Erhöht Stress das Krebsrisiko? Nach epidemiologischen Daten für einige Tumorarten vielleicht schon …

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

10. Februar 2017

Dass Stress das Risiko von Herz- und Gefäßerkrankungen (etwa eines Infarkts) erhöht, ist allgemein bekannt. Ähnlich ungünstig könnte er sich aber auch hinsichtlich bestimmter Krebsleiden auswirken. Diese Schlussfolgerung haben Epidemiologen jetzt im British Medical Journal veröffentlicht [1]. Sie analysierten dazu Daten aus 16 prospektiven, bisher unveröffentlichten Kohortenstudien aus England und Schottland.

Besonders Dickdarm-, Pankreas-, Ösophagus- und Prostatakrebs sowie Leukämie kamen etwa 2- bis 4-mal häufiger bei Menschen vor, die zuvor angegeben hatten, unter vermehrtem Stress zu leiden, berichtet die Autorengruppe um Dr. David Batty, Department of Epidemiology and Public Health, University College, London.

Prof. Dr. Rudolf Kaaks

Prof. Dr. Rudolf Kaaks, Leiter der Abteilung Epidemiologie von Krebserkrankungen im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg, betont die Pionierleistung der Studie: „Wir brauchen unbedingt solche Kohortendaten, um einen Zugang zu den Risikoprofilierungen verschiedener Krebsarten zu erhalten.“

„In Deutschland arbeiten wir an einer ähnlichen nationalen Kohortenstudie – Nako (Nationale Kohorte): Wir sind dabei, 200.000 Menschen für umfangreiche Befragungen und Untersuchungen zu rekrutieren“, ergänzt Kaaks. „Darunter sind neben psychischen Erhebungen auch Bioproben wie Blut und Urin für die spätere Auswertung von relevanten biologischen Markern. Mit statistisch aussagekräftigen Ergebnissen ist aber erst in einigen Jahren zu rechnen.“

Daten von über 163.000 Teilnehmern ausgewertet

Die britische Autorengruppe wertete für ihre Untersuchung unveröffentlichte Gesundheitsdaten von insgesamt 163.363 Menschen aus (im Alter von 16 bis 109 Jahren, im Mittel 46 Jahre). Die Daten stammen aus Health Surveys von England und Schottland, die zwischen 1994 und 2008 aufgelegt wurden.

 
Wir brauchen unbedingt solche Kohortendaten, um einen Zugang zu den Risikoprofilierungen verschiedener Krebsarten zu erhalten. Prof. Dr. Rudolf Kaaks
 

Während einer Beobachtungsdauer von durchschnittlich 9,5 Jahren wurde jährlich der Gesundheitsstatus erhoben, darunter neben Rauch-, Alkohol-, Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten auch die jeweils empfundene psychische Stress-Situation. Der Stress wurde mittels der 12 Fragen des General Health Questionaire (GHQ12) erfasst, einem Screeninginstrument für psychische Beeinträchtigungen.

Im Untersuchungszeitraum kam es in der Kohorte insgesamt zu 16.267 Todesfällen, davon waren 4.353 auf eine Krebserkrankung zurückzuführen.

Klare Verknüpfungen von Psychostress mit spezifischen Krebsarten

Etwa 7% der Befragten hatten im GHQ12 einen hohen Stresslevel von über 7 von 12 möglichen Einheiten angegeben. Nach statistischen Bereinigungen hatten diese Probanden (im Vergleich zu Probanden mit einem Stresslevel von 0 bis 6) ein um 32% erhöhtes Risiko, an Krebs zu sterben. Bereinigt um den Faktor „Rauchen“ lag das entsprechende Risiko sogar bei 45%.

Unterteilt nach den verschiedenen Krebsarten betrug die Hazard Ratio (HR) für einen Tod an dem entsprechenden Tumor in der Gruppe mit hohem Stresslevel:

  • für das Dickdarmkarzinom bei einer HR 1,84,

  • für ein Prostatakarzinom bei einer HR 2,42,

  • für ein Pankreaskarzinom bei einer HR 2,76,

  • für das Ösophaguskarzinom bei HR 2,59 sowie

  • für Leukämie sogar bei HR 3,86.

 
In Deutschland arbeiten wir an einer ähnlichen nationalen Kohortenstudie – Nako. Prof. Dr. Rudolf Kaaks
 

Für den Tod durch Dickdarm- und Prostatakrebs ließ sich sogar ein Dosis-Wirkungs-Zusammenhang herstellen: Das Sterberisiko am jeweiligen Karzinom nahm mit der empfundenen Stressstärke schrittweise zu.  

Um die Aussagekraft zu erhöhen, berücksichtigten die Autoren für ihre Analyse weder Menschen, die schon zu Beginn der Erhebung ein Krebsleiden hatten, noch Todesfälle, die sich in den ersten 5 Jahren der Beobachtungszeit ereigneten.

Hochkomplexe Kausalitäten lassen keine eindeutigen Schlüsse zu

In ihrer Diskussionen erwähnen die Autoren eine Reihe von denkbaren Mechanismen der Verknüpfung:

  • So könnte Stress die natürliche Funktion von Killerzellen schwächen, die an der Kontrolle von Tumorzellen beteiligt sind.

  • Depressive Symptome könnten – speziell im Zusammenhang mit hormonabhängigen Krebsarten – Kortisonspiegel ansteigen und immunologische und inflammatorische Prozesse entstehen lassen oder auch Reparaturmechanismen der DNA hemmen. Dadurch würden verschiedene Tumorabwehrfunktionen geschwächt.

  • Andererseits könnte der Stress ungünstige Lebensgewohnheiten triggern, wie Rauchen, Bewegungsarmut oder Adipositas, die wiederum die Krebsentstehung begünstigen.

  • Ebenso ist es möglich, dass die ungünstigen Lebensgewohnheiten unabhängig voneinander langfristig sowohl zu einem erhöhten Krebsrisiko als auch zu Stress führen.

„Solche Faktoren sind in der Epidemiologie als Confounder bekannt“, bestätigt Kaaks. „Es ist schwierig nachzuweisen, in welcher kausalen Beziehung der psychische Stress, die Krebsentwicklung und die Confounder wie Rauchen, Bewegungsmangel und Überernährung zueinander stehen.“

Die Autoren hätten zwar umfassend statistisch adjustiert, um Confounding-Effekte von Lebensstilfaktoren so weit wie möglich auszuschließen, „aber die Assoziationen zwischen Stress, Lebensstil und Krebsrisiko sind hochkomplex“, so Kaaks.

Konkrete Empfehlungen zur Prävention ergeben sich leider noch nicht

Das Autorenteam, das bereits in mehreren Analysen dieser Studiendaten auf den Zusammenhang zwischen Stressbelastung und kardiovaskulären Risiken hingewiesen hatte, betont die Bedeutung ihrer jetzigen Publikation. Denn sie beruhe auf einer relativ hohen Zahl an Fällen.

 
Leider lassen sich aus den Ergebnissen noch keine konkreten Präventions- empfehlungen ableiten. Prof. Dr. Rudolf Kaaks
 

Da es sich aber trotz allem um reine Beobachtungsdaten handelt, seien jetzt prospektive Studien notwendig, um die Zusammenhänge zwischen Stress und Krebs genauer zu erforschen.

„Leider lassen sich aus den Ergebnissen noch keine konkreten Präventionsempfehlungen ableiten“, resümiert Kaaks. „Sinnvoll wäre, kausal entscheiden zu können, ob man beispielsweise Patienten, die unter Distress stehen, psychotherapieren soll, um deren Krebsrisiko zu verringern, oder ob die ‚Klassiker‘ Rauchverzicht, Sport und gesunde Ernährung prinzipiell ausreichen, um dadurch sowohl Krebsrisiken als auch möglicherweise den Stress zu verringern. Wir sind erst am Anfang, aber machen die ersten Schritte in Richtung Risikoprofilierung.“

 

REFERENZEN:

1. Batty GD, et al: BMJ 2017;356:j108

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....