Risiko fürs Gehirn? Die EMA empfiehlt, die Zulassung von 4 Gadolinium-Kontrastmitteln auszusetzen – Prüfung von Valproat

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

13. März 2017

Der Risikobewertungsausschuss der EMA – das Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (PRAC) – empfiehlt, die Marktzulassung für 4 lineare gadoliniumhaltige Kontrastmittel auszusetzen. Der Grund für diese Entscheidung: Es gibt „überzeugende Evidenz“, dass sich kleine Mengen Gadolinium im Gehirn ablagern und diese auch viele Monate nach der letzten Injektion eines gadoliniumhaltigen Kontrastmittels noch nachweisbar sind. Dass diese Ablagerungen Schäden verursachen, wurde bislang nicht gezeigt, aber der Ausschuss will in diesem Fall „vorsichtig vorgehen“.

Es handelt  sich um Gadobensäure, Gadodiamid, Gadopentetat und Gadoversetamid, die bei Magnetresonanztomographien eingesetzt werden.

Keine Erkrankungen bekannt, aber es fehlen Langzeitdaten

Es gibt keine Hinweise auf Symptome oder Erkrankungen, die mit Gadolinium im Gehirn im Zusammenhang stehen. Doch der Ausschuss habe sich in dieser Angelegenheit für ein vorsichtiges Vorgehen entschieden, da nur begrenzt Daten zu den Langzeiteffekten auf das Gehirn zur Verfügung stünden, heißt es im Bericht zum März-Meeting des PRAC.

In anderen Organen und Geweben sind Gadoliniumablagerungen mit seltenen Nebenwirkungen wie Haut-Plaques und nephrogene systemische Fibrose in Zusammenhang gebracht worden. Außerdem haben nicht-klinische Laborstudien gezeigt, dass Gadolinium schädlich auf Gewebe wirken kann.

Makrozyklische Kontrastmittel weiter auf dem Markt

Die 4 Substanzen, für die der PRAC eine Zulassungsaussetzung empfiehlt, sind lineare Kontrastmittel. Sie haben eine Struktur, die Gadolinium besonders leicht abgibt, so dass es sich in Körpergeweben ablagern kann.

Makrozyklische Kontrastmittel dagegen sind nicht von der Empfehlung des PRAC betroffen. Sie sind stabiler und neigen weniger dazu, Gadolinium abzugeben. Dennoch empfiehlt der Ausschuss, makrozyklische Kontrastmittel in der geringstmöglichen Dosis einzusetzen, in der das MRT-Bild noch ausreichend für eine Diagnose verstärkt wird – und nur wenn Scans ohne Kontrastmittelverstärkung nicht geeignet sind.

Einige lineare Kontrastmittel bleiben verfügbar: Gadoxetsäure wird in niedriger Dosierung für Leber-Scans verwendet und darf auf dem Markt verbleiben, da es wenig Alternativen gibt. Auch eine Gadopentetat-haltige Substanz, die direkt in die Gelenke injiziert wird, steht weiter zur Verfügung, da ihre Gadoliniumkonzentration sehr niedrig ist – etwa 200-mal niedriger als bei den intravenösen Produkten. Auch diese beiden Substanzen sollen in der geringstmöglichen Dosis und nur, wenn kontrastmittelfreie Scans nicht ausreichen, eingesetzt werden.

Neue Risikobewertungsverfahren: Valproat und Docetaxel

Der PRAC hat mit 2 neuen Risikobewertungsverfahren begonnen: eine neue Überprüfung von Valproat in der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter und eine Untersuchung des Krebsmedikaments Docetaxel.

Valproat-haltige Medikamente sind in der EU zur Behandlung von Epilepsie und bipolaren Störungen zugelassen, in einigen Ländern auch bei Migräne. Die Arzneimittel wurden 2014 schon einmal überprüft, woraufhin die Warnungen und Restriktionen hinsichtlich des Einsatzes bei Frauen und Mädchen verschärft wurden. Der Grund: Babys, die im Mutterleib mit Valproat in Kontakt kommen, haben ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen.

Doch zwischenzeitlich wurden Bedenken laut, dass diese Vorsichtsmaßnahmen nicht effektiv genug sein könnten. Auf Anregung der französischen Arzneimittelbehörde nimmt der PRAC die getroffenen Maßnahmen bzw. deren Wirksamkeit nun unter die Lupe und überprüft, ob weitere EU-weite Maßnahmen getroffen werden müssen, um das Risiko zu minimieren.

Erste öffentliche Anhörung bei einem Risikobewertungsverfahren

Als Teil des Bewertungsverfahrens wird auch eine öffentliche Anhörung stattfinden, bei der EU-Bürger direkt von ihren Erfahrungen mit diesen Medikamenten berichten können. Diese sollen dann in die Empfehlung des Ausschusses einfließen. Wann diese Anhörung stattfinden wird, wird der PRAC voraussichtlich im Juni bekanntgeben.

Es wird das erste Mal sein, dass der PRAC im Rahmen eines Risikobewertungsverfahrens eine öffentliche Anhörung durchführt. Die Einführung dieses neuen Instrumentes wurde 2016 beschlossen und soll EU-Bürgern bei der Bewertung von Medikamenten eine Stimme verleihen.

Gründliche Überprüfung bekannter Nebenwirkungen

Der PRAC untersucht außerdem das Krebsmedikament Docetaxel, nachdem in Frankreich bei Patienten – größtenteils mit operablem Brustkrebs – Fälle von neutropenischer Enterocolitis aufgetreten sind. Es handelt sich dabei um eine bekannte und seltene Nebenwirkung von Docetaxel, die bei bis zu 1 von 10.000 Patienten auftritt.

Eine vorläufige Bewertung des PRAC deutet darauf hin, dass die Häufigkeit dieser Nebenwirkung in den letzten beiden Jahren nicht angestiegen ist. Dennoch soll nun eine gründliche Überprüfung der vorhandenen Daten stattfinden.



REFERENZEN:

1. Meeting highlights from the Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (PRAC), 6. bis 9. März 2017

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....