Versorgungsatlas: Zahl der Diabetes-Diagnosen um 10 Prozent gestiegen – Experte fordert veränderte Primärprävention

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

16. März 2017

Bundesweit  ist die Diabetes-Prävalenz von 8,9% im Jahr 2009 auf 9,8% im Jahr 2015  gestiegen. Zu diesem Ergebnis kommen Benjamin  Goffrier vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in  Deutschland (Zi) in Berlin und seine Mitautoren [1]. Basis des neuen  Versorgungsatlas „Administrative Prävalenzen und Inzidenzen des Diabetes  mellitus 2009 bis 2015“ sind Abrechnungsdaten von Vertragsärzten.

Dieser  Trend geht vor allem auf Typ-2-Diabetes zurück: Hier hat sich die Prävalenz im  untersuchten Zeitraum von 8,5% auf 9,5% erhöht, während bei Typ-1-Diabetes ein  Rückgang von 0,33% auf 0,28% beobachtet wurde. Die Studie zeigt, dass pro Jahr  rund 500.000 Menschen zum ersten Mal erfahren, dass sie an Typ-2-Diabetes  leiden.

„Die Studie hat die typischen  Stärken und Schwächen von Sekundärdaten-Analysen“, sagt PD Dr. Wolfgang Rathmann zu Medscape. Er forscht am Deutschen  Diabetes-Zentrum, Institut für Biometrie und Epidemiologie, in Düsseldorf. „Ein  wichtiger Vorteil der vertragsärztlichen Abrechnungsdaten ist, dass die  Diabetes-Prävalenz auch für höhere Altersgruppen geschätzt werden konnte. Dies  war in früheren Studien wegen des begrenzten Altersbereichs oft nicht möglich.“  Auch lägen Daten regional bis zur Kreisebene vor. Viele der früheren Studien hätten  nur einzelne Regionen in Deutschland abgebildet.

Der  Experte weiter: „Die methodischen Einschränkungen betreffen vor allem die  Validität der Diabetesdiagnosen und die Frage, ob die Studienpopulation  repräsentativ war.“ Kategorien wie „unklarer Diabetes“ und „nicht näher bez.  Diabetes“ wurden zum Typ-2-Diabetes gezählt. Diese Vorgehensweise führe laut  Rathmann zu einer Überschätzung der tatsächlichen Prävalenz des Typ-2-Diabetes.  Außerdem wurden in der Studienpopulation nur Patienten erfasst, die mindestens  einmal pro Jahr einen Arzt konsultierten.

 
Die Studie hat die typischen Stärken und Schwächen von Sekundärdaten-Analysen. PD Dr. Wolfgang Rathmann
 

Mehr Patienten, weniger unentdeckte  Fälle

Den Anstieg  bei Patienten mit Typ-2-Diabetes erklärt Rathmann mit mehreren Faktoren. An  erster Stelle sei die demografische Entwicklung zu nennen. Die höchste  Prävalenz tritt zwischen 80 und 89 Jahren auf. „Weiterhin sehen wir erfreulicherweise in  den letzten 10 Jahren international eine Abnahme der Sterberaten bei Menschen  mit Typ-2-Diabetes“, so Rathmann. Er verweist zudem auf Daten des Robert  Koch-Instituts. Demnach hat die Zahl der Patienten mit nicht diagnostiziertem  Typ-2-Diabetes in letzter Zeit kontinuierlich abgenommen. In der Studie selbst  wurden Daten von Patienten ausgewertet, bei denen bekannt war, dass sie u.a. an  Typ-2-Diabetes erkrankt sind.

Die  Prävalenz des Typ-1-Diabetes ist nach den Daten des Versorgungsatlas leicht nach  unten gegangen. Rathmann: „Diese Schwankung liegt möglicherweise noch im Bereich  der statistischen Streuung.“ Gleichzeitig vermutet er falsche  Diabetes-Typisierungen. Patienten mit einem ICD-Code für Typ-1-Diabetes erhielten  nur in 87% aller Fälle eine Insulintherapie. Das könne auf mögliche Fehler bei  der Codierung hindeuten, da die restlichen 13% möglicherweise an Typ-2-Diabetes  erkrankt sind. „Es ist deshalb  davon auszugehen, dass  eine Überschätzung der Prävalenz des Typ-1-Diabetes vorliegt“,  schlussfolgert der Experte.

 
Wir sehen erfreulicherweise in den letzten 10 Jahren international eine Abnahme der Sterberaten bei Menschen mit Typ-2-Diabetes. PD Dr. Wolfgang Rathmann
 

Daten  aus regionalen Typ-1-Diabetesregistern zeigen eine kontinuierlich ansteigende  Inzidenz von Typ-1-Diabetes im Kindes- und Jugendalter. Hier gibt der Experte 3  bis 4% pro Jahr an.

Ost-West-Gefälle: Vielfältige Gründe

Goffrier  berichtet in der Veröffentlichung von einer weiteren Besonderheit: Im Osten lag  die Prävalenz für Typ-2-Diabetes bei 11,6% (2015), im Westen waren es 8,9%. Als  extreme Beispiele nennt der Wissenschaftler die Kreise Starnberg (Bayern) und  Prignitz (Brandenburg) mit 6,5% beziehungsweise 14,2%.

Auch  der Anteil neu erkrankter Menschen mit Typ-2-Diabetes war im Osten höher. „So  lag beispielsweise die Inzidenz der 60 bis unter 80 Jahre alten Männer im Jahr 2014  in Ostdeutschland bei 2,61%, während sie in Westdeutschland bei 2,17% lag“,  schreibt Goffrier.

 
Es ist davon auszugehen, dass eine Überschätzung der Prävalenz des Typ-1-Diabetes vorliegt.   PD Dr. Wolfgang Rathmann
 

Aus dem  Report lassen sich keine Gründe für dieses Phänomen ableiten. „Neben Umweltfaktoren  wie Luftschadstoffe und Lärmbelastung zählen Freizeit- und Sportmöglichkeiten  sowie Unterschiede in der Gesundheitsversorgung zu den möglichen Gründen“, sagt  Rathmann. „Weiterhin gibt es regional unterschiedlich verteilte Risikofaktoren  wie Rauchen oder Alkoholkonsum und regionale Ernährungsgewohnheiten.“

Erforschung regionaler Ursachen  intensivieren

Goffrier  zufolge zeige der Bericht schon jetzt, „in welchen Regionen der Handlungsbedarf  für die Präventionsarbeit am größten ist“ und „wo das Gesundheitswesen durch  die Versorgung von besonders vielen Diabetikern herausgefordert ist.“

Rathmann  ergänzt, es müsse mehr in die Erforschung der Ursachen regionaler Unterschiede  der Diabetesprävalenz in Deutschland investiert werden. „Daraus lassen sich Rückschlüsse  auf Risikofaktoren ableiten, die wahrscheinlich weit über den individuellen  Lebensstil hinausgehen.“

Konkret  nennt Rathmann städtebauliche Maßnahmen wie Freizeitmöglichkeiten für Sport  oder Grünflächen in unmittelbarer Nachbarschaft. „Neben Programmen der  Lebensstilintervention sind dies neue wichtige Ansätze zur Primärprävention des  Typ-2-Diabetes“, konstatiert der Experte. Und nicht zuletzt könnten durch  Forschungsvorhaben Regionen mit einem erhöhten Bedarf einer diabetologischen  Versorgung identifiziert werden.  



REFERENZEN:

1. Goffrier  B, et al: Versorgungsatlas – Administrative Prävalenzen und Inzidenzen des  Diabetes mellitus 2009 bis 2015 (online) 23. Februar 2017

 

Kommentar

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