Herzbericht 2016: KHK-Sterblichkeit sinkt, doch es droht die „Herzinsuffizienz-Epidemie“ – Hausärzte mehr denn je gefragt

Bettina Micka

Interessenkonflikte

30. Januar 2017

Prof. Dr. Thomas Meinertz

Foto: Angela Pfeiffer

Berlin Die Sterblichkeitsrate bei Herz-Kreislauferkrankungen ist innerhalb der letzten 10 Jahre um rund 30% gesunken. Doch liegt Deutschland bei der altersstandardisierten Sterblichkeitsziffer hinter Ländern wie Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden, wie eine europäische Vergleichsstudie zeigt. „Deutschland ist gut, aber verbesserungswürdig“ – so fasste der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Herzstiftung und Kardiologe am Klinikum Stephansplatz Hamburg, Prof. Dr. Thomas Meinertz, die Situation der Kardiologie anlässlich der Vorstellung des Deutschen Herzberichts 2016 in Berlin zusammen [1].

Der Bericht, von der Deutschen Herzstiftung in Zusammenarbeit mit den ärztlichen Fachgesellschaften für Kardiologie (DGK), Herzchirurgie (DGTHG) und Kinderkardiologie (DGPK) herausgegeben, dokumentiert die Entwicklung bei Morbidität, Mortalität und Versorgung. Welches Resümee sich aus den Erkenntnissen des Herzberichts für Niedergelassene und insbesondere für Hausärzte ziehen lässt, darüber sprach Medscape mit Prof. Dr. Hugo A. Katus, Präsident der DGK.

Die 3 wichtigsten Botschaften des Herzberichts für Hausärzte

  • „Herzinsuffizienz wird zunehmend häufiger. Das Problem können Fachärzte nicht allein bewältigen, da brauchen wir die Hausärzte“, so Katus.

  • „Patienten sagen mir oft, sie wollten nicht unbedingt länger leben, aber mit mehr Lebensqualität“, berichtete der DGK-Präsident. „Es gibt heute immer mehr Möglichkeiten, auch ältere Patienten interventionell zu behandeln – etwa mit TAVI oder einer Koronarintervention. Ärzte sollten da keine Hemmschwelle haben.“

  • „Auch Frauen werden herzkrank. Ärzte sollten bei ihren Patientinnen noch mehr auf Anzeichen von Herzproblemen achten und auch bei den Patientinnen selbst ein größeres Bewusstsein schaffen, dass auch sie herzkrank werden können“, empfahl Katus.


Koronare Herzkrankheiten: Sterblichkeit sinkt kontinuierlich

„Koronare Herzerkrankungen und Infarkt sind nach wie vor Haupttodesursache in Deutschland“, informierte Katus, der Ärztlicher Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Pneumologie am Universitätsklinikum Heidelberg ist. Allerdings belege der Herzbericht eine über Jahre kontinuierlich sinkende Sterblichkeit bei Herz-Kreislauferkrankungen.

Prof. Dr. Hugo A. Katus

Foto: Uniklinikum Heidelberg

Beim Herzinfarkt etwa sank sie pro 100.00 Einwohner (Sterbeziffer) zwischen 1990 und 2014 um fast 45% – von 107,4 auf 59,3. Dies sei nicht zuletzt auf die bessere interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Spezialisten, etwa in den Brustschmerz-Ambulanzen (Chest Pain Units, CPU), zurückzuführen, wie Katus erläuterte. Auch erhalten Infarkt-Patienten heute standardmäßig eine perkutane Koronarintervention (PCI), was die Prognose im Vergleich zur ausschließlichen Thrombolyse verbessert hat.

Bei der KHK sind, wie der Herzbericht auch deutlich macht, Männer das schwache Geschlecht. Rund 2 Drittel der stationären Fälle sind Männer und sie haben auch – anders als bei anderen Herzkrankheiten – eine deutlich schlechtere Prognose. Die Zahl der Todesfälle an der KHK pro 100.000 Einwohner betrug 2015 bei Frauen 137,1, bei Männern 161,8 und war damit um 18% höher. Beim Herzinfarkt ist die Sterbeziffer der Männer sogar 34% höher als bei Frauen.

 
Herzinsuffizienz wird zunehmend häufiger. Das Problem können Fachärzte nicht allein bewältigen, da brauchen wir die Hausärzte. Prof. Dr. Hugo A. Katus
 

Herzinsuffizienz: Droht eine „Epidemie“?

Auch für die Herzinsuffizienz weiß der Bericht Positives zu vermelden: An Herzschwäche starben 2014 verglichen mit 1990 ein Drittel weniger Patienten. Allerdings: Da die Häufigkeit der Erkrankung mit dem Alter zunimmt und mehr Menschen als früher einen Herzinfarkt überleben, steigen seit Jahren die Fallzahlen.

Zwischen 1995 und 2015 hat sich die Erkrankungshäufigkeit nahezu verdoppelt. Allein zwischen 2014 und 2015 nahm die Zahl der stationär versorgten Patienten mit Herzinsuffizienz um 2,7% zu (von 432.893 auf 444.632 Fälle). Die chronische Herzmuskelschwäche ist bereits die häufigste Ursache für stationäre Krankenhausaufenthalte. „Wir sprechen inzwischen von einer drohenden Herzinsuffizienz-Epidemie“ so Katus.

 
Es gibt heute immer mehr Möglichkeiten, auch ältere Patienten interventionell zu behandeln (...) Ärzte sollten da keine Hemmschwelle haben. Prof. Dr. Hugo A. Katus
 

Negativtrend bei Klappenkrankheiten und Rhythmusstörungen

Trotz der insgesamt positiven Entwicklung sind im Vergleich zu 1990 die Sterbeziffern für die Herzklappenkrankheit (154%) und Herzrhythmusstörungen (85%) gestiegen. Diese paradoxe Entwicklung sei ein Effekt der Fortschritte in der Kardiologie, so Katus. „Viele Patienten, die heute mit einer geschädigten Herzklappe behandelt werden, wären früher z.B. an einem Herzinfarkt gestorben.“

Verbesserte oder neue Diagnosemöglichkeiten führten immer zu einer gesteigerten Wahrnehmung und damit zu einem scheinbaren Anstieg der Morbidität und zu einer häufigeren Angabe auf dem Totenschein. Zudem werde die Bevölkerung immer älter und damit auch anfälliger für Herzerkrankungen.

Bei den stationären Krankenhausaufenthalten wegen Herzrhythmusstörungen haben sich die Fallzahlen in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt. Entsprechend nahmen auch die Katheter-gestützten Ablationen zur Therapie des Vorhofflimmerns zu. Zwischen 2014 und 2015 stieg die Zahl der Eingriffe um 10,3% auf 76.188.

PD Dr. Wolfgang Harringer

Foto: Klinikum Braunschweig

Noch stärker stieg in den letzten 20 Jahren die Zahl der stationären Behandlungen wegen einer Herzklappenerkrankung: um 63%. Vor allem in der Gruppe der über 75-Jährigen war der Anstieg mit 164% eklatant. In den meisten anderen Altersgruppen waren die Zahlen dagegen rückläufig. Bei der Behandlung der Herzklappenkrankheit erlebt in den letzten Jahren der Kathether-gestützte perkutane Aortenklappenersatz (TAVI) einen rasanten Anstieg. 2015 entfielen auf TAVI-Interventionen bereits 62% der Aortenklappen-Eingriffe. 2009 waren es noch rund 20%.

Zur Haltbarkeit der TAVI-Klappen und damit zur Indikation dieser Methode auch für jüngere Patienten befragt, sagte PD Dr. Wolfgang Harringer, 1. Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG): „Wir wissen heute, dass 5 Jahre Haltbarkeit nach TAVI wahrscheinlich realistisch sind. Der Zeitraum darüber hinaus ist eine Black Box.“

Dem pflichtete Katus bei: „Bis 5 Jahre nach Intervention gibt es keine Anzeichen für eine Degeneration der Klappen.“ Andererseits würden die Klappen auch permanent verbessert. Für die neuen Klappen-Typen liegen dann nur entsprechend kürzere Daten vor.

Neue Daten zur Haltbarkeit von interventionell gegenüber herzchirurgisch implantierten Aortenklappen sind von der im April 2016 gestarteten PARTNER-3-Studie mit einem Follow-up von 10 Jahren zu erwarten.

Männer erkranken öfter am Herzen, Frauen sterben öfter am Herzen

Wie der Herzbericht unterstreicht, sind Herzerkrankungen kein „Männerproblem“. Ein Herzinfarkt etwa wird bei Frauen unter 60 Jahren viel häufiger diagnostiziert als Brustkrebs. „10-mal mehr Frauen sterben an kardiovaskulären Erkrankungen als am Mammakarzinom“, verdeutlichte Katus.

 
Wir sprechen inzwischen von einer drohenden Herzinsuffizienz-Epidemie. Prof. Dr. Hugo A. Katus
 

Zwar sind rund 58% der stationären Krankenhausaufnahmen wegen einer Herzerkrankung bei Männern zu verbuchen. Jedoch sterben – alle Diagnosen zusammengerechnet – Frauen häufiger an ihrer Erkrankung (268,2 vs 243,7 pro 100.000 Einwohner). Insbesondere bei der Herzinsuffizienz sticht der Unterschied hervor: Obwohl Frauen und Männer etwa gleich häufig daran leiden (540,4 vs 541,7 Fälle pro 100.000 Einwohner), ist die Sterbeziffer von Frauen um 71,2% höher. Auch bei der Herzklappenkrankheit liegt die Sterbeziffer von Frauen um 54% höher als die von Männern. Bei Herzrhythmusstörungen ist sie um 48% höher.

Unterschiede weist der Herzbericht auch bei der Versorgung aus: Deutlich weniger Frauen erhalten eine Linksherz-Katheteruntersuchung (2015: 35% vs 65%). Bei perkutanen Koronarinterventionen (PCI) haben Frauen nur einen Anteil von 28%, bei Bypass-Operationen sind es 22%. Zudem erhalten sie weniger Medikamente zur Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen. Ob ein Zusammenhang zwischen den Unterschieden in der Versorgung und der schlechteren Prognose von Frauen bei vielen Herzerkrankungen besteht, muss erst noch geklärt werden.

Auch wenn die Zahlen des neuen Herzberichts insgesamt ein positives Bild zeichnen, gibt es gerade bei Aufklärung und Prävention noch einiges zu tun. Wirkliche Erfolge ließen sich bisher nur beim Thema Rauchen verbuchen, wie Meinerts sagte. Er gab auch zu bedenken: „Ärzte bekommen kein Geld dafür, mit ihren Patienten zu reden, sie von einer herzgesünderen Lebensweise zu überzeugen. Das ist beispielsweise in Frankreich anders.“ Defizite in der Aufklärung und Prävention gäbe es besonders im Kinder- und Jugendalter.

 

REFERENZEN:

1. Pressekonferenz zum Herzbericht 2016, 25. Januar 2017

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....