Die Haut als Spiegel des Gehirns: Hautbiopsie erlaubt Parkinson-Diagnose, lange bevor typische Symptome auftreten

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

22. Februar 2017

Eine aktuelle Studie zeigt, dass sich Ablagerungen von phosphoryliertem α-Synuclein (p-α-Syn) bereits in dermalen Nervenfasern von Patienten spezifisch nachweisen lassen, die unter dem „Parkinson-Vorboten“ REM-Schlafverhaltensstörungen leiden [1]. Somit ließe sich zukünftig möglicherweise ein Morbus Parkinson weit früher als bisher diagnostizieren – mit einer einfachen Hautbiopsie.

Bereits 2014 zeigte eine Gruppe um Forscher aus Würzburg und Marburg, dass sich p-α-Syn in den Nervenfasern der Haut von Patienten mit Morbus Parkinson einfach und spezifisch nachweisen lässt. Nun veröffentlichte dieselbe Gruppe um Dr. Kathrin Doppler und Prof. Dr. Claudia Sommer, Abteilung für Neurologie der Universitätsklinik Würzburg, in den Acta Neuropathologica eine Studie, bei der sie einen entsprechenden Nachweis bereits bei Patienten führten, bei denen noch keine der typischen Bewegungsstörungen erkennbar ist.

„Mit diesem Ergebnis ist die Neurologie dem großen Ziel, Parkinson in einem frühen Stadium zu erkennen, einen wichtigen Schritt näher gekommen“, kommentiert Prof. Dr. Günther Deuschl, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel und Präsident der European Academy of Neurology. „Damit kommt der Einstieg in die lange erhoffte präsymptomatische Parkinson-Diagnostik in unser Blickfeld.“

 
Mit diesem Ergebnis ist die Neurologie dem großen Ziel, Parkinson in einem frühen Stadium zu erkennen, einen wichtigen Schritt näher gekommen. Prof. Dr. Günther Deuschl
 

Pilotstudie mit vielversprechenden Ergebnissen

Die Autoren untersuchten je 4 Hautproben von 18 Patienten, die unter den als Frühsymptom für M. Parkinson geltenden Rapid-Eye-Movement(REM)-Schlafverhaltensstörungen (SVS) litten, auf mögliche Ablagerungen von p-α-Syn in den Nervenfasern. Als Kontrolle dienten ebensolche Hautbiopsien von 25 Patienten mit gesicherter M. Parkinson-Diagnose in frühen Stadien und 20 gesunden Probanden.

Dabei wurden bei 10 der 18 Patienten mit REM-SVS und bei 20 der 25 Patienten mit gesichertem M. Parkinson Ablagerungen von p-α-Syn festgestellt, was einer Sensitivität von 55,6% bzw. 80% entspricht. Umgekehrt gab es bei den gesunden Probanden keinerlei solche Ablagerungen, woraus sich eine Spezifität von 100% ergibt.

Zusätzlich korrelierte der festgestellte Prozentsatz der Nervenfasern mit p-α-Syn-Ablagerungen negativ mit der Dopamin-Transportfähigkeit (p = 0,048) und den olfaktorischen Fähigkeiten (p = 0,002), aber positiv mit der aufgrund der REM-Störungen und anderer Werte errechneten Wahrscheinlichkeit zur zukünftigen Entwicklung eines M. Parkinson. Nach dieser Wahrscheinlichkeitsberechnung lag bei 14 der 18 untersuchten Patienten mit REM-SVS ein Frühstadium von M. Parkinson vor.

Theoretische Berechnungen werden durch praktische Diagnostik ergänzt

„Mit der Verknüpfung u.a. der Faktoren REM-Schlafverhaltensstörungen, olfaktorische Verluste und gestörte Dopamin-Transportfähigkeit hat die Internationale Parkinson und Movement Disorder Society (MDS) vor kurzem ein Berechnungssystem zur individuellen Prognose eines M. Parkinson vorgeschlagen“, berichtet Deuschl. „Für sich genommen ist jeder dieser Faktoren aber zu unspezifisch. Mit dem Nachweis der Ablagerungen von phosphoryliertem α-Synuclein in dermalen Nervenfasern wird es jetzt dagegen schon im Frühstadium möglich, die eindeutigere Diagnose Parkinson zu stellen.“

Diese eindeutige Diagnose war bisher nur posthum im Gehirn möglich. Dass die Ablagerungen von p-α-Syn jetzt nicht nur mit minimalem Aufwand nach Hautbiopsie in peripheren Nervenfasern detektiert werden können, sondern auch bereits in einem Frühstadium der Erkrankung, werten sowohl die Autoren als auch Deuschl als entscheidenden Fortschritt. Denn die Ablagerungen von p-α-Syn sind, ebenso wie die Abnahme der Dopamin-Transportfähigkeit der Nervenzellen, absolut eindeutige Diagnosemarker für M. Parkinson. Letztere ist aber nur aufwändig mittels Single-Photonen-Emissions-Computertomografie (SPECT) feststellbar.

Pathologische Ablagerungen bieten Ansatz für Forschung zur Therapie

 
Wir brauchen eine Reihe weiterer großer Kohortenstudien, darunter vor allem auch solche, die den Zeitverlauf des Ablagerungsgeschehens dokumentieren. Prof. Dr. Günther Deuschl
 

In ihrer Diskussion begründen die Autoren ihre Auswahl der untersuchten Personen mit der 85%-igen Wahrscheinlichkeit, bei Auftreten von REM-SVS innerhalb der nächsten 5 Jahre die Parkinson-typischen Bewegungsstörungen Zittern, Steifigkeit und verlangsamte Beweglichkeit zu erreichen. Die in der Studie gefundene geringe Sensitivität der Methode von nur 55,6% in dieser Gruppe mit REM-SVS begründen sie mit unterschiedlichen Stadien der Erkrankung. So ist durchaus möglich, argumentieren die Autoren, dass in der heterogenen Gruppe der 18 Personen die Ablagerung von phosphoryliertem α-Synuclein in dermalen Nervenfasern unterschiedlich weit fortgeschritten waren.

Diesen Punkt sieht auch Deuschl: „Wir brauchen eine Reihe weiterer großer Kohortenstudien, darunter vor allem auch solche, die den Zeitverlauf des Ablagerungsgeschehens dokumentieren. Aber der Weg ist nun offen, auch bei Patienten ohne REM-Schlafverhaltensstörung einen diagnostischen Marker in der Frühphase der Erkrankung zu identifizieren.“ Und noch etwas hebt er hervor: „Weltweit arbeiten zahlreiche Forscher daran, das Fortschreiten der Ablagerung von phosphoryliertem α-Synuclein in den Nervenfasern zu stoppen bzw. zu verzögern. Auf diesem Weg sehe ich die besten Chancen, M. Parkinson zukünftig noch erfolgreicher therapieren zu können.“



REFERENZEN:

1. Doppler K, et al: Acta Neuropathol. (online) 8. Februar 2017

 

Kommentar

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