Legale Sexarbeit gegen HIV: Laut EU-weiter Studie senkt Legalisierung der Prostitution die HIV-Prävalenz

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

7. Februar 2017

In Ländern, die Prostitution legalisiert haben, ist die HIV-Prävalenz unter Sexarbeitern deutlich niedriger [1]. Zu diesem Ergebnis kommen Dr. Aaron Reeves vom International Inequalities Institute der London School of Economics and Political Science und seine Kollegen. Reeves warnt daher Politiker vor zu restriktiven Maßnahmen in ihrer Gesetzgebung.

Durch Kriminalisierung geht Kontakt zu Sexarbeitern verloren

Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer

„Die Studie bestätigt eigentlich, was wir seit 100 Jahren wissen“, kommentiert Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer gegenüber Medscape. Er leitet die Interdisziplinäre Immunologische Ambulanz am Walk In Ruhr (WIR) – Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin, Bochum. „Weniger Kriminalisierung und mehr Freizügigkeit sind der einzige Weg, um generell die Raten sexuell übertragbarer Infektionen (STI) zu senken.“ Diese Erfahrung musste kürzlich auch Australien machen: „Starke Überwachung ließ die Zahl an STI nach oben schnellen“, berichtet Brockmeyer.

 
Weniger Kriminalisierung und mehr Freizügigkeit sind der einzige Weg, um generell die Raten sexuell übertragbarer Infektionen (STI) zu senken. Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer
 

„Prostitution löst sich durch Gesetze nicht in Luft auf, sondern verschwindet in den Untergrund“, erklärt der Experte. „Damit verlieren Ärzte oder Sozialarbeiter den Kontakt zu Sexarbeitern.“ Gelingt es nicht, Infektionen zu diagnostizieren und zu therapieren, kommt es zu weiteren Übertragungen und auch zu verstärkter Ausbeutung der Sexarbeiter.

Sexarbeit wenigstens teilweise legalisieren

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Reeves in seiner aktuellen Arbeit. Er wertete Daten des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) zu 27 EU-Nationen aus. Über juristische Datenbanken erfasste er die jeweilige Gesetzeslage inklusive möglicher Änderungen.

Von allen untersuchten Nationen hatte 17 zumindest einige Aspekte der Sexarbeit legalisiert. In diesen Ländern war die HIV-Prävalenz unter Sexarbeitern signifikant niedriger (Regressionskoeffizient β: -2,09). Zum Vergleich dienten 10 Länder mit restriktiven Regelungen.

Dieser Effekt blieb selbst nach Korrektur weiterer Einflussfaktoren wie dem Konsum injizierbarer Drogen sowie der ökonomischen Situation erhalten (Regressionskoeffizient β: -1,86). „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Legalisierung von einigen Aspekten der Sexarbeit dazu beitragen könnte, die HIV-Prävalenz in dieser Gruppe mit hohem Risiko zu verringern, vor allem in Ländern mit einem effektiven und fairen Justizsystem“, schlussfolgern Reeves und seine Kollegen. Marie-Claude Boily schreibt in einem begleitenden Editorial, die Wissenschaft liefere zur rechten Zeit Argumente für die Legalisierung und gegen die Diskriminierung [2]. Boily forscht am Imperial College London.

 
Aufgrund der liberalen Politik haben wir momentan die niedrigsten HIV-Infektionsraten weltweit. Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer
 

Experte rechnet auch in Deutschland mit Problemen

Boilys Aussage ist auch für Deutschland von Bedeutung. „Aufgrund der liberalen Politik haben wir momentan die niedrigsten HIV-Infektionen weltweit“, meint Brockmeyer. Mit dem neuen „Gesetz zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen“ (Prostitutionsschutzgesetz) sieht er jedoch einige Probleme aufkommen. Ab 1. Juli müssen sich Sexarbeiter mit ihrem Namen registrieren lassen, um danach pseudonymisiert überwacht zu werden.

„Das wird für viele Frauen, die kurzfristig in der Prostitution sind, eine hohe Schwelle sein“, sagt der Experte. „Viele werden sich nicht anmelden und damit auch der ärztlichen Untersuchung entziehen.“ Damit würde der „Schwarzmarkt der Prostitution deutlich ansteigen“. Seine Prognose: „Wir wissen als Ärzte dann kaum noch, was in diesem Bereich unter gesundheitlichem Blickwinkel wirklich passiert.“ Es werde kaum noch gelingen, Sexarbeiter entsprechend anzusprechen oder zu stärken. „Überall dort, wo ein großer gesellschaftlicher Druck auf Normierung und auf Verdrängung von Prostitution oder Homosexualität ist, infizieren sich die meisten Menschen mit HIV.“

 

REFERENZEN:

1. Reeves A, et al, Lancet HIV 2017;S2352-3018(16)30217-X

2. Boily MC, Lancet HIV 2017;S2352-3018(16)30219-3

 

Kommentar

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