Osteoarthritis: Internet-basierte Strategie eröffnet neue Wege für die Behandlung chronischer Knieschmerzen

Dr. Ingrid Horn

Interessenkonflikte

20. März 2017

Patienten mit chronischen Knieschmerzen und entsprechenden Funktionseinbußen können von einem telemedizinischen Versorgungsmodell profitieren. Dies ergab eine in den Annals of Internal Medicine publizierte australische Studie [1].

Bei Patienten mit Zugang zu einer internet-basierten Therapie bestehend aus einem interaktiven Trainingsprogramm zur Schmerzbewältigung (PainCOACH) und regelmäßigen Skype-Sitzungen mit den behandelnden Physiotherapeuten verbesserten sich sowohl die Schmerzsituation als auch die Funktionalität im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die ausschließlich mit Online-Lehrmaterial versorgt worden war. Dies berichten Dr. Kim L. Bennell von der Universität Melbourne und Kollegen.

Dr. Ulrich Clever

„Die positiven Effekte hielten mindestens 6 Monate lang an“, stellen die Autoren fest. Die Patienten hätten das internet-basierte Behandlungskonzept hervorragend angenommen und wären mit dem Ergebnis sehr zufrieden gewesen.

Für Dr. Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg, unterstreicht die Studie das grundsätzliche Potential internet-gestützter Kommunikation für die Behandlung, nicht zuletzt bei chronischen Erkrankungen. „Sie hilft bei der effizienteren Gestaltung von Prozessen in der ärztlichen Praxis und bringt vor allem bei der Versorgung in der Fläche Vorteile“, erläutert der Mediziner gegenüber Medscape. Die Landesärztekammer stünde deshalb dem Thema Telemedizin sehr aufgeschlossen gegenüber.

„Für einige Patienten wird die Telemedizin von Teilen der Ärzteschaft schon praktiziert“, stellt Clever weiter fest. Er verweist dabei als Beispiel auf die Pneumologie, wo sich telemedizinische Strategien für die dauerhafte Betreuung chronischer Patienten auf dem Land als erfolgreich erwiesen hätten. Lungenfachärzte gäbe es nur noch in Großstädten, weshalb ein Asthma-Patient von der Schwäbischen Alb ansonsten weite Wege für einen Arztbesuch auf sich nehmen müsste.

3-Komponenten-Modell bezieht Physiotherapeuten mit ein

Für ihre randomisierte kontrollierte Studie hatten die australischen Wissenschaftler 148 bislang unbehandelte Teilnehmer im Alter von 50 Jahren aufwärts ausgewählt und auf 2 Gruppen verteilt. Die Teilnehmer der Interventionsgruppe erhielten ebenso wie die der Kontrollgruppe Online-Lehrmaterial zu den Themen Übungen und körperliche Aktivität, Schmerzbewältigung, Emotionen, gesunde Ernährung, Komplementär-Therapien und Medikation. Das spezielle Versorgungsmodell der Interventionsgruppe wurde jedoch um 2 zusätzliche Komponenten erweitert.

 
Die Kombination aus physiotherapeutisch verordneten Übungen und einem interaktiven Schmerz- bewältigungs- programm ist … von erheblichem klinischem Nutzen. Dr. Kim L. Bennell und Kollegen
 

Bei der zweiten Komponente handelte es sich um ein internet-basiertes, interaktives  Trainingsprogramm (PainCOACH) zur Schmerzbewältigung. Es bestand aus 8 Modulen zu je 35 bis 45 Minuten Dauer, von denen jeweils eines pro Woche abgearbeitet werden sollte. Das Programm diente vor allem dazu, Fähigkeiten wie Entspannen, das Abwechseln von Aktivitäts- und Ruhephasen, das Zulassen von Freude und das Lösen von Problemen zu schulen. Per E-Mail wurden die Teilnehmer regelmäßig daran erinnert, ihre „Hausaufgaben“ zu erfüllen.

Komponente 3 bestand aus 7 Skype-Sitzungen im Verlauf von 12 Wochen mit Physiotherapeuten, die den Studienteilnehmern auch sonst als Ansprechpartner zur Verfügung standen. Nach einem kurzen Briefing verordnete der persönliche Physiotherapeut Dehnungsübungen für die unteren Extremitäten, die 3-mal in der Woche zu Hause durchzuführen waren. Hierzu erhielten die Teilnehmer Anleitungen, Videodemonstrationen und Geräte wie Widerstandsbänder und Gewichtsmanschetten fürs Fußgelenk sowie Schrittzähler.

Die Schmerzhaftigkeit beim Laufen ermittelten die Autoren anhand einer 11-Punkte-Skala und die Funktionalität anhand eines speziellen Osteoarthritis-Index.

 
Wir müssen dafür sorgen, dass das telemedizinische Geschäftsfeld nicht ins Ausland abwandert, und sicherstellen, dass die Behandlungsqualität für unsere Patienten stimmt. Dr. Ulrich Clever
 

Verbesserungen deutlich und lang anhaltend

Der mittlere Unterschied zugunsten der Interventionsgruppe betrug nach 3 Monaten 1,6 Einheiten auf der Schmerzskala und nach 9 Monaten immer noch 1,1 Einheiten. Für die Funktionalität belief sich der mittlere Unterschied auf 9,3 bzw. 7,0 Einheiten.

Auch bei allen anderen Kriterien wie isolierter Knieschmerz, Lebensqualität, Selbstwirksamkeit, Schmerzkatastrophisierung und -Bewältigung erzielte die Interventionsgruppe signifikante Verbesserungen, während dies bei der Kontrollgruppe nur beim Knieschmerz nach 3 und 9 Monaten sowie bei der Selbstwirksamkeit nach 9 Monaten der Fall gewesen war.

Das Resümee von Bennell und seinen Mitautoren ist eindeutig. „Die Kombination aus physiotherapeutisch verordneten Übungen und einem interaktiven Schmerzbewältigungsprogramm ist für Personen mit chronischen Knieschmerzen von erheblichem klinischem Nutzen“, schreiben sie.

Probandenauswahl mit einigen Mängeln?

„Diese Resultate sind sehr ermutigend“, urteilt Dr. Lisa A. Mandl vom Hospital of Special Surgery der Weill Cornell Medicine in New York in einem Kommentar [2]. Angesichts der aus demografischen Gründen wachsenden Zahl von Patienten und der Unheilbarkeit einer Osteoarthritis bestünde ein hoher Druck, effektive, kostengünstige und risikoarme Behandlungsstrategien ausfindig zu machen, schreibt sie.

Nach Ansicht von Mandl hat die Studie jedoch einige Schwächen. So hält sie das Online-Lehrmaterial für ein ungeeignetes Placebo. Außerdem: „Die Patienten hatten zwar Knieschmerzen, aber keine radiologisch nachgewiesene Osteoarthritis des Knies“ schreibt sie. Deshalb ließe sich nicht feststellen, ob die Intervention die radiologischer Schwere der Erkrankung beeinflussen könne.

Die Auswahl von Teilnehmern, die ausschließlich an isoliertem Knieschmerz litten und keine weiteren Gelenkschmerzen hatten, geht nach Mandls Meinung auch an der Realität vorbei. „Es ist bekannt, dass bis zu 80 Prozent der Patienten mit Knie-Osteoarthritis unter weiteren eingeschränkten Gelenken leiden und vielfache Schmerzen im Muskel-Skelett-System ein Faktor für eine schlechte Prognose sind“, wendet sie ein.

An ihrer Kernaussage, der internet-basierte Versorgungsweg sei prinzipiell richtig, hält Mandl jedoch fest. Auch Clever ist davon überzeugt und fordert, dass sich die Ärzteschaft unmittelbar in die Ausgestaltung solcher Versorgungskonzepte einbringt. „Wir müssen dafür sorgen, dass das telemedizinische Geschäftsfeld nicht ins Ausland abwandert, und sicherstellen, dass die Behandlungsqualität für unsere Patienten stimmt“, sagt der Kammerpräsident.



REFERENZEN:

1. Bennell KL, et al: Ann Intern Med. (online), 21 Februar 2017

2. Mandl LA: Ann Intern Med. (online), 21 Februar 2017

 

Kommentar

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