Asthma-Prophylaxe im Mutterleib: Hoch dosierte Omega-3-Fettsäuren in der Schwangerschaft beugen Asthma beim Kind vor

Petra Plaum

Interessenkonflikte

26. Januar 2017

Sollten Schwangere Omega-3-Fettsäuren in hoher Dosis als Asthmaprophylaxe für ihre Kinder einnehmen? 2 randomisiert-kontrollierte Studien aus Dänemark, die kürzlich publiziert wurden, sprechen dafür. Zentrales Ergebnis: Nahmen die werdenden Mütter täglich 2,4 bis 2,7 g Eicosa-Pentaen-Säure (EPA) und Docosa-Hexaen-Säure (DHA) zu sich, so hatten ihre Kinder signifikant seltener Asthma.

„Die Datenlage ist nicht mehr ignorierbar“, kommentiert Dr. Imke Reese, Ernährungsberaterin und -therapeutin mit dem Schwerpunkt Allergologie aus München, die Ergebnisse im Gespräch mit Medscape. Sie ergänzt: „Aus biologischer Sicht macht es absolut Sinn, dass die langkettigen Omega-3-Fettsäuren einen protektiven Effekt bei Asthma haben können.“

Rund ein Drittel seltener Asthma mit Fischöl

Ein um 30,7% reduziertes Risiko für persistierende Pfeifatmung und Asthma bis zum 5. Geburtstag errechnete das Team um Dr. Hans Bisgaard, Leiter der Forschungsgruppe COPSAC (Copenhagen Prospective Studies on Asthma in Childhood) am Hospital der Universität von Kopenhagen. Die Studie ist im New England Journal of Medicine publiziert [1].

Dr. Imke Reese

Bisgaard und sein Team fanden in den Jahren 2009 bis 2010 insgesamt 736 Schwangere, die bereit waren, an der Studie teilzunehmen. Alle erhielten im letzten Schwangerschaftsdrittel Kapseln – entweder mit Fischöl oder mit Olivenöl (im Verhältnis 1:1). Die Interventionsgruppe nahm so täglich 2,4 g langkettige Omega-3-Fettsäuren zu sich, davon 55% EPA und 37% DHA. Bis zum 5. Geburtstag konnten die Wissenschaftler die Daten der danach geborenen 695 Kinder und ihrer Müttern auswerten. Auch ermittelten sie die EPA- und DHA-Spiegel im Blut.

„Das Risiko von persistierender Pfeifatmung oder Asthma in der Interventionsgruppe betrug 16,9% versus 23,7% in der Kontrollgruppe (Hazard Ratio: 0,69; 95%-Konfidenzintervall: 0,49-0,97)“, berichtet Bisgaard [1].

„Präspezifizierte Subgruppenanalysen legen nahe, dass der Effekt bei den Kindern der Frauen am größten war, deren EPA- und DHA-Spiegel im Blut zum Zeitpunkt der Randomisierung im untersten Drittel lag“, betonen die Autoren. Bis zum Alter von 5 Jahren hatten 17,5% dieser Kinder eine Diagnose von persistierender Pfeifatmung oder Asthma erhalten, versus 34,1% in der Kontrollgruppe mit Olivenöl (HR: 0,46; 95%-KI: 0,25-0,83).

Schutzeffekt bis ins Erwachsenenalter

Der protektive Effekt könnte bis über den 18. Geburtstag hinaus anhalten, legt eine andere Studie von Susanne Hansen vom Centre for Fetal Programming am Department of Epidemiology Research, Statens Serum Institut in Kopenhagen, und ihren Kollegen nahe, die jetzt im Journal of Allergy and Clinical Immunology erschienen ist [2].

 
Aus biologischer Sicht macht es absolut Sinn, dass die langkettigen Omega-3-Fettsäuren einen protektiven Effekt bei Asthma haben können. Dr. Imke Reese
 

Die dänischen Wissenschaftler hatten im Jahr 1990 bereits 533 Frauen rekrutiert, von denen jede zweite im 3. Trimester ihrer Schwangerschaft Fischölkapseln nahm. Die Interventionsgruppe konsumierte je 4 Kapseln mit insgesamt 2,7 g DHA und EPA pro Tag, eine Kontrollgruppe stattdessen Olivenölkapseln und eine dritte Gruppe war ohne Supplemente geblieben (im Verhältnis 2:1:1). Die Kinder der so behandelten Mütter wurden bis zum Alter von 18 bis 19 Jahren nachverfolgt.

Das Risiko, wegen Asthma verschreibungspflichtige Medikamente erhalten zu haben, war in der Fischölgruppe nur halb so hoch wie in der Olivenöl-Kontrollgruppe. „In Intention-to-treat-Analysen war die Wahrscheinlichkeit, eine Asthmamedikation verschrieben zu bekommen, in der Fischölgruppe signifikant geringer als in der Olivenölgruppe (HR: 0,54; 95%-KI: 0,32-0,90)“, informieren Hansen und ihr Team.

 
In Intention-to-treat-Analysen war die Wahrscheinlichkeit, eine Asthmamedikation verschrieben zu bekommen, in der Fischölgruppe signifikant geringer als in der Olivenölgruppe. Susanne Hansen
 

Auch allergische Rhinitis gab es in der Interventionsgruppe laut Registerdaten seltener als in den Kontrollgruppen, doch war der Unterschied  nicht signifikant. „Was Sensibilisierungen anging, hatten diejenigen, deren Mütter während der Schwangerschaft Fischöl eingenommen hatten, keinen besonderen Vorteil“, ergänzt Reese.

Ist eine hohe Dosis auch sicher?

Allerdings hatten die Kinder offenbar auch keinen gesundheitlichen Nachteil, was angesichts des langen Follow-up-Zeitraums dafür spreche, dass Omega-3-Fettsäuren in dieser Dosierung in der Schwangerschaft sicher sind, so Reese.

Die Dosierung von DHA und EPA im Rahmen beider Studien mag ungewöhnlich hoch erscheinen. Schließlich empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) Schwangeren und Stillenden zurzeit lediglich, sie sollten im Durchschnitt mindestens 200 mg DHA täglich zuführen.

Die in der Studie verabreichten 2,4 g langkettige Omega-3-Fettsäuren entsprechen dem 15- bis 20-fachen dessen, was US-Amerikaner täglich zu sich nehmen, rechnet in seinem Kommentar zu Bisgaards Studie Christopher E. Ramsden vom National Institute on Aging in Baltimore, vor [3]. Ramsden fordert weitere Studien zur Sicherheit hochdosierter Supplemente.

 
Bei einem hohen Allergierisiko oder bei Verdacht auf einen Mangel an Omega-3-Fettsäuren kann der Gynäkologe den Omega-3-Index ermitteln lassen. Dr. Imke Reese
 

Alles spreche dafür, dass im Rahmen der dänischen Studien kein Risiko für die Mütter oder Kinder bestanden habe, betont Reese. Ein Gremium der European Food Safety Authority (EFSA) informierte 2012 schon darüber, dass die Aufnahme von insgesamt 5 g EPA und DHA am Tag für Menschen unbedenklich sei.

Was können Gynäkologen ihren Patientinnen empfehlen?

Für Reese sind die dänischen Studien ein Beleg mehr dafür, dass langkettige Omega-3-Fettsäuren eine Möglichkeit sind, Asthma und andere allergische Erkrankungen einzudämmen. „Inzwischen ist auch beim Menschen nachgewiesen, dass Resolvine und Protektine, die aus DHA und EPA gebildet werden, entzündungshemmend wirken“, berichtet sie. „Das kann erklären, warum der Respirationstrakt davon profitiert, wenn Menschen schon vor der Geburt gut damit versorgt sind.“

So gut designt und interessant Reese beide dänische Studien findet, so sehr kritisiert sie, dass ein wichtiger Wert nicht ermittelt wurde: Der HS-Omega-3-Index. Dieser arbeitet den Anteil von EPA und DHA an den Gesamtfettsäuren der Erythrozyten heraus. Er zeigt, inwieweit die langkettigen Omega-3-Fettsäuren überhaupt biologisch wirksam sind.

Studien aus Schweden und Australien belegten schon vor Jahren, dass EPA und DHA bei Schwangeren bzw. Säuglingen, die sie zuführten, ganz unterschiedlich eingebaut wurden und dass eine höhere so ermittelte biologische Wirksamkeit mit einem niedrigeren Risiko für ein (allergisches) Ekzem des Kindes korrelierte. Mehr noch: Es fanden sich Mütter und Kinder, die auch ohne Supplemente viel biologisch wirksames EPA und DHA hatten – diese Kinder waren deutlich seltener von einem Ekzem betroffen.

Sollten Gynäkologen nun allen Schwangeren hoch dosiertes EPA und DHA empfehlen? Reese relativiert: „Wir wissen nun, dass um 2 g pro Tag eine sichere Dosis sind und offenbar einen protektiven Effekt haben können. In den Fokus von Empfehlungen rücken sollten aber jene Frauen, deren Kinder ein erhöhtes Risiko haben, eine allergische Erkrankung zu entwickeln.“

Sie legt Gynäkologen ans Herz, Mütter in spe nach Allergien in der Familie und nach der eigenen Ernährungsweise zu fragen. Denn viele wissen gar nicht, dass magerer Fisch nur wenig EPA und DHA enthält und pflanzliche Omega-3-Fettsäuren, z.B. aus Leinöl, eine ausreichende Aufnahme von EPA und DHA nicht ersetzen können.

„Bei einem hohen Allergierisiko oder bei Verdacht auf einen Mangel an Omega-3-Fettsäuren kann der Gynäkologe den Omega-3-Index ermitteln lassen“, so Reese. So ließen sich die Supplemente gezielt anpassen und Kontrollen vornehmen, ob die Dosis wirklich ausreiche, um Mutter und Kind optimal zu versorgen.  

 

REFERENZEN:

1. Bisgaard H, et al: NEJM 2016;375:2530-2539

2. Hansen S, et al: J Allergy Clin Immunol 2017;139(1):104–111.e4

3. Ramsden C :NEJM 2016;375:2596-2598

 

Kommentar

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