HIT bei Herzinsuffizienz: Hochintensives Intervalltraining enttäuscht in Studie – ist der HIT-Hype nun passé?

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

28. März 2017

Herzinsuffizienz-Patienten profitieren deutlich weniger  als bisher angenommen von hochintensivem Intervalltraining (HIT), so das  Ergebnis von SMARTEX-HF. Sie ist die erste Langzeitstudie, die die Auswirkungen  von Intervall- und herkömmlichem Ausdauertraining bei diesen Patienten getestet  hat. Nach einem Jahr hochintensiven Intervalltrainings zeigten sich keine  signifikanten Verbesserungen bei maximaler Sauerstoffaufnahme und Pumpfunktion im  Vergleich zum Ausdauertraining mit geringen und mittleren Intensitäten [1].

Hype um HIT ist  passé

„HIT war weniger effektiv als wir annahmen – und als es  eine vorherige Studie angedeutet hatte“, musste das internationale  Autorenkollektiv um Prof. Dr. Øyvind Ellingsen vom Trondheim  Universitäts-Hospital in Norwegen am Ende der Studie feststellen. „Ich hatte  mir mehr vom HIT versprochen – für mich ist der Hype des HIT bei systolischer Herzinsuffizienz erst  einmal vorbei.”, sagt auch Co-Autor Prof.  Dr. Martin Halle, von der Technischen Universität München gegenüber Medscape. Sowohl der Trainingseffekt als  auch die Verbesserung der Pumpfunktion fielen geringer aus als es sich die  Forschergruppe erhofft hatte, sagt er.

HIT sei im Grunde „alter Wein in neuen  Schläuchen”, erklärt Prof. Dr. Wilfried  Kindermann vom Institut für Sport- und  Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Seit  jeher gehöre intensives Intervalltraining zur Trainingsmethodik im Leistungssport.  „Neu ist, dass wissenschaftlich diskutiert wird, ob HIT – synonym HIIT genannt  – auch für den Patientensport geeignet ist”, erklärt der langjährige Arzt der  deutschen Olympiamannschaft gegenüber Medscape.

Aktuell empfehlen die Leitlinien zur Behandlung der  Herzinsuffizienz Sport als ergänzende Therapie. Jedoch sei immer noch unklar,  wie genau Herzinsuffizienz-Patienten trainieren sollen, schreiben die Autoren. Sicherheit  und Wirksamkeit von moderatem Ausdauertraining seien bisher am besten erforscht  – daher werde den Patienten oft zu einem solchen Training geraten.

Jedoch hat eine 2007 veröffentlichte Pilotstudie von Prof. Dr. Ulrik Wisløff , Norwegische  Universität für Technik und Wissenschaft, Trondheim, Norwegen, und Kollegen mit 27 Herzinsuffizienz-Patienten mit reduzierter Ejektionsfraktion gezeigt, dass  hochintensives aerobes Intervalltraining mit submaximalen Pulsfrequenzen und  Trainingsintervallen von 1 bis 4 Minuten bei maximaler Sauerstoffaufnahme (VO2max) wirksam ist: Pumpfunktion,  endotheliale Funktion und Lebensqualität der Patienten verbesserten sich im  Vergleich zum herkömmlichen Ausdauertraining signifikant.

 
Für mich ist der Hype des HIT bei systolischer Herzinsuffizienz erst einmal vorbei. Prof. Dr. Martin Halle
 

In Norwegen werde seither auch bei Herzpatienten hoch-intensives  Training propagiert, von Experten in den USA jedoch klar abgelehnt, sagt Halle.  Hierzulande werde Herzinsuffizienzpatienten „moderat intensives Training  empfohlen”.

Es stellte sich also die Frage, ob HIT generell Teil der  Standard-Therapie für Herzinsuffizienz-Patienten werden solle. Daher waren die  Langzeitresultate von SMARTEX-HF, der ersten Multicenter-Studie, die HIT bei  Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz mit eingeschränkter  Ejektionsfraktion über ein Jahr untersuchte, mit Spannung erwartet worden. „Wir  wollten herausfinden, ob die Effektgröße in einem Setting, das mehr der  Realität im klinischen Alltag entspricht, beibehalten werden kann“, erklären  die Autoren in Circulation.

„Ich war durchaus zuversichtlich, weil die Patienten das  Training gut absolvieren konnten”,   erklärt Halle. „Aber es zeigte sich, dass man größere Fallzahlen  braucht, um wirklich valide Ergebnisse zu bekommen. Ein grundsätzliches Problem  bei den Lebensstil-Interventionen”, so sein Fazit.

Intervalltraining  nicht besser als herkömmliches moderates Ausdauertraining

In 9 europäischen Zentren, unter anderem in München und Leipzig,  absolvierten 261 Herzinsuffizienz-Patienten (Durchschnittsalter 60 Jahre; 19% Frauen) mit einer linksventrikulären Ejektionsfraktion von weniger als 35% und im  NYHA-Stadium 2 (71%) bis 3 folgende Trainingsprogramme: Entweder sie nahmen  über 12 Wochen hinweg pro Woche an 3 begleiteten HIT-Einheiten – Laufband oder  Fahrradergometer – teil (Ziel: 90-95% der maximalen Herzfrequenz) oder sie  machten ein moderates Ausdauertraining (Ziel: 60-70% der maximalen  Herzfrequenz).

 
Eine Pulsfrequenz von 90 bis 95% des Maximums ist in einer solchen Patientenkohorte schwer zu erreichen. Prof. Dr. Øyvind Ellingsen und Kollegen
 

Die Kontrollgruppe trainierte ohne Begleitung zu Hause  und traf sich alle 3 Wochen zu einer gemeinsamen Trainingseinheit, in der mit  50 bis 70% der maximalen Pulsfrequenz trainiert wurde. Um festzustellen,  inwieweit die vorgegebenen Intensitäten eingehalten wurden, führten die  Forscher Pulsmessungen während des Trainings durch.

Nach dem Interventionszeitraum wurde allen Patienten  empfohlen auf diese Weise weiter zu trainieren, jedoch ohne Begleitung. Nach 12 sowie nach 52 Wochen wurde die Veränderung des linksventrikulären enddiastolischen  Durchmessers (LVEDD) und der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max) gemessen.

Nach 12 Wochen zeigten sich bei diesen Messungen keine  signifikanten Unterschiede zwischen Intervall- und Dauertrainingsgruppe. Beide  begleiteten Trainingsgruppen schnitten signifikant besser ab als die  Kontrollgruppe, die ausschließlich alleine trainierte. Jedoch hielt dieser  Effekt nicht über die gesamte Studiendauer von einem Jahr an – nach 52 Wochen bestanden  keine signifikanten Unterschiede mehr zwischen den Gruppen.

„Obwohl wir unmittelbar nach der 12-wöchigen Intervention  eine statistisch signifikante Differenz zwischen HIT und Dauertraining  hinsichtlich Remodeling feststellten, ist unklar, ob dieser Unterschied  klinisch relevant ist“, räumen Ellingsen und Kollegen ein. Vermutet hatten sie beim  LVEDD einen Unterschied von -4,5 mm zwischen HIT und regulärem Training zu  Hause, der aber tatsächlich in SMARTEX-HF nur -2,8 mm betrug. In der Wisloff-Pilotstudie  lag er bei -7,7 mm. Der durch Dauertraining erzielte Rückgang belief sich auf  -1,6 mm, was der Hypothese entsprach (-1,5 mm). Auch die Verbesserung der VO2max entsprach nicht  den Erwartungen und war nach dem HIT „deutlich geringer“ als in der  Wisloff-Studie.

Herzpatienten  schaffen submaximale Intensitäten nicht

Auf die Ergebnisse der HIT-Gruppe dürfte sich besonders  ausgewirkt haben, dass nur knapp die Hälfte der Teilnehmer die  Ziel-Pulsfrequenz von 90 bis 95% des Maximalwerts erreicht hatte. 51% der  Gruppe trainierte unter diesen Zielwerten, während 80% der Patienten, die  Dauertraining absolvierten, über den empfohlenen Pulswerten von 60 bis 70% des  Maximums blieben. In der HIT-Gruppe erreichten die Patienten im Schnitt eine  Herzfrequenz von 90% des Maximums; in der Dauertrainingsgruppe 77%.

„Also betrug der Unterschied nur 10%, im Gegensatz zu den  im Studienprotokoll angestrebten 27,5%“, resümieren die Autoren. Trotz der  Erfahrung, die die Studienzentren in der kardialen Rehabilitation aufwiesen,  scheint eine Pulsfrequenz  von 90 bis 95% des Maximums in einer solchen Patientenkohorte schwer zu  erreichen“, führen die Autoren an. Eine Intensität von 60-70% dagegen  sei vermutlich zu niedrig. 

„Was für Sportler üblich ist, fällt Herzpatienten meist  schwer”, kommentiert Kindermann.
Trainingseinheiten nahe der maximalen Sauerstoffaufnahme seien für Sportler  nicht ungewöhnlich, werden aber auch von diesen nur punktuell durchgeführt,  erklärt er. „Wenn Herzpatienten mit über 90% der maximalen Herzfrequenz ständig  trainieren, ist das ein erheblicher Stress und stellt entsprechende Anforderungen  an die Motivation. Folglich wird die Compliance nachlassen”, vermutet der  Kardiologe und Sportmediziner. „Deshalb bleibt die Smartex-HF-Studie hinter den  Protokollvorgaben zurück.”

Zudem hatten 60% aller Patienten in SMARTEX-HF bereits  eine Revaskularisierung hinter sich, führen die Studienleiter an. In der  vorherigen Studie traf das nur auf ein Drittel der Teilnehmer zu. Auch waren  die Patienten, die Wisloff und Kollegen untersuchten, im Schnitt 15 Jahre älter  und wiesen zu Studienbeginn eine deutlich geringere VO2max auf.

 
Das konventionelle moderate Ausdauertraining wird für Herzpatienten auch zukünftig die Trainingsmethode der Wahl bleiben. Prof. Dr. Wilfried Kindermann
 

Bei 39% der Patienten in der HIT-Gruppe, 25% in der  Dauertrainingsgruppe und 34% in der Kontrollgruppe kam es während des  Studienjahres zu Komplikationen. In der Interventionsperiode traten in der  HIT-Gruppe 9, in der moderaten Trainingsgruppe 6 und in der Kontrollgruppe 5  kardiovaskuläre Ereignisse auf. Insgesamt, so die Autoren, war die  Komplikationsrate niedrig und nur wenige Patienten schieden aus dem Training  aus. Moderates Dauertraining habe demnach die niedrigste Komplikationsrate,  stellt Halle fest. Bei HIT war sie dagegen ebenso hoch wie bei Patienten, die  keinen Sport trieben.

Trainingsformen  mischen

„Das  konventionelle moderate Ausdauertraining wird für Herzpatienten auch zukünftig  die Trainingsmethode der Wahl bleiben”, sagt Kindermann. Denkbar sei  aber ein gemischtes Training, bei dem einzelne moderate Einheiten durch eine  HIT-Einheit ersetzt werden. Er empfiehlt diese Einheiten zu überwachen,  aufgrund der Tendenz zu häufigeren Komplikationen in SMARTEX-HF.

Wichtig sei am Ende, schreiben Ellingsen und Kollegen, dass  keine der Interventions-Trainingsformen die Herzleistung verschlechtert habe.  Vielmehr konnten beide die aerobe Kapazität, einen wichtigen prognostischen  Faktor bei Herzinsuffizienz, gleichermaßen verbessern. Halle empfiehlt  Herzpatienten „ein fast tägliches Training“, das idealerweise telemedizinisch  überwacht werde.

Die OPTIMEX-Studie zu HIT bei diastolischer  Herzinsuffizienz, laufe noch. Ergebnisse seien 2018 zu erwarten, bemerkt  Halle.  Kindermann wünscht sich eine  „kontrollierte und gut überwachte Studie mit Herzinsuffizienzpatienten, in der  die Effekte des konventionellen Ausdauertrainings mit denen eines kombinierten  Ausdauertrainings, etwa wöchentlich eine Trainingseinheit konventionelles Training  ersetzen durch HIT, verglichen werden.“



REFERENZEN:

1. Ellingsen Ø, et al:  Circulation. 2017;135:839-849

Kommentar

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