Sicher Sport treiben bei Typ-1-Diabetes – Experten-Empfehlungen zu Ausgangswerten sowie zu aerobem und anaerobem Training

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

31. Januar 2017

Typ-1-Diabetiker machen genauso viel – oder besser genauso wenig – Sport wie die Allgemeinbevölkerung. Doch bei ihnen gesellt sich neben dem inneren Schweinhund noch die Angst vor Hypoglykämien als Hinderungsgrund hinzu. Eine internationale Expertengruppe hat nun Empfehlungen für Sport bei Typ-1-Diabetes herausgegeben [1].

Generell empfehlen die Experten Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes mindestens 150 Minuten körperliche Aktivität pro Woche, wobei maximal 2 aufeinander folgende Tage sportfrei bleiben sollten.

Engmaschige Blutzuckerüberwachung

Blutzuckermessungen vor, während und nach den Trainingseinheiten seien entscheidend für eine stabile und sichere Blutzuckereinstellung, heißt es in den Empfehlungen von Prof. Dr. Michael C. Riddell vom Muscle Health Research Centre, York University, Toronto, und seinen Kollegen.

Wie hoch der Blutzucker bei Trainingsbeginn sein sollte, ist individuell unterschiedlich. Die Autoren nennen jedoch Richtwerte: Für die meisten Patienten, die maximal eine Stunde Ausdauertraining (aerobes Training) machen wollen, ist demnach ein Ausgangswert im Bereich von 7 bis 10 mmol/l (126 bis 180 mg/dl) vernünftig. Höhere Blutzuckerkonzentrationen können in einigen Situationen akzeptabel sein, wenn ein zusätzlicher Schutz vor Hypoglykämien notwendig ist.

Steht dagegen eine Einheit anaerobes Training oder hoch intensives Intervalltraining (HIIT) an, kann mit einem niedrigeren Blutzuckerwert von 5 bis 7 mmol/l (90 bis 126 mg/dl) gestartet werden. Der Grund: Die Blutzuckerkonzentration bleibt bei dieser Art von Training relativ stabil oder sinkt in geringerem Ausmaß als bei kontinuierlichem aerobem Training – sie kann sogar leicht ansteigen.

Tipps für das Erreichen des optimalen Ausgangswerts vor Sportbeginn

Wie erreicht man nun den empfohlenen Blutzuckerausgangswert? Ausgehend vom gemessenen Blutzuckerwert empfehlen die Experten folgendes Vorgehen:

  • Blutzucker unterhalb des Zielbereichs (< 5 mmol/l; < 90 mg/dl): 10 bis 20 g Glukose einnehmen. Mit dem Training erst beginnen, wenn der Blutzucker auf über 5 mmol/l (90 mg/dl) gestiegen ist. Engmaschig auf Hypoglykämien überprüfen.

  • Blutzucker in der Nähe des Zielbereichs (5 bis 6,9 mmol/l; 90 bis 124 mg/dl): Vor Beginn einer aeroben Trainingseinheit 10 g Glukose einnehmen. Mit einem anaeroben Training/HIIT kann sofort begonnen werden.

  • Blutzucker im Zielbereich (7 bis 10 mmol/l; 126 bis 180 mg/dl): Mit aerobem Training kann begonnen werden, ebenso mit anaerobem Training/HIIT, bei letzterem auf mögliche Glukoseanstiege achten.

  • Blutzucker leicht über dem Zielbereich (10,1 bis 15,0 mmol/l; 182 bis 270 mg/dl): Mit aerobem Training kann begonnen werden, ebenso mit anaerobem Training/HIIT, bei letzterem auf mögliche Glukoseanstiege achten.

  • Blutzucker über dem Zielbereich (> 15 mmol/L; > 270 mg/dl): Hat die Hyperglykämie keinen offensichtlichen Grund (z.B. Mahlzeit), Blutketone überprüfen:

    • Sind die Blutketone leicht erhöht (≤ 1,4 mmol/l), sollte nur ein leichtes Training über maximal 30 Minuten durchgeführt werden. Vor Trainingsbeginn kann eine kleine Dosis Insulin nötig sein.

    • Sind die Blutketone deutlich erhöht (≥1,5 mmol/l) sollte auf ein Training verzichtet werden und rasch Gegenmaßnahmen (s. u.) ergriffen werden.

    • Sind die Blutketone niedrig (< 0,6 mmol/l) oder der Urinteststreifen zeigt weniger als 2+ (oder < 4,0 mmol/l), kann mit einem leichten bis moderaten Training begonnen werden. Während des Trainings sollte der Blutzucker überwacht werden, um zu sehen, ob die Konzentration weiter ansteigt. Eine intensive Trainingseinheit erfordert besondere Vorsicht, da sie die Hyperglykämie verstärken kann.


Erhöhte Ketonwerte vor dem Training behandeln

Erhöhte Ketonwerte in Blut (≥ 1,5 mmol/l) oder Urin (≥ 2+ oder 4,0 mmol/l) sollten Typ-1-Diabetiker vor dem Beginn eines Trainings durch die Anwendung von Insulin und bei Bedarf durch die Aufnahme von Kohlenhydraten behandeln.

Das Expertenpanel empfiehlt zudem, die Ursache einer erhöhten Ketonkonzentration zu identifizieren, etwa eine Krankheit, Ernährungsveränderungen, eine noch nicht lange zurückliegende anstrengende Trainingseinheit oder das Weglassen von Insulin.

Liegt die Ketonkonzentration bei 3,0 mmol/l oder darüber, sollte zur Behandlung sofort ein Arzt aufgesucht werden.

Nicht nur erhöhte Ketonwerte stellen eine Kontraindikation für Sport dar. Auch bei noch nicht allzu lang (höchstens 24 Stunden) zurückliegenden schweren Hypoglykämien (Blutzucker ≤ 2,8 mmol/l [50 mg/dl] oder Fremdhilfe erforderlich) sollte auf das Training verzichtet werden.

Insulintherapie und Kohlenhydrataufnahme anpassen

Die Reaktion des Blutzuckers auf verschiedene Trainingsformen und -intensitäten ist hoch variabel und individuell unterschiedlich. Häufige Blutzuckermessungen und eine Anpassung sowohl der Basal- als auch der Bolusinsulindosis sowie der Aufnahme von Kohlenhydraten während und nach dem Sport sind die Voraussetzung für eine gute Blutzuckereinstellung.

Aerobe Trainingseinheit: Entscheidungshilfen für Typ-1-Diabetiker

Findet das Training im nüchternen oder postabsorptiven Zustand mit niedrigem Level an Bolusinsulin statt?

  • Falls ja, sollte eine Reduktion der Basalinsulindosis oder ein kohlenhydrathaltiger Snack (oder beides) in Betracht gezogen werden.

    • Hat der Patient eine Insulinpumpe, sollte das Basalinsulin bis zu 90 Minuten vor Trainingsbeginn um 50 bis 80% reduziert werden, und dies bis zum Ende des Trainings. Alternativ kann überlegt werden, die Pumpe zu Trainingsbeginn vorübergehend abzuschalten (aber nicht länger als 60 Minuten). Außerdem sollten, basierend auf Blutzuckermessungen, zusätzliche Kohlenhydrate aufgenommen werden (z.B. 10 bis 20 g/h).

    • Ist keine Insulinpumpe vorhanden, so sollten zusätzliche Kohlenhydrate nach Bedarf (z.B. 10 bis 20 g/h) konsumiert werden. Außerdem kann an Tagen mit viel körperlicher Aktivität bzw. langen Trainingseinheiten eine Reduktion des Basalinsulins um 20% in Betracht kommen.

    • Nach dem Training sollten Typ-1-Diabetiker – egal ob mit oder ohne Insulinpumpentherapie – innerhalb von 90 Minuten eine Mahlzeit zu sich nehmen. Diese sollte 1,0 bis 1,2 g/kg Kohlenhydrate enthalten. Um das Risiko nächtlicher Hypoglykämien zu senken – speziell wenn am Nachmittag oder abends trainiert wurde – kommt die Reduktion des Bolusinsulins um 50% in Frage. Das nächtliche Basalinsulin sollte um 20% reduziert werden, alternativ ist auch der Verzehr eines Snacks vor dem Zubettgehen ohne zusätzliche Insulingabe möglich.

  • Falls nein, stellt sich die Frage, ob das Bolusinsulin zu den Mahlzeiten reduziert werden kann.

    • Ist das nicht der Fall, so kommt eine erhöhte Kohlenhydrataufnahme in Betracht, und dies in einer Rate von ca. 0,5 bis 1,0 g/kg Körpergewicht pro Stunde Training (Menge abhängig von Intensität, Trainingsdauer und Blutzuckerkonzentration).

    • Kann das Bolusinsulin gesenkt werden, so sollte dies bei der letzten Mahlzeit vor dem Training geschehen, und zwar um 25 bis 75%, je nach Intensität des geplanten Trainings (25% bei leichtem, 50% bei moderatem und 75% bei intensivem Training).

 

REFERENZEN:

1. Riddell MC, et al: Lancet Diabetes Endocrinol 2017 (online) 23. Januar 2017

 

Kommentar

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