„Die Evidenz der IGeL ist nicht gut“ – IGeL-Monitor zieht nach 5 Jahren ernüchternde Bilanz

Christian Beneker

Interessenkonflikte

22. Februar 2017

Berlin – Nach 5 Jahren IGeL-Monitor und insgesamt 41 Bewertungen von IGeL-Angeboten fällt die Bilanz der Initiatoren ernüchternd aus [1]. „Unser Fazit ist: Die Evidenz der IGeL-Leistungen ist nicht gut. Häufig zeigen die vorliegenden Unterlagen, dass die Nutzen-Schaden-Abwägung negativ ausfällt“, resümiert Dr. Peter Pick, Geschäftsführer des MDS in seinem Statement auf einer Pressekonferenz zum Jubiläum [2]. Die meisten Patienten sehen die IGeL- Angebote denn auch kritisch.

Trotzdem behauptete Pick im Sommer vergangenen Jahres anlässlich einer entsprechenden Versichertenbefragung: „Der IGeL-Markt boomt“. Dieser angebliche Boom lässt sich aber an den jüngsten IGeL-Zahlen des Wissenschaftlichen Institutes der AOK (WidO) nicht nachvollziehen.

 
Unser Fazit ist: Die Evidenz der IGeL-Leistungen ist nicht gut. Häufig zeigen die vorliegenden Unterlagen, dass die Nutzen-Schaden-Abwägung negativ ausfällt. Dr. Peter Pick
 

Nur 3 IGeL als „tendenziell positiv“ bewertet

Der IGeL-Monitor wurde vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS) initiiert. Zu den bisher 45 im IGeL-Monitor veröffentlichten IGeL-Bewertungen zählen häufig angebotene Leistungen wie Ultraschall der Eierstöcke, PSA-Test und Ultraschall der Brust bei der Krebsfrüherkennung, die Glaukom-Früherkennung sowie die professionelle Zahnreinigung. Damit habe der IGeL-Monitor auch die „Top-Seller“ bewertet, hieß es.

Nach den Zahlen der ersten 5 Jahre wurden 17 IGeL „tendenziell negativ“ bewertet, weil der zu erwartende Schaden größer als der Nutzen ist. Dies gilt etwa für den Lungenfunktionstest.

15 IGeL werden als „unklar“ bewertet, weil sich Schaden und Nutzen in etwa die Waage halten oder Bewertungsunterlagen fehlen. „Dies gilt zum Beispiel für die Akupunktur in der Schwangerschaft“, so Pick.

 
Viele IGeL hätten keine Chance, im Gemeinsamen Bundesausschuss als notwendige GKV-Leistungen anerkannt zu werden. Dr. Peter Pick
 

Nur 3 IGeL werden als „tendenziell positiv“ bewertet, weil der zu erwartende Nutzen größer ist als der mögliche Schaden, z.B. die Stoßwellenbehandlung bei Fersenschmerz oder die Akupunktur zur Migräneprophylaxe. Die Bewertungen für 2 IGeL werden derzeit aktualisiert, die Laser Behandlung von Krampfadern und der Toxoplasmose-Test bei Schwangeren zur Früherkennung.„Konkret bedeutet dies, dass viele IGeL keine Chance hätten, im Gemeinsamen Bundesausschuss als notwendige GKV-Leistungen anerkannt zu werden“, so Pick.

Anzahl, Preis und Umsatz sinken

Täglich zählen die Macher des IGeL-Monitors durchschnittlich rund 2.000 Aufrufe ihrer Seite, an Spitzentagen sogar bis 45.000 und jährlich 500 Patienten, die sich online oder telefonisch an den IGeL-Monitor wenden und persönliche Antwort erhalten, berichtet Dr. Christian Weymayr, Projektleiter des IGeL-Monitors.

Die Versichertenbefragung des Monitors vom vergangenen Jahr ergab, dass 67% derjenigen, die schon einmal von IGeL gehört haben, IGeL kritisch sehen. Kein Wunder, dass sowohl Umsatz als auch die Anzahl der erbrachten IGeL sinken, jedenfalls zwischen 2012 und 2014. Letzteres zeigt der WidO-Monitor 2013 und 2015 des Wissenschaftlichen Institutes der AOK (WidO).

Der WidO-Monitor 2015 geht für den untersuchten Zeitraum des Jahres 2014 von 17,4 Millionen erbrachten IGeL aus. „Legt man weiter die durchschnittlichen Kosten für realisierte Leistungen von rund 59 Euro gemäß Versichertenangaben zugrunde, so umfasst der IGeL-Markt für 2014 grob geschätzt rund 1,03 Milliarden Euro“, heißt es im WidO-Monitor.

2 Jahre zuvor errechnete man nach Umfragen beim WidO noch 18,2 Millionen erbrachte IGeL und bei Durchschnittskosten je Leistung von 70 Euro ein Marktvolumen von 1,3 Milliarden Euro. Kurz: Zwischen 2012 und 2014 sind erbrachte Leistungen, Preis und Umsatz bei IGeL gesunken.

Dr. Andreas Gassen

Allerdings seien die WidO-Zahlen mit Vorsicht zu genießen, sagt Klaus Zok vom WidO zu Medscape. Denn es gebe bei IGeL keine Abrechnungsdaten und kein Controlling. Das IGeL-Geschäft läuft an der messbaren Wirklichkeit vorbei. Die Hochrechnungen basieren auf Angaben, die wir am Telefon erhalten haben. Harte Zahlen hätten wir nur, wenn uns z.B. die Rechnungen vorliegen würden.“ Die Hochrechnungen auf 1 Milliarde Euro, beziehungsweise auf 1,3 Milliarden Euro seien damit „vorsichtige Schätzungen“.

Ärzte loben und schelten den IGeL-Monitor

Auf ärztlicher Seite äußerte sich der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, zu den IGeL-Zahlen des Monitors. Er kritisiert die Kassen als „scheinheilig“, weil sie einerseits IGeL „verteufeln“ und zugleich etwa homöopathische Leistungen ohne evidenzbasierten Nachweis als Satzungsleitungen anböten.

 
IGeL stellen eine der wenigen Optionen dar, durch die medizinischer Fortschritt und Innovationen in die Gesetzliche Kranken- versicherung gelangen Dr. Andreas Gassen
 

Er lobt die IGeL als Sprungbrett in die Erstattung. „IGeL stellen eine der wenigen Optionen dar, durch die medizinischer Fortschritt und Innovationen in die Gesetzliche Krankenversicherung gelangen“, kommentiert Gassen die IGeL-Zahlen. „Ein Beispiel sind Akupunkturleistungen, die vor einigen Jahren in den Katalog der Gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen wurden.“

Klaus Zok vom WidO kontert, Gassen zäume mit seiner Kritik das Pferd von hinten auf. „Man kann doch keine Untersuchung zunächst in der Praxis an Patienten testen, um die Methoden hinterher im Gemeinsamen Bundesausschuss zu diskutieren.“

 
Man kann doch keine Untersuchung zunächst in der Praxis an Patienten testen, um die Methoden hinterher im Gemeinsamen Bundesausschuss zu diskutieren. Klaus Zok
 

Aber nicht alle Ärzte sind negativ gegenüber dem IGeL-Monitor eingestellt. Manchmal rufen auch Ärzte an und machen Vorschläge, so Weymayr. Neulich habe sich ein Allgemeinmediziner gemeldet und die IGeL-Monitor-Homepage gelobt. Zudem habe er selbst eine IGeL zur Bewertung vorgeschlagen, „weil sie in seiner Praxis so häufig nachgefragt werde“.

Auch mancher Verband kann die Bewertungen des IGeL-Monitors nachvollziehen. „Genau wie wir sieht z.B. auch der Verband der Augenärzte die Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung kritisch“, sagt Weymayr. So bestätigt Dr. Georg Eckert, Sprecher des Berufsverbandes der Augenärzte: „Die Glaukom-Früherkennung ist sehr sinnvoll. Aber die Augeninnendruckmessung als alleiniger Parameter ist Unsinn.“



REFERENZEN:

1. IGeL-Monitor: IGeL A – Z: Übersicht über veröffentlichte Bewertungen / Beschreibungen, 16. Februar 2017

2. IGeL-Monitor: Statement von Dr. Peter Pick, 16. Februar 2017

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....