei „Ragazza“ in Hamburg, einer Kontakt- und Anlaufstelle für Frauen, die Drogen konsumieren und der Prostitution nachgehen, in der Pressemitteilung der DGPFG.

 
Sexarbeiterinnen tun sich schwer, sich beim Gynäkologen zu outen. Dr. Claudia Schumann
 

Auch Schumann betont: „Schon der Begriff ‚Prostitution‘ weckt viele Emotionen. Aber wir wissen zu wenig darüber. Wir brauchen mehr Sachlichkeit in der Diskussion.“ Deshalb werde die DGPFG Fortbildungen zu diesem Thema entwickeln, die einerseits fachlich aufklären, andererseits aber auch die Mediziner in der Kommunikation mit Personen aus der Sexarbeit schulen. Hierzu gebe es neben vielen offenen Fragen auch Verständigungsschwierigkeiten mit den Sexarbeiterinnen, etwa wenn diese aus osteuropäischen Ländern wie Rumänien oder Bulgarien stammen.

 
Sexarbeiterinnen wollen nicht ungefragt gerettet werden. Sie brauchen je nach Situation eine respektvolle Aufnahme, Zuhören und Informationen. Dr. Dorothea Kimmich-Laux
 

Wer bezahlt für Diagnostik?

Bislang gehen Sexarbeiterinnen eher zum Gesundheitsamt oder in Spezialpraxen zur STI-Diagnostik. Bei den Gesundheitsämtern sind entsprechende Tests kostenlos. Auch hier will sich die DGPFG dafür einsetzen, Informationen so aufzubereiten, dass leicht ersichtlich wird, welche Untersuchungen von den Kassen bezahlt werden und welcher Eigenanteil geleistet werden muss. Es handle sich ja nicht um große Summen, sagt Schumann.

„Sexarbeiterinnen wären sicherlich dazu bereit, auch dafür zu bezahlen, wenn sie eine kontinuierliche ärztliche Behandlung erhalten“, meint die DGPFG-Vizepräsidentin. Letztlich betreffe das STI-Thema aber nicht nur die Sex-Arbeiterinnen und deren Kunden, sondern auch deren Partner, die im Infektionsfall ja ebenfalls behandelt werden müssen.

„Wir begrüßen die Aktion ‚Roter Stöckelschuh‘, da Sexarbeitende immer noch aktiv diskriminiert und stigmatisiert werden. Akzeptierend eingestellte Ärzte sind für uns sehr wichtig, denn nur so haben wir den Mut, uns zu offenbaren“, bestätigt Fabienne Freymadl, Vorstandsperson im BesD und selbst Sexarbeiterin.

Der BesD will eine Liste der frauenärztlichen Praxen führen, in denen Sexarbeiterinnen willkommen sind. Die Aufkleber „Roter Stöckelschuh“ können beim Hamburger Verein Ragazza bestellt werden. Im vorab geschickten Freiumschlag erhalten die Besteller zudem wichtige thematische Informationen.



REFERENZEN:

1. Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe: Pressemitteilung, 20. März 2017

2. 46. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe, 1. bis 4. März 2017, Dresden

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....