Streit um neues Entlassmanagement in Kliniken: DKG und Klinikärzte befürchten „bürokratisches Monster“

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

1. März 2017

Der Marburger Bund wendet sich in einer Pressemitteilung gegen drohende „bürokratische Exzesse“ in den Krankenhäusern, die er mit der Einführung des neuen Entlassmanagements für Patienten befürchtet [1]. Ab Juli 2017 soll es für Klinikärzte verpflichtend sein, die Weiterversorgung der Patienten nach Entlassung aus dem Krankenhaus rechtzeitig anzubahnen. Unter anderem erhalten Klinikärzte auch die die Möglichkeit, Arzneien zu verordnen und die Arbeitsunfähigkeit zu attestieren (siehe Kasten).

Eigentlich soll das Entlassmanagement im Sommer beginnen, doch dies erscheint ungewiss, weil die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) im Januar Klage gegen den Schiedsspruch zum Entlassmangagement eingereicht hat. Zum Schiedsspruch kam es zuvor, weil sich Kliniken, der GKV-Spitzenverband und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) nicht einig geworden waren.

Bürokratisches Monster oder Vorteile für die Patienten?

Die Entscheidung des Schiedsamtes hält die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) für rechtswidrig. Der DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum begründete in einer Mitteilung: Statt Versorgungslücken für bestimmte Patientengruppen zu schließen, werde Bürokratie pur aufgebaut. „Das Ansinnen des Gesetzgebers, den Übergang von der stationären Versorgung für bestimmte Patienten deutlich leichter zu gestalten, war und ist unser Anspruch. Aber das von Kassen und niedergelassenen Ärzten vorgesehene System ist ein bürokratisches Monster, das den Krankenhausärzten Zeit stiehlt, die sie zur Versorgung von Menschen benötigen“, kritisierte Baum.

Florian Lanz

Während die DKG davon ausgeht, dass ihre Klage aufschiebende Wirkung haben wird, ist der GKV-Spitzenverband vom Gegenteil überzeugt: „Wir erwarten, dass im Interesse der Patienten auch durch die DKG mit der Umsetzung des Vertrages begonnen wird, denn solche Klagen haben keine aufschiebende Wirkung“, so Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes in einer Pressemitteilung.

Der GKV-Spitzenverband zeigt Unverständnis für die ablehnende Haltung von Kliniken und Klinikärzten gegenüber dem Entlassmanagement. „Mit ihrer Klage erzeugt die Deutsche Krankenhausgesellschaft jetzt Unsicherheit, wo die Schiedsstelle bereits für Klarheit gesorgt hatte“, kritisiert er.

 
Das von Kassen und niedergelassenen Ärzten vorgesehene System ist ein bürokratisches Monster, das den Krankenhausärzten Zeit stiehlt … Georg Baum
 

Kurz nach dem Schiedsspruch vom Oktober 2016 hatte der GKV-Spitzenverband in einer Mitteilung vor allem mit dem Patientenwohl argumentiert: „Gewinner sind die Patienten. Ihre Entlassung aus dem Krankenhaus wird künftig zielgerichteter geplant, damit der Übergang von der Klinik zum weiterbehandelnden Arzt oder zur nächsten Versorgungseinrichtung reibungsloser klappt“, begründete etwa der Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes Johann-Magnus von Stackelberg.

Der Geschäftsführer der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD), Thorben Krumwiede, fordert die DKG auf, der Neuerung nicht im Wege zu stehen: „Der Streit über die Anschlussversorgung wird hier auf dem Rücken der Patienten ausgetragen.“ Die Position der Krankenhausgesellschaft, das Entlassmanagement nur nach eigenem Gutdünken anwenden zu wollen, sei kein Zeichen von Patientenorientierung“, bemängelt Krumwiede.

In Kliniken fehlen Infrastruktur und Ressourcen für die neuen Aufgaben

In der Praxis sind Klinikärzte hin- und hergerissen zwischen dem, was sinnvoll und machbar ist, wenn noch mehr Aufgaben auf sie zukommen. Dr. Olaf Krause, Oberarzt am Institut für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) sagt gegenüber Medscape, er versuche beide Seiten zu sehen: Einerseits sei es generell sinnvoll, wenn etwa Klinikärzte in Einzelfällen Rezepte verordnen können. Derzeit befinde man sich in der Grauzone, wenn man den Patienten etwa Medikamente nach der Entlassung mitgebe.

Doch andererseits könnten Stationsärzte nicht im größeren Ausmaß wie niedergelassene Arztpraxen Arzneien und Heil-und Hilfsmittel verschreiben. „Wir haben in den Kliniken gar nicht die Infrastruktur und Ressourcen sowie standardisierte Abläufe wie die Arztpraxen. In den Krankenhäusern sind wir in den meisten Fällen nicht optimal vorbereitet“, betont Krause, der mit halber Stelle auch als Oberarzt in der Klinik für Geriatrie am DIAKOVERE Henriettenstift in Hannover arbeitet.

Krause befürchtet, dass die zusätzliche Bürokratie auch zulasten der Aus-und Weiterbildung von Assistenzärzten geht. „Ich bin mir fast sicher, dass der Arbeitsplatz Krankenhaus dadurch noch unattraktiver wird. Viele junge Ärzte möchten sich in der Untersuchung von Patienten ausbilden lassen. Sie möchten aber nicht 3 Stunden am Tag damit verbringen zu dokumentieren, Arztbriefe vorzubereiten oder Rezepte auszudrucken“, sagt der Oberarzt.

 
Mit ihrer Klage erzeugt die Deutsche Krankenhaus- gesellschaft jetzt Unsicherheit, wo die Schiedsstelle bereits für Klarheit gesorgt hatte. Florian Lanz
 

Risiko an den Schnittstellen durch Kommunikation minimieren

Andererseits kennt Krause das Risiko an der Schnittstelle zwischen ambulant und stationär, vor allem, wenn etwa bei multimorbiden und älteren Patienten im Zuge von Medikamentenumstellungen nach der Entlassung Medikamente nicht zur Verfügung stehen (wie Medscape berichtete). Er findet, dass die Kommunikation zwischen den Ärzten an den Schnittstellen hier verbessert werden müsse.

Absprachen seien nötig, etwa warum der Blutverdünner für den Patienten umgestellt worden sei. Sicherlich sei ein Mehrwert für den Patienten während des Entlassungsprozesses wünschenswert. „Wenig hilfreich sind aber Gesetze, die den Kliniken übergestülpt werden und deren Bestimmungen kaum umsetzbar sind. Das ist kontraproduktiv in unserer jetzigen Situation“, sagt Krause. Schon im konservativen Bereich auf den Stationen sieht er Umsetzungsprobleme. Wie aber zum Beispiel dies auf chirurgischen Stationen umgesetzt werden soll, wo die Ärzte häufig im OP stehen, sei für ihn kaum vorstellbar.

Der GKV-Spitzenverband verweist jedoch auf den gesetzlichen Anspruch der Patienten. Obwohl schon seit Jahren ein Recht auf ein strukturiertes Entlassmanagement bestehe, würde es praktisch nur ein Teil der Krankenhäuser umsetzen, bemängelte er. Patienten hätten immer wieder Probleme nach dem Krankenhausaufenthalt, weil sie Unterstützung nicht im notwendigen Umfang erhielten.

Deshalb habe der Gesetzgeber mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz reagiert und entsprechende Aufgaben für eine bessere sektorenübergreifende Versorgung für Ärzte, Krankenkassen und Krankenhäuser definiert. Auch der Gemeinsame Bundesauschuss (G-BA) hatte vor über einem Jahr entsprechende Beschlüsse gefasst und auf die Versorgungslücken hingewiesen, die mit den Regelungen eine Lücke schließen würden.

Entlassmanagement nicht für alle nötig

Kliniken und Klinikärzte kritisieren jedoch, dass zum formalen Prozess auch das Ausfüllen von 2 Formblättern zur Information über den Datenschutz gefordert wird. Bei 19 Millionen Patienten würde dies ungefähr 50 Millionen Minuten Arbeitszeit binden, so die Kritik der DKG. Ein einheitliches Prozedere für alle Patienten, unabhängig davon, ob sie es auch benötigten, binde die ärztliche Arbeitskraft, die dringend für Betreuung und Gespräche mit den Patienten benötig werde, so auch der Marburger Bund.

 
Im Interesse der Patienten darf es keine anonymen Verordnungen geben. Florian Lanz
 

Außerdem fehlten die finanzielle und personelle Ausstattung sowie die digitale Infrastruktur. „Der Marburger Bund befürwortet ein gut organisiertes Entlassmanagement immer dann, wenn es notwendig ist, aber nicht als allenfalls symbolisch wirksame Zeitverschwendung“, heißt es in der Pressemitteilung.

Oberarzt Krause bestätigt für die Praxis: Viele Patienten benötigten das neue Prozedere nicht, „wenn etwa klar ist, dass die Patientin am Mittwochmorgen von ihren Angehörigen abgeholt wird, zum Hausarzt gefahren wird und der Pflegedienst auch schon am Nachmittag geplant vorbeikommt“, sagt Krause.

Das Entlassmanagement müsse für alle Patienten gelten, konterte der GKV-Spitzenverband in einer Mitteilung. „Vorstellungen der DKG, sich erst später und dann auch nur bei besonderen Fällen darüber Gedanken zu machen, welche Anschlussversorgung notwendig ist, mag aus Sicht der Krankenhausgesellschaft bequem sein, geht jedoch am Patienteninteresse einer guten Versorgung vorbei", kritisiert der GKV-Spitzenverband.

Widerstand gegen Zwangsregistrierung der Klinikärzte

Als unnötig sieht es der Marburger Bund an, dass die KBV eine Arztnummer an Klinikärzte vergeben soll. Für die Klinikärzte ist die Vergabe einer lebenslangen Arztnummer vorgesehen. Sie soll Rückschlüsse auf das Fachgebiet und eine Identifizierung des Arztes zulassen.

Die DKG sieht die Zwangsregistrierung als „einen absoluten Widerspruch zur Ausgestaltung des Entlassmanagements, das ausschließlich vom Krankenhaus als Institution verantwortet wird. Die persönliche Verantwortung des einzelnen Krankenhausarztes tritt hierbei in den Hintergrund, weshalb es einer persönlichen Registrierung nicht bedarf“, so Baum.

 
Wir begrüßen die patientenfreundliche Lösung, die vorsieht, dass jeder Patient im Krankenhaus Anspruch auf das Entlassmanagement hat, ausdrücklich. Roland Stahl
 

Roland Stahl

Die Verordnung von Arzneimitteln durch die Klinikärzte müsse nach den gleichen Regeln wie bei niedergelassenen Ärzten erfolgen, auch die Registrierung durch eine Arztnummer, meint hingegen der GKV-Spitzenverband. „Im Interesse der Patienten darf es keine anonymen Verordnungen geben. Der verschreibende Arzt darf nicht nur durch eine leider häufige unleserliche Unterschrift erkennbar sein“, so GKV-Spitzenverbandssprecher Lanz.

Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) befürwortet eine Registrierung der Klinikärzte. „Die Kritik der DKG und des Marburger Bundes und die Klage gegen die Entscheidung des erweiterten Bundesschiedsamtes und damit auch gegen die Transparenz des Verordnungsvorgangs können wir nicht nachvollziehen“, sagt der KBV-Sprecher Roland Stahl gegenüber Medscape. „Wir begrüßen die patientenfreundliche Lösung, die vorsieht, dass jeder Patient im Krankenhaus Anspruch auf das Entlassmanagement hat, ausdrücklich.“ Der tatsächliche Umfang des Entlassmanagements – etwa ob die Verschreibung häuslicher Krankenpflege notwendig ist – sei ja auch abhängig von der individuellen Patientensituation, so Stahl. 

Was sieht das geplante Entlassmanagement vor?

Die Kliniken werden unter anderem verpflichtet:

  • die Anschlussbehandlung möglichst früh einzuleiten und die Überleitung der Patienten in die häusliche Versorgung oder in eine weiterversorgende Einrichtung anzubahnen,

  • in einem Entlassplan nötige Maßnahmen festzulegen,

  • ambulante oder andere stationäre Pflegeeinrichtungen über die bevorstehende Entlassung zu informieren,

  • bei Versorgungsbedarf zeitnahe Termine mit den weiterbehandelnden Haus- oder Fachärzten zu vereinbaren,

  • dem Patienten am Tag der Entlassung einen Entlassbrief für den weiterbehandelnden Arzt auszuhändigen. Dieser enthält unter anderem sämtliche Diagnosen, den Entlassungsbefund sowie verordnete Arzneimittel und einen Medikationsplan.

Außerdem kann der Krankenhausarzt bei Bedarf Arzneimittel, Verband-, Heil- und Hilfsmittel, häusliche Krankenpflege und Soziotherapie für einen Zeitraum von bis zu 7 Tagen verordnen und eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen.

 

REFERENZEN:

1. Marburger Bund: Pressemitteilung,14. Februar 2017

Kommentar

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