Schlaganfall in jungen Jahren: Migräne könnte ein Warnzeichen sein, dass Karotisdissektion droht

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

23. März 2017

Bei jüngeren Patienten mit ischämischem  Schlaganfall existiert anscheinend eine Assoziation zwischen Migräne,  insbesondere Migräne ohne Aura, und Karotisdissektionen. Zu diesem Ergebnis  kommt eine große Fall-Kontroll-Studie aus Italien [1].

                                                               

Prof. Dr. Andreas Straube

                       

„Ganz neu ist diese Erkenntnis nicht“, sagt Prof. Dr. Andreas  Straube, 1. Vizepräsident der  Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, im Gespräch mit Medscape. „Mehrere, allerdings kleinere  Studien haben in der Vergangenheit bereits ähnliche Hinweise geliefert.“ Doch  die Studie bestätige erneut, dass Migräne mit einem erhöhten vaskulären Risiko  verbunden sei – wobei in den meisten Studien Migräne mit Aura deutlich stärker  assoziiert gewesen sei als Migräne ohne Aura.

Die Aura macht den Unterschied

Die 2.485 Patienten in der in JAMA Neurology veröffentlichten Untersuchung waren 18 bis 45 Jahre alt, hatten erstmals einen  ischämischen Schlaganfall gehabt und waren Teil des Registers des Italian  Project on Stroke in Young Adults. Bei 334 (13,4%) der Registerpatienten war  eine Karotisdissektion – eine Aufspaltung des Gefäßes zwischen Intima und Media  – die Ursache für den Schlaganfall. Bei den restlichen 2.151 (86,6%) hatte der  Schlaganfall eine andere Ursache.

Die Autoren um Dr. Valeria De Giuli von der Neurologischen Klinik der Universität  Brescia in Italien berichten: „Patienten mit Karotisdissektion-bedingtem  Schlaganfall hatten mit 30,8% signifikant häufiger eine Migräne als  Schlaganfall-Patienten ohne Karotisdissektion (24,4%).“ Dieser Unterschied sei  hauptsächlich auf Migräne ohne Aura zurückzuführen gewesen.

Insgesamt sei das absolute Risiko in dieser  Altersklasse, einen Schlaganfall zu erleiden, auch für Patienten mit einer  Migräne sehr niedrig, betont Straube.

Im Vergleich zu Migräne mit Aura war Migräne ohne  Aura unabhängig mit Karotisdissektion-bedingtem Schlaganfall assoziiert (OR: 1,74). Diese Assoziation war bei Männern (OR: 1,99) und Patienten von 39 Jahren  oder jünger (OR: 1,82) stärker ausgeprägt.

„Dass vor allem die Migräne ohne Aura eine  Assoziation mit der Karotisdissektion aufweist, ist interessant“, betont  Straube, der an der Neurologischen Klinik der Universität München als Oberarzt  tätig ist. Vermutet hätte man dies eher für die Migräne mit Aura. „Alle  bisherigen Berichte zu dem Thema deuten darauf hin, dass das Risiko für  vaskuläre Ereignisse bei der Migräne mit Aura höher ist als bei der Migräne  ohne Aura.“

 
Eine gemeinsame genetische Suszeptibilität und endotheliale Dysfunktion erscheinen plausibel. Dr. Valeria De Giuli und Kollegen
 

Vom Risikoprofil her hätten sich die Patienten  mit Karotisdissektion-bedingtem Schlaganfall mit oder ohne Migräne nicht  unterschieden, berichten die Autoren weiter. So hatten z.B. 19,4% (mit Migräne)  versus 24,7% (ohne Migräne) einen Bluthochdruck und 1,0% versus 1,3% einen  Diabetes.

Migräne bei offenem Foramen ovale häufiger

„Schon lange gibt es eine Diskussion darüber, ob  das offene Foramen ovale (PFO) mit Migräne assoziiert ist“, ergänzt Straube.  Und hier sei diese Assoziation wieder gefunden worden – wie auch schon in  früheren Fall-Kontroll-Studien.

Patienten mit PFO hatten eine höhere  Migräneprävalenz, speziell der Migräne mit Aura, als diejenigen ohne PFO. Die  Prävalenzen von Migräne mit Aura betrugen 13,9% mit PFO und 6,0% ohne PFO (p < 0,001). Auf die Assoziation zwischen Migräne und Karotisdissektion hatte das  PFO allerdings keinen Einfluss, wie Analysen, von denen PFO-Träger  ausgeschlossen wurden, zeigten.

Gemeinsame biologische Mechanismen

Auf welchem Weg die Migräne das individuelle  Risiko für eine Karotisdissektion erhöhen könnte, sei bislang unbekannt,  schreiben De Giuli und ihre Kollegen. Die Autoren vermuten angesichts ihrer  Ergebnisse aber, dass den Erkrankungen gemeinsame biologische Mechanismen  zugrunde liegen könnten: „Eine  gemeinsame genetische Suszeptibilität und endotheliale Dysfunktion erscheinen  plausibel.“

Gemeinsame genetische Grundlagen wären eine  Erklärung für die Assoziation zwischen Migräne und Karotisdissektion, bestätigt  Straube. „Migräne ist allerdings keine einheitliche Erkrankung, sondern hat  verschiedene Ursachen. In großen Genstudien wurden 38 Genorte gefunden, die mit  einem erhöhten Migränerisiko einhergehen“, berichtet Straube.

Einige der gefundenen  Genorte kodieren für Mechanismen, die die Erregbarkeit von Nervenzellen  steuern. Eine andere Gruppe kodiert für Entzündungsreaktionen. Und eine dritte  Gruppe von Genorten kodiert für Gene, die mit Gefäßen und Endothelien in  Verbindung stehen.

 
Immer noch besteht die Möglichkeit, dass die gefundene Assoziation zwischen Migräne ohne Aura und Karotisdissektion nur ein Zufall ist. Dr. Patrick D. Lyden
 

„Es lässt sich mutmaßen,  dass die Patienten, die genetisch veranlagt eine besondere Vulnerabilität der  Endothelzellen aufweisen, auch die Patienten sind, die nicht nur eine Migräne  kriegen, sondern auch vermehrt eine Dissektion“, sagt Straube. Doch klinische  Relevanz habe dies erst einmal nicht.

Dissektionen lassen sich nicht vermeiden

„Es gibt traumatische  Karotisdissektionen, die etwa durch starke Kopfbewegungen entstehen. Außerdem  häufen sich Karotisdissektionen in der Winterzeit, da sie auch durch eine  Virusinfektion und dadurch bedingte Gefäßentzündungen auftreten können“,  erklärt Straube. „Aber wirklich vermeiden kann man Dissektionen nicht.“

„Ein Warnsignal für eine  Karotisdissektion ist, wenn plötzlich ein einseitiger Kopfschmerz hinter dem  Auge oder im Nacken auftritt.“ Bei Migränepatienten könne dieser Schmerz unter  Umständen schwer vom Migränekopfschmerz zu differenzieren  sein.

Robuster Befund erfordert dennoch Bestätigung

In einem Editorial weist Dr. Patrick D. Lyden vom Department of Neurology am Cedars-Sinai  Medical Center in Los Angeles, USA, darauf hin, dass „immer noch die Möglichkeit besteht, dass die  gefundene Assoziation zwischen Migräne ohne Aura und Karotisdissektion nur ein  Zufall ist“ [2].

 
Wenn junge Patienten einen einseitigen Kopfschmerz bekommen, der untypisch für ihre Migräne ist, sollte man daran denken, dass es auch eine Dissektion sein kann. Prof. Dr. Andreas Straube
 

Künftige Studien sollten deshalb nicht nur nach  den von den Autoren angeregten gemeinsamen biologischen Mechanismen forschen,  sondern auch den Befund bestätigen – auch wenn dieser „angesichts der großen  Patientenzahl und der sorgfältigen Auswertung der Daten robust erscheint“.

„Tatsächlich wurde die Assoziation zwischen  Migräne und Karotisdissektion bislang nur in Fall-Kontroll-Studien wie auch der  vorliegenden gefunden“, so Straube. In einer populationsbasierten Studie, die  eine höhere Aussagekraft habe, sei der Zusammenhang bislang noch nicht  bestätigt worden.

Dennoch rät Straube: „Wenn junge Patienten einen  einseitigen Kopfschmerz bekommen, der untypisch für ihre Migräne ist, sollte  man daran denken, dass es auch eine Dissektion sein kann.“



REFERENZEN:

1. De Giuli V, et al :  JAMA Neurology (online) 6. März 2017

2. Lyden PD: JAMA Neurology  (online) 6. März 2017

Kommentar

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