Review zu Gesundheitseffekten von resistenter Stärke in der Nahrung: Nutzt dem Darm und dem Glukosespiegel

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

30. Januar 2017

Eine ballaststoffreiche Ernährung ist gesund. Resistente Stärke (RS), die durch menschliche Verdauungsenzyme nicht abbaubar ist, zählt zu den Ballaststoffen und gilt als besonders gut für die Gesundheit. Doch welche gesundheitlichen Vorteile bringt sie tatsächlich?

Ein umfangreicher Review hat versucht, dies zu klären. Dr. Stacey Lockyer von der British Nutrition Foundation, London, und Dr. Anne. P. Nugent vom University College Dublin haben dazu Studiendaten der vergangenen 10 Jahre gesichtet und deren Evidenz bewertet [1].

Prof. Dr. Hans Hauner

Die Autorinnen kommen im Nutrition Bulletin zu dem Schluss, dass resistente Stärke die Darmgesundheit fördert und über eine erhöhte Produktion von kurzkettigen Fettsäuren die Sättigung steigern kann. „Wir wissen, dass eine adäquate Faseraufnahme – mindestens 30 Gramm pro Tag – wichtig für eine gesunde ausbalancierte Ernährung ist und das Risiko für eine Reihe chronischer Krankheiten reduziert“, schreibt Lockyer. Zudem fanden die Autoren Evidenz dafür, dass die Aufnahme von resistenten Stärken die Kontrolle des Blutzuckerspiegels erleichtert.

„Die Arbeit von Lockyer und ihrer Kollegin ist ein aktuelles Update und bestätigt im Wesentlichen das, was wir über resistente Stärken wissen“, kommentiert Prof. Dr. Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin der TU München, gegenüber Medscape. Allerdings gibt er zu bedenken: „Schaut man sich die Daten genauer an, sind die Vorteile von resistenten Stärken nicht so eindeutig.“ Als Beispiel nennt er die Prävention von Kolonkrebs: „Welchen Beitrag resistente Stärken dazu leisten können, dazu fehlen leider große Studien.“

Auch die Daten zum günstigen Einfluss resistenter Stärken auf das Lipidprofil und den Appetit sowie eine Adipositas seien nicht eindeutig. Anders beim Diabetes: Hier lege die Datenlage nahe, „dass Patienten mit Diabetes von der Aufnahme resistenter Stärken profitieren. Resistente Stärken lassen den Blutzucker nicht so schnell ansteigen“, erklärt der Ernährungsexperte.

Resistente Stärken machen nur einen kleinen Teil eines Nahrungsmittels aus

Praktische Konsequenzen sieht Hauner derzeit für den Alltag von Patienten mit Diabetes nicht, zumal resistente Stärken nur einen kleinen Teil eines Nahrungsmittels ausmachen:

  • Während in 100 g grünen Bananen noch 8,5 g resistente Stärke enthalten ist, liegt der Anteil bei reifen Bananen bei nur mehr 1,2 g.

  • Bohnen weisen 2,0 g resistente Stärke pro 100 g auf.

  • Linsen enthalten immerhin 3,4 g pro 100 g.

  • Frisch gekochte Kartoffeln haben 0,59 g Stärke, sind aber aufgrund ihrer schnell verfügbaren Stärke für Diabetes-Patienten ohnehin nur bedingt zu empfehlen. Abgekühlt z.B. als Kartoffelsalat, steigt zwar der Anteil resistenter Stärken leicht – auf 0,63 g – ist aber nicht wirklich hoch.

  • Bratkartoffeln schneiden besser ab mit 1,07 g resistenter Stärke pro 100 g.


„In experimentellen Studien wird man eine direkte Wirkung auf den Blutzuckerspiegel feststellen können, aber im praktischen Alltag machen diese Mengen nicht viel aus“, meint Hauner.

 
Wir wissen, dass eine adäquate Faseraufnahme (…) wichtig für eine gesunde ausbalancierte Ernährung ist und das Risiko für eine Reihe chronischer Krankheiten reduziert. Dr. Stacey Lockyer
 

„Potenziell gesundheitlicher Nutzen“

Wenngleich resistente Stärken „möglicherweise nützlich für das Management des Diabetes“ sind, wie Lockyer und Nugent schreiben, auf andere metabolische Marker wie Blutdruck und Plasmalipide scheinen sie nur geringen Einfluss zu haben. Die Daten dazu seien allerdings limitiert.

So fallen die Schlussfolgerungen der Autorinnen auch eher verhalten aus: „Die gegenwärtige Evidenz deutet auf resistente Stärke als sinnvolle Ernährungskomponente hin, mit potenziellem gesundheitlichem Nutzen und ohne schädliche Effekte – außer möglichen gastrointestinalen Symptomen wie Druck- und Völlegefühl und Blähungen bei Menschen, die sehr viel resistente Stärke konsumieren.“ Insgesamt beurteilen sie resistente Stärken als „gesunde Nahrungsmittel-Komponente“.

Resistente Stärken zum Abnehmen?

Die Autorinnen schreiben weiter, dass die nachgewiesene Fermentation der resistenten Stärken im Dickdarm, die zur Produktion kurzkettiger Fettsäuren führt, nahe legt, dass resistente Stärken biologische Effekte auf die Sättigung haben. Ein direkter Effekt auf den Appetit ist jedoch nicht belegt – zumindest nicht im Hinblick auf eine Gewichtsreduktion.

 
Schaut man sich die Daten genauer an, sind die Vorteile von resistenten Stärken nicht so eindeutig. Prof. Dr. Hans Hauner
 

Ob und inwieweit resistente Stärken zum Abnehmen bei Übergewicht taugen, wird derzeit im EU-geförderten SATIN-Projekt untersucht. Ziel des internationalen Projekts ist, die biopsychologischen Mechanismen zu klären, die der Sättigung zugrunde liegen.

Der Anteil resistenter Stärken in Lebensmitteln selbst ist klein und eine Erhöhung der resistenten Stärken wäre aus Sicht der Autoren wünschenswert. Ein mögliches Einsatzgebiet mit Potenzial sehen die Autoren deshalb als Nahrungsmittelzusatz, etwa für orale Rehydratations-Lösungen.

 
In experimentellen Studien wird man eine direkte Wirkung auf den Blutzuckerspiegel feststellen können, aber im Alltag machen diese Mengen nicht viel aus. Prof. Dr. Hans Hauner
 

Autoren sehen weiteren Forschungsbedarf

Lockyer sieht vor allem weiteren Forschungsbedarf, etwa ob resistente Stärke probiotisch wirkt. „Die Ergebnisse legen positive Effekte auf Marker der Darmgesundheit nahe. Weitere Forschung ist notwendig, um zu prüfen, inwieweit ein gesteigerter Konsum von resistenter Stärke einen gesundheitlichen Nutzen für die Gesamtbevölkerung hat. Dies ist definitiv ein aufregendes Gebiet der Ernährungsforschung“, so Lockyer.

„Während wir unseren Review erstellten, waren bei clinicaltrials.gov diverse bald beginnende Studien registriert, die den Effekt von resistenten Stärken untersuchen wollen – auf Körpergewicht, Darmgesundheit, Insulinsensitivität, auf kardiovaskuläre Risiko-Marker, auf Appetit und Darmkrebsprävention bei unterschiedlichen Populationen, einschließlich Patienten mit Morbus Parkinson, Typ-2-Diabetes, Nierenerkrankungen sowie nach Transplantation.“

Was sind resistente Stärken?

Resistente Stärken sind zwar widerstandsfähig gegen Verdauungsenzyme, ganz unverändert verlassen sie den Körper aber nicht: Sie werden im Dickdarm teilweise abgebaut. Durch die bakterielle Fermentation entstehen kurzkettige Fettsäuren wie Essigsäure, Buttersäure, Propionsäure und Gase.

Eingeteilt wird resistente Stärke in 5 verschiedene Typen: RS1, RS2, RS3, RS4 und RS5. Manche Formen kommen in Bananen, Kartoffeln, Getreide und Gemüse vor, manche werden produziert oder kommerziell modifiziert und Nahrungsmitteln und Getränken zugesetzt.

  • Zu RS1 gehört Stärke, die in intakten Zellen eingeschlossen und so für Verdauungsenzyme nur schwer zugänglich ist; also Stärke in ganzen Getreidekörnern oder Hülsenfrüchten.

  • Unter RS2 versteht man Stärke, die in nativer Form im Dünndarm nicht verdaut wird und in rohen Kartoffeln, grünen Bananen oder Mais vorkommt.

  • Zu RS 3 wird die retrogradierte Stärke gezählt, die beim Abkühlen von Brot und Kartoffeln entsteht.

  • RS4 ist chemisch modifizierte oder repolymerisierte Stärke; sie wird Nahrungsmitteln zugesetzt.

  • Unter RS5 werden Amylose-Lipid-Komplexe verstanden, die Nahrungsmitteln zugesetzt werden können.


Lockyer und ihre Kollegin schätzen die durchschnittliche Aufnahme resistenter Stärken auf 3 Gramm pro Tag in Großbritannien und gehen für andere Länder mit westlichem Ernährungsstil von ähnlichen Mengen aus.

 

REFERENZEN:

1. Lockyer S, Nutrition Bulletin (online) 5. Januar 2017

 

Kommentar

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