Immuntherapie gegen Erdnussallergie: Geht bei Kindern auch per Pflaster

Laird Harrison

Interessenkonflikte

22. März 2017

Atlanta – Kinder, die wegen einer Erdnussallergie eine Immuntherapie mittels Hautpflaster erhalten hatten, reagierten in einer auf 3 Jahre angelegten Studie zunehmend toleranter auf das Antigen. Die Nebenwirkungen waren gering und die Kinder hatten keine Probleme damit, das Pflaster zu tragen.

„Wir glauben, dass damit ein wirksamer Schutz erreicht werden kann“, sagt der Studienleiter Dr. Hugh Sampson vom Mount Sinai Medical Center in New York. Er ist führender Wissenschaftler der Firma DBV, die das Viaskin-Hautpflaster entwickelt hat. Auf dem Jahrestreffen der American Academy of Allergy, Asthma and Immunology in Atlanta stellte er die Ergebnisse der OLFUS-Phase-2b-Studie (Open-Label-Extension der VIPES-Studie) vor [1]. Aufgenommen wurden Kinder zwischen 6 und 11 Jahren.

Erdnussallergien werden immer häufiger. Sowohl mit einer oralen als auch mit einer sublingualen Immuntherapie wurden bisher vielversprechende Ergebnisse im Hinblick auf eine Hyposensibilisierung erreicht. Dabei werden immer wieder behutsam geringe Mengen Erdnussantigene zugeführt. Allerdings schrecken Kinder mitunter vor der Einnahme selbst so geringer Mengen zurück, und Nebenwirkungen sind häufig. Bis heute hat die FDA (US Food and Drug Administration) auch keine Immuntherapie bei Erdnussallergie genehmigt.

In der aktuellen Studie wurde ein normal großes, rundes Hautpflaster verwendet: Es wirkt wie eine Kondensationskammer und gibt beständig kleinste Mengen Erdnussantigene in die Haut ab. Jeden Tag wird ein neues Pflaster auf eine andere Körperstelle geklebt. Die normale Transpiration der Haut löst die Erdnussproteine und setzt sie frei, worauf sie das Stratum corneum durchdringen. Vermutlich transportieren Langerhans-Zellen dann die Erdnussproteine in die Lymphknoten, wo regulatorische T-Zellen aktiviert werden.

VIPES-Studie: Teilnehmer tolerierten mehr Erdnussallergen

Sampson und seine Mitautoren nahmen in die VIPES-Studie (NCT01675882) zunächst 221 Personen zwischen 6 und 55 Jahren auf: Sie hatten einen erdnussspezifischen IgE-Spiegel von über 0,7 kUA/l, einen Quaddeldurchmesser von mindestens 8 mm im Prick-Test und zeigten eine allergische Reaktion auf maximal 300 mg Erdnussprotein. Die Teilnehmer erhielten über 12 Monate Erdnuss in einer Dosierung von 50 µg, 100 µg oder 250 µg oder ein Placebo. Als Responder wurden Personen definiert, die mindestens 1.000 mg Erdnussproteine zu sich nehmen konnten, ohne eine Reaktion zu zeigen, oder Personen, die eine mindestens zehnfache Erhöhung der anfänglich auslösenden Menge an Erdnussproteinen tolerierten.

 
Wir waren mit den Ergebnissen der 250-µg-Pflaster in dieser Altersgruppe sehr zufrieden, sodass wir uns einer Phase-3-Studie zuwenden. Dr. Hugh Sampson
 

Die besten Resultate wurden in der 250-µg-Gruppe erzielt, sodass alle Studienteilnehmer, einschließlich der aus der Placebo-Gruppe, zur Teilnahme an der weiterführenden OLFUS-VIPES-Studie (NCT01955109) eingeladen wurden. In dieser Studie sollte diese Dosierung für weitere 24 Monate beibehalten werden. Es ließen sich daraufhin 171 Erwachsene und Kinder registrieren. Am Ende – nach 36 Behandlungsmonaten mit dem Hautpflaster – erfüllten 15 von 18 Kindern (83,3%) die Kriterien eines Responders. „Ich meine, das ist ein ziemlich gutes Ergebnis“, sagte Sampson.

Das entsprach einer Zunahme der Responder von 53,3% in 12 Monaten. Die mittlere kumulative Reaktionsdosis erhöhte sich von 444 mg nach 12 Monaten auf 1.440 mg nach 36 Monaten. In den 36 Monaten sank der durchschnittliche erdnussspezifische IgE-Spiegel bei Kindern um 36,5%, während das erdnussspezifische IgG4 um 473% zunahm. „Es handelt sich hier um ein typisches Veränderungsmuster, das wir bei den meisten Immuntherapien beobachten“, erklärte Sampson.

Es gab keine schweren Nebenwirkungen der Therapie, und es kam auch zu keinem behandlungsbedingten Einsatz von Adrenalin. Alle Teilnehmer beschrieben Nebenwirkungen in der Art von vornehmlich Erythemen, Juckreiz, Ekzemen, geschwollenen Papeln, Dermatitis und Urtikaria, doch waren alle Beschwerden leicht mit Antihistaminika und topischen Steroiden zu behandeln. Die Schwere und Häufigkeit dieser Ereignisse nahm überdies im Laufe der Zeit ab.

„Wir waren mit den Ergebnissen der 250-µg-Pflaster in dieser Altersgruppe sehr zufrieden, sodass wir uns einer Phase-3-Studie zuwenden“, sagte Sampson. In diese neue Studie werden jetzt 350 Kindern aufgenommen. Und es wurde eine zusätzliche Sicherheitsstudie gestartet.

Jugendliche und Erwachsene reagierten weniger positiv auf die Pflaster. „Das heißt jedoch nicht, dass wir keine Anstrengungen unternehmen würden, um diesen Ansatz auch für Erwachsene zu optimieren“, fuhr Sampson fort. Ein möglicher Grund für eine bessere Ansprache bei Kindern könnte nach Sampson die Neigung der Langerhans-Zellen zur Anhäufung an Haarfollikeln sein. Die Zahl der Haarfollikel nimmt beim Wachstum der Kinder nicht zu, wodurch sie sich voneinander entfernen. Demzufolge interagiert ein Hautpflaster bei Kindern mit mehr Langerhans-Zellen als bei Erwachsenen.

Welche Immuntherapie für welchen Patienten?

Dies seien ermutigende Ergebnisse, doch sei es noch zu früh, um zu sagen, dass die eine Form der Immuntherapie besser ist als die andere, kommentierte Dr. Edwin Kim von der University of North Carolina in Chapel Hill die aktuellen Studiendaten.

 
Als Kliniker gehe ich davon aus, dass es für jeden Patienten eine geeignete Behandlungsform gibt. Dr. Edwin Kim
 

„Als Kliniker gehe ich davon aus, dass es für jeden Patienten eine geeignete Behandlungsform gibt“, sagte Kim gegenüber Medscape. Bisher seien die Effekte bei der oralen Immuntherapie scheinbar stärker, doch zeigten sich bei ihr auch stärkere Nebenwirkungen als beim Hautpflaster oder bei sublingualer Gabe. „Es gibt Patienten, die sich die orale Immuntherapie als bewährteste Behandlungsform wünschen werden“, sagte er weiter, „doch werden sich andere für die bequemste Darreichungsform entscheiden.“

Auch mit oraler Immuntherapie Erfolge bei Kindern

Kim präsentierte auf der Konferenz Ergebnisse einer Sublingual-Studie. Er hatte mit seinem Team Kinder zwischen einem und 11 Jahren mit Erdnussallergie mit sublingualen Tropfen einer 2-mg-Erdnusslösung behandelt. Bei 37 Kindern zeigte sich nach 12 Monaten eine Desensibilisierung, sodass diese die Behandlung auf 36 bis 60 Monate ausdehnten. Zu diesem Zeitpunkt konnten dann 12 Kinder (32%) 5.000 mg Erdnussprotein ohne Anzeichen einer Reaktion aufnehmen. Der Median der folgenlos konsumierten Erdnussmenge lag bei 1.750 mg.

 
Die Patienten wollen sich sicher sein, dass sie in ihrem Alltag und in sozialen Situationen keine Reaktionen auf Erdnüsse zeigen. Dr. Edwin Kim
 

Als diese 12 Kinder die sublinguale Tropfeneinnahme für 2 bis 4 Wochen unterbrochen hatten, veränderte sich bei 10 von ihnen die Reaktionslage nicht, und sie konnten weiterhin 5.000 mg Erdnussprotein ohne Folgen aufnehmen. Die beiden anderen Kinder waren noch zur Aufnahme von 3.750 mg in der Lage, bevor sich Symptome einstellten.

„Wir wissen nicht genau, wie lange die Hyposensibilisierung gegenüber Erdnüssen anhält oder wie viel Desensibilisierung genug ist“, sagte Kim. Doch über die Ziele einer Immuntherapie wird in der Forschungsgemeinschaft diskutiert werden.

„Was wir jedoch festgestellt hatten, war, dass fast alle dieser Patienten keine Erdnüsse essen wollten“, fuhr Kim fort. Ihnen ginge es darum, eine Reaktion zu verhindern, falls sie zufällig doch Erdnuss zu sich nehmen. „Uns geht es um den Schutz: Die Patienten wollen sich sicher sein, dass sie in ihrem Alltag und in sozialen Situationen keine Reaktionen auf Erdnüsse zeigen.“


Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.



REFERENZEN:

1. Jahrestreffen der American Academy of Allergy, Asthma and Immunology, 3. bis 6. März 2017, Atlanta/Georgia/USA

 

Kommentar

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