Ein „maligner Narzisst“ am „roten Knopf“? US-Psychologen zeigen sich besorgt über Donald Trumps mentalen Zustand

veröffentlicht am 8. Februar 2017

Sonja Böhm

Interessenkonflikte

22. Februar 2017

Aktualisierung vom 22. Februar 2017

Immer mehr renommierte Psychologen und Psychiater – aus den USA, aber auch aus Deutschland – melden sich zur Narzissmus-Debatte um den US-Präsidenten Donald Trump zu Wort. In einem Leserbrief in der New York Times warnt der ehemalige Leiter der Arbeitsgruppe, die im DSM IV die Diagnose-Kriterien der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) definiert hat, Prof. Dr. Allen Frances, davor, Trump als „psychisch krank“ zu klassifizieren.

Interessant ist seine Begründung: „Er mag ein Weltklasse-Narzisst sein, aber das macht ihn noch nicht psychisch krank“, schreibt er. Denn die NPS-Kriterien, die er (Frances) mitformuliert habe, definierten als Voraussetzung auch, dass der Patient unter seiner psychischen Störung selbst leide. Doch dies sei bei Donald Trump definitiv nicht der Fall, meint Frances. Insofern „erfüllt Trump eindeutig nicht die Diagnose-Kriterien für eine NPS“, schreibt er. „Die Antwort auf das Trump‘sche dystopische dunkle Zeitalter muss politisch und nicht psychologisch sein“, lautet sein Appell.

Der Berliner Psychiater Prof. Dr. Stefan Röpke, ein führender Narzissmus-Experte in Deutschland, stößt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung ins gleiche Horn: Zwar verhalte sich Trump „wie ein Narzisst aus dem Lehrbuch“. Doch: „Wir Psychiater diagnostizieren eine Persönlichkeitsstörung erst dann, wenn der Betroffene auch selbst leidet.“

Zudem beeinträchtige eine NPS auch nicht unbedingt die Amtsfähigkeit. Deshalb sei eine solche Störung nach deutschem Recht auch nicht von vornherein mit einer verminderten Schuldfähigkeit verbunden. „Narzissten wissen in der Regel, was sie tun.“ In der Politik könnten aber „starre Denk- und Verhaltensmuster“ und die geringe Flexibilität, sich schnell an neue Situationen anzupassen, ein Hindernis sein – sowie der Umstand, dass es den Narzissten ja nicht um Inhalte gehe, sondern um die Beachtung und Bewunderung ihrer Person, meint Röpke.

Der österreichische Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe Prof. Dr. Reinhard Haller aus Vorarlberg verweist darauf, dass Donald Trump ja nicht „trotz“ sondern gerade wegen seines narzisstischen Gehabes gewählt worden ist. Es sei „beunruhigend“, dass „zur Schau gestellter Narzissmus offensichtlich ein überzeugendes Wahlprogramm ist“, schreibt er in einem Gastbeitrag, ebenfalls für die Süddeutsche. „Beunruhigend sind nicht nur die Narzissten an der Macht, sondern noch viel mehr jene, die sie gewählt haben: unsere narzisstisch gewordene Gesellschaft…“

Ein renommierter US-Psychotherapeut, Dr. John D. Gartner, der an der John Hopkins University Medical School, Baltimore, Maryland, unterrichtet, hat Donald Trump als „gefährlich geistig krank und charakterlich unfähig, Präsident zu sein“ diagnostiziert. Der 45. Präsident der USA habe einen unheilbaren „malignen Narzissmus“ wird Gartner vom Nachrichtenmagazin US-News zitiert [1].

Gartner beschäftigt sich schon länger mit der Psychologie amerikanischer Präsidenten. Er ist unter anderem Autor des Buches „In Search of Bill Clinton: A Psychological Biography“.

Präsentation des geistigen Zustandes von Trump täglich in den Medien

 
Donald Trump ist gefährlich geistig krank und charakterlich unfähig, Präsident zu sein. Dr. John D. Gartner
 

Der US-Therapeut bricht mit seiner Fern-Diagnose eine Ethik-Regel unter Psychiatern. Die sogenannte Goldwater-Regel besagt, dass solche Diagnosen nicht ohne persönliche Untersuchung einer Person gestellt und auch nicht ohne Rücksprache mit ihm öffentlich gemacht werden dürfen.

Doch im Fall Trump hält es Gartner für gerechtfertigt, diese Regel zu brechen. So sei die persönliche Untersuchung in diesem Fall nicht notwendig – schließlich präsentiere Trump seinen geistigen Zustand täglich öffentlich in den Medien. „Wir sehen genug von Trump in der Öffentlichkeit, um eine unstrittige Diagnose zu stellen“, meint er. 

Der Göttinger Psychiater Prof. Dr. Borwin Bandelow warnte öffentlich – unter anderem in der ARD-Sendung „Hart aber Fair“ – vor solchen Fern-Diagnosen. Doch auch er spricht bei dem US-Präsidenten von einer „narzisstischen Persönlichkeit“ mit Hang zur „Selbstüberhöhung“. Zudem sei Trump „beratungsresistent“ und es gebe Hinweise auf eine „Impulsaffektstörung“. Auch sieht Bandelow einen Mangel an „Mitgefühl und Reue“ – und auch mit den Fakten nehme Trump es nicht so genau. Doch im Gegensatz zu Gartner will der Göttinger Experte aufgrund dessen noch keine mentale Erkrankung diagnostizieren und nennt es lieber „Persönlichkeitsakzentuierungen“.

„Crowd size matters“ – und andere Diagnosekriterien

Diagnostische Hauptmerkmale einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind bekanntlich das Gefühl der eigenen Großartigkeit, gepaart mit einem Mangel an Empathie und einem übermäßigen Geltungsdrang. Hinzu kommt die Angst davor, nicht entsprechend anerkannt, gewürdigt oder bewundert zu werden („Crowd size matters“ – die anhaltenden Diskussionen von Trump, wie viele Menschen bei seiner Vereidigung anwesend waren).

Diagnosekriterien der narzisstischen Persönlichkeitsstörung
(mindestens 5 von 9 Merkmalen müssen für die Diagnose vorliegen)

1. Gefühl eigener Großartigkeit, Übertreibung eigener Leistungen und Talente

2. Beschäftigung mit Fantasien von unbegrenztem Erfolg, Macht, Scharfsinn etc.

3. Die Überzeugung, „besonders“ zu sein und nur von besonderen Menschen verstanden zu werden

4. Ein Bedürfnis nach übermäßiger Bewunderung

5. Eine überzogene Anspruchshaltung, die Erwartung einer besonderen Behandlung

6. Ausnutzung anderer in zwischenmenschlichen Beziehungen, um eigene Ziele zu erreichen

7. Mangel an Empathie, fehlende Bereitschaft, sich mit Gefühlen oder Bedürfnissen anderer auseinanderzusetzen

8. Neid oder die Überzeugung, andere seien neidisch auf einen selbst

9. Arrogantes, hochmütiges Verhalten

Tabelle adaptiert nach DSM IV

 
Wir sehen genug von Trump in der Öffentlichkeit, um eine unstrittige Diagnose zu stellen. Dr. John D. Gartner
 


Betrachtet man die ersten Tage von Trumps Amtszeit, scheinen tatsächlich viele dieser Diagnosekriterien erfüllt. Er war nach seiner Amtseinführung geradezu besessen davon, dass die anwesende Menschenmenge trotz aller anders lautenden Zählungen größer war als bei seinen Vorgängern und behauptet wiederholt, 3 bis 5 Millionen Menschen hätten illegal gewählt – und natürlich alle gegen ihn. „Die Merkmale einer narzisstischen Störung sind vorhanden“, räumt auch Bandelow ein. „Wie gefährlich ist es“, fragt er zudem, „wenn so jemand wie Trump den Finger am roten Knopf“ und damit die „Lizenz zum Töten“ hat?

Dies ist umso mehr besorgniserregend, da beim „malignen Narzissmus“, den Gartner bei Trump sieht, die Situation noch durch antisoziale Verhaltensstrukturen und einen Mangel an moralischen Werten verschlimmert wird. Dazu gehören etwa (modifiziert nach DSM-IV):

  • Die Missachtung der Rechte anderer sowie die Unfähigkeit, sich an gesellschaftliche Normen oder Gesetze zu halten

  • Lügen und Betrügen („alternative facts“)

  • Ein Mangel an Impulskontrolle und die Unfähigkeit vorausschauend zu planen

  • Reizbarkeit und Aggressivität, dabei Missachtung der eigenen Sicherheit und der von anderen

  • Fehlende Reue, wenn andere durch das eigene Verhalten zu Schaden kommen

Mit einer solchen Kombination von Grandiosität, antisozialem Verhalten, entsprechenden Aggressionen und eventuell sogar paranoiden (wahnhaften) Neigungen werden Menschen zu „tickenden Zeitbomben“, warnt auch die US-Psychoanalytikerin Prof. Dr. Carrie Barron, Austin, Texas.

 
Wie gefährlich ist es, wenn jemand wie Trump den Finger am roten Knopf und damit die ‚Lizenz zum Töten‘ hat? Prof. Dr. Borwin Bandelow
 

Sie beschreibt die Störung in einem Blog in Psychology Today : „Maligne Narzissten tun alles für ihre Ziele. … Sie können lügen, falsche Beschuldigungen erheben, dramatisieren, stehlen, manipulieren, verleumden und Fakten verdrehen. Sie fühlen sich immer im Recht und sind so egozentrisch und von sich eingenommen, dass sie dies nicht als falsch betrachten. Schuldgefühle oder Reue fehlen ihnen, stattdessen fühlen sie sich missverstanden.“

US-Psychologen sammeln Unterschriften gegen Trump

Bereits Ende Januar hat Gartner eine Petition gepostet. Darin bittet er Kollegen und andere, ihn dabei zu unterstützen, Trump seines Amtes zu entheben, weil er „eine ernste mentale Erkrankung hat, die ihn psychologisch unfähig macht, die Verpflichtungen eines Präsidenten der Vereinigten Staaten zu erfüllen“. Mehr als 20.000 Unterschriften hat er bereits gesammelt.

 
Ich denke, ich habe den besten Charakter oder sicherlich einen der besten Charaktere von all denjenigen, die sich jemals um die Präsidentschaft beworben haben. Jemals! Donald Trump
 

Viele Kollegen von Gartner haben sich zudem einer Gruppe mit dem Namen „Citizen Therapists Against Trumpism“ angeschlossen. Auch sie veröffentlichten ein Manifest, in dem sie vor Trumps Persönlichkeit warnen: Er mache Sündenbock-Politik, verbanne einzelne Gruppen wie Immigranten und religiöse Minderheiten, degradiere, verhöhne und erniedrige Kritiker und befördere einen Kult des „starken Mannes“. Zudem appelliere er an Angst und Wut, habe dabei wenig Interesse für die Wahrheit und sei mit rationalen Argumenten kaum zu überzeugen.

Und was sagt Trump selbst dazu? Schon während seiner Präsidentschaftskampagne hat er sich gegenüber seinen Anhängern über seinen Charakter geäußert: „Ich denke, ich habe den besten Charakter oder sicherlich einen der besten Charaktere von all denjenigen, die sich jemals um die Präsidentschaft beworben haben. Jemals!“

Wer hätte von ihm auch eine andere Aussage erwartet?

Bandelow ist zumindest überzeugt: „Er möchte nicht Amerika ‚great‘ machen, sondern Donald Trump!“ Er warnte in der ARD, dass die Geschichte zeige, dass Politiker, die sich selbst so in den Mittelpunkt stellten, oft dabei „ihr Land zu Grunde richten“.



REFERENZEN:

1. US-News “The Report: Temperament Tantrum”, 27. Januar 2017

 

Kommentar

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