Hypertonie: Starke Trinker scheinen von weniger Alkohol deutlich zu profitieren – kein Effekt bei niedrigen Mengen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

7. März 2017

Bislang war vor allem bekannt, dass ein hoher Alkoholkonsum mit einem erhöhten Hypertonie-Risiko einhergeht. Nun hat Dr. Michael Roerecke, Centre for Addiction and Mental Health (CAMH), Toronto, Kanada, den Umkehrschluss untersucht und herausgefunden: Starke Trinker reduzieren dosisabhängig das Hypertonierisiko, wenn sie ihren Konsum einschränken [1]. Unterhalb eines Schwellenwerts von 2 Standarddrinks pro Tag ließ sich jedoch kein Effekt nachweisen.

„Aus meiner Sicht ist das eine gut gemachte, methodisch aufwendige Studie“, sagt Prof. Dr. Bernhard Krämer zu Medscape. Er ist Direktor der 5. Medizinischen Klinik am Universitätsklinikum Mannheim. Die Aussagen hält er aufgrund der Datenlage vor allem bei Männern für anwendbar. Krämer ergänzt: „Die Reduktion des Alkoholkonsums auf 2 Drinks oder weniger senkt den Blutdruck. Für mich sind die Ergebnisse nicht überraschend.“ Die Studie stelle trotzdem eine „aktuelle umfassende Abhandlung zu einem wichtigen Thema dar“. Die letzten Veröffentlichungen zum Thema liegen 15 Jahre zurück.

 
Aus meiner Sicht ist das eine gut gemachte, methodisch aufwendige Studie. Prof. Dr. Bernhard Krämer
 

Wissenschaftler arbeiten mit sogenannten Standarddrinks, also mit der reinen Ethanolmenge pro Getränk. Dieser Wert kann von Land zu Land stark variieren. In Deutschland enthält ein Standardglas laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 10 g reines Ethanol. Ein Bier (0,5 Liter) oder ein Glas Wein (0,2 Liter) mit jeweils 20 g Alkohol entsprechen demnach 2 Standardgetränken. Roerecke arbeitete mit 12 g reinem Ethanol pro Tag als Maß für einen Standarddrink.

Blutdrucksenkung nur bei starken Trinkern nachweisbar

Roerecke hat für seine Metaanalyse Quellen aus MedLine, Embase, CENTRAL und ClinicalTrials ausgewertet. Dabei fand er 36 methodisch hochwertige Studien mit insgesamt 2.865 Teilnehmern (2.464 Männern und 401 Frauen).

 
Die Reduktion des Alkoholkonsums auf 2 Standarddrinks oder weniger senkt den Blutdruck. Prof. Dr. Bernhard Krämer
 

Das Ergebnis: Konsumierten Studienteilnehmer von vorneherein 2 oder weniger Standarddrinks, so hatte die Verringerung der Menge keinen Einfluss auf den Blutdruck. Bei größeren Mengen sah Roerecke statistisch signifikante, dosisabhängige Effekte. Wurde der Konsum von 3 Standarddrinks auf 0 Getränke pro Tag reduziert, führte dies zu systolisch -1,18 mmHg und diastolisch -1,09 mmHg.

Besonders stark profitierten Probanden mit 6 oder mehr Standardgetränken pro Tag, wenn sie die Alkoholmenge um mindestens 50% verringerten. Hier ging der systolische Blutdruck um 5,50 mmHg und der diastolische Blutdruck um 3,97 mmHg zurück. „Auf Großbritannien übertragen bedeutet das, man könnte pro Jahr mehr als 7.000 Krankenhauseinweisungen und 678 kardiovaskulär bedingte Todesfälle vermeiden“, extrapoliert Roerecke in seiner Veröffentlichung.

Ergebnisse von Subgruppenanalysen ergaben, dass der Effekt unabhängig von der Studiendauer war. Messungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten führten bei gleichem Trinkverhalten zu ähnlichen Werten. „Das bedeutet: Wird der niedrige Alkoholkonsum beibehalten, bleibt der Blutdruck niedrig“, so Roerecke in seiner Veröffentlichung. Außerdem hätten einige Studien gezeigt, dass sich das Körpergewicht verringere, was als wünschenswerter Nebeneffekt zu betrachten sei.

Lebensstil-Änderungen nicht ausreichend berücksichtigt?

Prof. Dr. Michael Hecht Olsen und Dr. Manan Pareek aus Dänemark ergänzen im begleitenden Editorial, bei der Gruppe mit hohem Alkoholkonsum seien derart starke Effekte beobachtet worden, wie sie sonst nur durch mehr Bewegung oder starkes Abnehmen auftreten würden [2]. „Die Ergebnisse sollten für Frauen vorsichtig interpretiert werden“, schreibt Olsen mit Verweis auf die Datenlage.

 
Die Ergebnisse sollten für Frauen vorsichtig interpretiert werden. Michael Hecht Olsen
 

Gleichzeitig stellt er mehrere Fragen: Welchen biochemischen Mechanismen folgt die beobachtete Assoziation? Und wie gelingt es, Patienten langfristig zu bewegen, ihr Trinkverhalten zu ändern? Antworten kann Olsen hier nicht liefern. Er fordert jedoch weitere Studien zum Thema.

Gleichzeitig hält Olsen einen Bias bei der Gruppe mit starkem Trinkverhalten für denkbar. Personen, die ihre Menge von 6 bis 10 auf 3 bis 5 Drinks pro Tag verringern, seien aller Wahrscheinlichkeit nach hoch motiviert. Sie würden auch andere Lebensstil-Einflüsse ändern. Ob dies tatsächlich der Fall war, ließ sich nicht immer zweifelsfrei klären. „Darüber hinaus bleibt offen, ob 1 bis 2 Drinks pro Tag schützende, schädliche oder keine Effekte haben“, schreibt der Editorialist. Über diese Frage diskutieren Experten schon länger kontrovers.



REFERENZEN:

1. Roerecke M, et al: Lancet Public Health 2017;2:e108-e120

2. Pareek M, et al: Lancet Public Health 2017;2:e63-e64

 

Kommentar

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