COMPASS-Studie abgebrochen: Rivaroxaban schützt KHK- und PAVK-Patienten besser als ASS – NOAK statt Plättchenhemmung?

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

17. Februar 2017

In der Phase-3-Studie COMPASS (Cardiovascular Outcomes for People Using Anticoagulation Strategies) hat der Wirkstoff Rivaroxaban (Xarelto®) bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit oder peripherer arterieller Verschlusskrankheit im Vergleich zu Acetylsalicylsäure (ASS) offenbar so gute Ergebnisse erzielt, dass die Untersuchung bereits jetzt vorzeitig – statt wie geplant im Frühjahr 2018 – beendet worden ist.

Die Studie erreichte vorzeitig einen ihrer primären Endpunkte

Wie es in einer Pressemitteilung des Herstellers Bayer heißt, erreichte die Studie vorzeitig einen primären Endpunkt und erwies sich als wirksam in der Prävention schwerer kardiovaskulärer Ereignisse wie kardiovaskulärer Todesfälle, Herzinfarkte und Schlaganfälle [1]. Aufgrund des Ausmaßes der gezeigten Wirkung und der Bestätigung des bekannten Sicherheitsprofils von Rivaroxaban in der Studie habe man gemeinsam mit dem Unternehmen Janssen (in den USA vertreibt Janssen das Produkt) und dem Population Health Research Institute (PHRI) beschlossen, ab sofort allen Studienteilnehmern Rivaroxaban im Rahmen einer offenen Folgestudie anzubieten, teilt Bayer mit.

Die Entscheidung der 3 Kooperationspartner beruht auf einer entsprechenden Empfehlung des unabhängigen Data Monitoring Committee, das zuvor eine geplante Zwischenanalyse der bis zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Daten vorgenommen hatte. Die COMPASS-Studie ist die größte klinische Untersuchung, in der Rivaroxaban – ein Faktor-Xa-Antagonist, der zu den neuen oralen Antikoagulanzien (NOAK) gehört – bislang untersucht worden ist. Mehr als 27.000 Probanden aus 30 Ländern der Welt waren an der Studie beteiligt, bei der die Substanz in sehr niedriger Dosierung verabreicht worden ist.

Detaillierte Daten sollen erst im Laufe des Jahres bekanntgegeben werden

Prof. Dr. Uwe Zeymer

„Die niedrig dosierte Faktor-Xa-Inhibition scheint insgesamt eine sehr erfolgreiche Therapie vaskulärer Erkrankungen zu sein“, kommentiert der Kardiologe Prof. Dr. Uwe Zeymer, Leitender Oberarzt an der Medizinischen Klinik B des Klinikums Ludwigshafen, die Ergebnisse im Gespräch mit Medscape. Allerdings sei es derzeit noch schwer, die Resultate der COMPASS-Studie abschließend zu beurteilen, da bislang zu wenige Details bekannt seien.

„Man erfährt beispielsweise noch nicht, ob die alleinige Gabe von Rivaroxaban oder die kombinierte Gabe mit ASS bessere Ergebnisse hervorgebracht hat“, sagt Zeymer. Ebenso wenig sei bekannt, welche kardialen Ereignisse die Verabreichung des NOAK in welchem Ausmaß habe verhindern können. „Darüber hinaus gibt es bislang keine Angaben zum zweiten primären Endpunkt der Studie, der Häufigkeit schwerer Blutungen“, sagt Zeymer. Die Verantwortlichen und Sponsoren der Studie – Bayer, Janssen und das kanadische PHRI – haben allerdings in Aussicht gestellt, entsprechende Daten noch in diesem Jahr auf einem medizinischen Kongress vorzustellen.

 
Die niedrig dosierte Faktor-Xa-Inhibition scheint insgesamt eine sehr erfolgreiche Therapie vaskulärer Erkrankungen zu sein. Prof. Dr. Uwe Zeymer
 

Mehr als 27.000 Probanden randomisiert in 3 Gruppen

Sowohl die koronare Herzkrankheit (KHK) als auch die periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK) erhöhen bekanntlich deutlich das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder plötzlichen Herztod. In dieser Hochrisikogruppe ist Rivaroxaban das einzige nicht Vitamin-K-abhängige orale Antikoagulans, das bisher in klinischen Studien untersucht worden ist. Derzeit erhalten diese Patienten in der Regel ASS oder Clopidogrel als Plättchenhemmer. 

Für die COMPASS-Studie sind seit Anfang 2013 insgesamt 27.402 Probanden aus mehr als 600 Studienzentren weltweit rekrutiert worden, die entweder an KHK oder an PAVK litten. Ausgeschlossen waren unter anderem Patienten, die – etwa wegen eines Koronarstents – eine duale Plättchenhemmung benötigten, bereits einen Schlaganfall erlitten hatten oder eine schwere Herzinsuffizienz (NYHA-Klasse III oder IV) oder eine eingeschränkte Nierenfunktion hatten.

Die randomisierte Studie bestand aus 3 Armen:

  • In der Kombinationsgruppe erhielten die Patienten 2-mal täglich 2,5 mg Rivaroxaban plus einmal täglich 100 mg ASS.

  • Eine Monotherapiegruppen erhielt 2-mal täglich 5 mg Rivaroxaban und einmal täglich ein Placebo.

  • Die zweite Monotherapiegruppe erhielt 2-mal täglich Placebo plus einmal täglich 100 mg ASS.

Es gab 2 primäre Endpunkte: zum einen die Prävention von Herzinfarkten, Schlaganfällen und kardiovaskulären Todesfällen, zum anderen das Auftreten schwerer Blutungen.

Der NOAK würde das Therapiespektrum bei KHK und PAVK erweitern

 
Eine Dauertherapie mit dem NOAK, entweder als Monotherapie oder in Kombination mit ASS, scheint der alleinigen Thrombozyten- hemmung … überlegen zu sein. Prof. Dr. Uwe Zeymer
 

Welcher der beiden Rivaroxaban-Studienarme dem reinen ASS-Arm – zumindest im Hinblick auf den einen Endpunkt – überlegen war, will man bei Bayer und seinen Partnern noch nicht verraten. Auch zum anderen Endpunkt der Studie, den Blutungen, werden noch keine Ergebnisse bekanntgegeben. „Bis zur Veröffentlichung der Daten bei einem der nächsten Kongresse können wir leider keine weiteren Details kommunizieren“, teilt eine Sprecherin des Unternehmens auf eine entsprechende Anfrage von Medscape mit.

Derzeit ist Rivaroxaban zugelassen zur Prophylaxe venöser Thrombosen und Embolien bei Patienten mit Hüftgelenks- oder Kniegelenksersatz, zur Prävention von ischämischen Schlaganfällen bei Patienten mit nicht-valvulärem Vorhofflimmern und zur Akut- und Langzeitbehandlung von Patienten mit tiefen Beinvenenthrombosen und Lungenembolien.

Aufgrund der neuen Daten könnte sich nun ein weiteres Einsatzgebiet für den Faktor-Xa-Hemmer anbahnen. „Eine Dauertherapie mit dem NOAK, entweder als Monotherapie oder in Kombination mit ASS, scheint der alleinigen Thrombozytenhemmung, der bisherigen Standardbehandlung von Patienten mit koronarer Herzkrankheit oder peripherer arterieller Verschlusskrankheit, überlegen zu sein“, sagt Zeymer. Für Ärzte und Patienten würde dies eine Erweiterung des Therapiespektrums bedeuten und diese stark gefährdete Patientengruppe ließe sich künftig womöglich besser schützen.

 

REFERENZEN:

1. Bayer: Pressemitteilung, 8. Februar 2017

 

Kommentar

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