Ärzte und Kliniken nicht für die Versorgung von Terroropfern gerüstet – und nicht für einen Anschlag auf Kliniken selbst

Christian Beneker

Interessenkonflikte

22. März 2017

Köln – Terrorangriffe: „Sind wir gut vorbereitet?“, fragte Prof. Dr. Bertil Bouillon während seines Vortrages auf dem Gesundheitskongress des Westens in Köln und lieferte die Antwort gleich mit [1]. „Nein. Was wir brauchen, ist eine berufliche, fachübergreifende und sachliche Diskussion der medizinischen Versorgung im Falle eines Terrorangriffs.“ Bouillon ist Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie der Kliniken Köln.

Sein Vorschlag: Der Sanitätsdienst der Bundeswehr und die Traumanetzwerke im Land sollen gemeinsam für den Ernstfall trainieren, zum Beispiel gemeinsame Fortbildungen absolvieren.

Anschläge auch in Europa

Wie zum Beweis der Gefahr überfielen am Tag nach Bouillons Referat Terroristen des so genannten Islamischen Staates (IS) ein Regierungskrankenhaus in Kabul/ Afghanistan. Das berichtete die Deutsche Presseagentur. Die als Ärzte verkleideten Terroristen töteten mehr als 30 Patienten, Pflegende und Ärzte der Klinik. Dass die Gefahr terroristischer Angriffe auch in Europa real ist, zeigten unter anderem die Attacken in Paris, Madrid oder Berlin.

  • Zum Beispiel die Terroranschläge auf die Vorortzüge in Madrid im März 2004: 10 Bomben in Vorortzügen der spanischen Hautstadt töteten 192 Menschen und verletzten 1.400.

  • Oder Paris 2016: An 8 Anschlagsorten in der Stadt forderten die Attacken 130 Tote und 352 Verletzte.

  • Oder der Angriff auf den Flughafen in Brüssel mit 35 toten und 30 verletzten Menschen.

  • Schließlich der Angriff auf den Berliner Weihnachtsmarkt im vergangenen Jahr: 11 Menschen starben und 55 wurden verletzt.

 
Was wir brauchen, ist eine … fachübergreifende und sachliche Diskussion der medizinischen Versorgung im Falle eines Terrorangriffs. Prof. Dr. Bertil Bouillon
 

Bekanntlich hatte ein Terrorist in Berlin einen LKW in die Besuchermenge des Weihnachtsmarktes gesteuert. Zuerst glaubten die Rettungskräfte an einen Unfall und haben den Ort des Anschlags auch so behandelt, so Bouillon. Die Rettungsdienste hatten sich alle am Ort des Geschehens versammelt und ihre Zelte aufgebaut, um die Verletzten zu versorgen. „Aber niemand ist auf die Idee gekommen, die Ladefläche des LKWs zu öffnen und nachzusehen, was darin ist. Eine viel größere Katastrophe wäre möglich gewesen.“ Nicht auszudenken, wenn der LKW eine Ladung als „second hit“ mitgeführt hätte, als zweiten Schlag, der dann vor allem die Retter getroffen hätte.

Terror stellt vor neue Herausforderungen

Nach Ansicht Bouillons müssen die Rettungssysteme in Deutschland auf solche Katastrophenlagen besser vorbereitet werden. Zwar seien die Rettungskräfte auf einen Massenanfall von Verletzten (MANV) vorbereitet. Aber terroristische Lagen funktionieren anders als Unfälle:

  • Oft geschehen die Anschläge kurz hintereinander an verschiedenen Orten – wie in Paris.

  • Die Rettungskräfte und die Krankenhäuser müssen mit jenem gefürchteten zweiten Schlag rechnen, die die Rettungswagen oder die Krankenhäuser betreffen können.

  • Die Terroristen benutzen oft Kriegswaffen. „Sie verursachen Verletzungen, mit denen wir im zivilen Bereich praktisch keine Erfahrungen haben“, sagte Boullion. „Vor allem sehr starke Blutungen. Das gilt auch für Opfer von Explosionen. Terroropfer verbluten.“

  • Retter wollen normalerweise sofort helfen. „Aber bei terroristischen Anschlägen müssen wir zuerst die Polizei an die Unglücksstelle lassen. Da muss die Kommunikation mit der Polizei verbessert werden.

Mit Anschlägen auch auf Kliniken rechnen

Zudem nehmen Terroristen eben auch Kliniken ins Visier. „Unsere Kliniken sind ganz ungeschützt. Welche Klinik hat irgendeine Vorstellung von einem second hit?“, fragte Bouillon. „In Tel Aviv hat man wegen schlechter Erfahrungen eine Vor-Triage vor der eigentlichen Notfallaufnahme eingerichtet“, so Bouillon zu Medscape. „Im Falle von Anschlägen werden dort die Patienten erstuntersucht und dann entkleidet, um eventuelle Waffen oder Sprengstoffgürtel rechtzeitig zu entdecken. Erst dann kommen die Verletzten ins eigentliche Haupthaus.“

In Südafrika werden Röntgengeräte mit schwacher Strahlung eingesetzt, um die Patienten auf eventuelle Waffen hin zu durchleuchten. Zwar schlägt Bouillon keine vergleichbaren Einrichtungen für deutsche Kliniken vor. Aber es gehe um die Sensibilität der Akteure für den Fall der Fälle, sagt er.

 
Kriegswaffen verursachen Verletzungen, mit denen wir im zivilen Bereich praktisch keine Erfahrungen haben. Prof. Dr. Bertil Bouillon
 

„Wir gehen ja immer mit großem Herzen auf unsere Patienten zu. Aber wenn Verletzte eines Terroranschlages versorgt werden müssen, wäre ein Codewort gut, das allen im Krankenhaus signalisiert: alle Türe schließen oder Streifenwagen vor die Notaufnahmen. „Das kann sich bis heute bei uns kaum jemand vorstellen, so Bouillon, „aber was haben wir uns bis heute nicht alles nicht vorstellen können?“

Kooperation von Sanitätsdienst und Traumanetzwerken.

Bouillon schlägt vor, dass Sanitätsdienst und die Traumnetzwerke Deutschlands enger kooperieren und gemeinsam ihr Know-how erweitern. „Nur so könnten die Herausforderungen gemeistert werden.“ So sollten die 52 deutschen Traumanetzwerke (TraumaNetzwerk DGU®) in die Planungen zur medizinischen Versorgung im Terrorfall mit einbezogen werden. Außerdem brauche es spezielle Fortbildungen für Chirurgen und Notfallmediziner oder die Erweiterung des Traumaregisters.

 
Unsere Kliniken sind ganz ungeschützt. Welche Klinik hat irgendeine Vorstellung von einem second hit? Prof. Dr. Bertil Bouillon
 

Die zusammengeschlossenen Netzwerke im „Weißbuch Schwerverletztenversorgung“ haben unter anderem Standards zur medizinischen Versorgung von Traumapatienten festgelegt und ein Traumaregister mit Patientendaten und Daten über die Versorgungsqualität eingeführt. „Wir haben inzwischen rund 200.000 Patientendaten gesammelt – aber wir haben noch keine Schuss- und Explosionsverletzungen dokumentiert“, sagte Bouillon, „das müsste sich ändern.“

Im Herbst vergangenen Jahres haben die Bundeswehr und die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) dazu einen 5-Punkte-Plan der zivil-militärischen Zusammenarbeit vorgelegt:

  • Jährliche Notfallkonferenzen,

  • in den Netzwerken Bewusstsein schaffen und Kenntnisse transportieren (Informationstage, Leitfäden),

  • spezielle Ausbildungsformate für Chirurgen,

  • Erweiterung des Traumaregisters um ein Schuss- und Explosionsregister,

  • Kooperation von DGU und dem Sanitätsdienst der Bundeswehr und der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie.

Gut vorbereitete Krankenhäuser und Rettungskräfte helfen dabei, der Bevölkerung in Zeiten des Terrors ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, resümierte Bouillon. „Damit hätten die Terroristen eines ihrer Ziele schon verfehlt: die Verunsicherung und Desorientierung einer Gesellschaft.“



REFERENZEN:

1. Gesundheitskongress des Westens, 7. bis 8. März 2017, Köln

 

Kommentar

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