Mit einem Psychostimulans gegen Adipositas: Kann Modafinil die Ess-Sucht stoppen?

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

24. Januar 2017

Das Psychostimulans Modafinil, das gegen Narkolepsie eingesetzt wird, kann Übergewichtigen helfen, ihren Ess-Impuls zu kontrollieren und somit abzunehmen. Das jedenfalls vermuten britische Wissenschaftler der Warwick Business School und des Imperial College London, UK, die die Auswirkungen von Modafinil auf die Impulsivität gesunder Probanden untersucht haben [1].

Prof. Dr. Martina de Zwaan

Impulsivität sei eng mit Suchtverhalten verbunden, erklärt das Autorenteam um Myutan Kulendran, Imperial College London. Und Übergewicht werde häufig durch Ess-Sucht hervorgerufen. Ob man Ess-Sucht und damit verbundene Adipositas durch Medikamente, die Neurotransmitter-Systeme im Gehirn – unter anderem die Dopamin-Konzentration – regulieren, beeinflussen kann, war Gegenstand der Studie.

„Ess-Süchtige wissen, dass sie abnehmen müssen“, erklärt Co-Autor Prof. Dr. Ivo Vlaev von der Warwick Business School. „Doch das Verlangen, mehr zu essen, ist überwältigend.“ Das führe zu einem Teufelskreis, der nicht selten auch Depression und andere psychologische und gesundheitliche Probleme nach sich ziehe. „Wir haben herausgefunden, dass Modafinil, das sich bereits auf dem Markt befindet, impulsives Verhalten mindert“, so die Erkenntnis der Forscher.

Offene Untersuchungen mit Methylphenidat gegen Esssucht

„Das ist nicht neu – ich bin also keineswegs überrascht von dieser Erkenntnis“, sagt Prof. Dr. Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Hannover, gegenüber Medscape. Es gebe offene Untersuchungen bei Adipositas, sogar mit dem ADHS-Medikament Methylphenidat, das off-label ebenfalls gegen Narkolepsie eingesetzt wird.

 
Wir haben herausgefunden, dass Modafinil … impulsives Verhalten mindert. Myutan Kulendran und Kollegen
 

„Man ist immer schon davon ausgegangen, dass hier nicht (nur) die Wirkung auf den Appetit eine Rolle spielt, sondern auch die Wirkung auf Impulsivität und exekutive Funktionen sowie auf die Aufmerksamkeit“, fügt de Zwaan an. Man dürfe bei Adipösen jedoch nicht die Nebenwirkungen solcher Präparate, etwa Depressionen oder Arrhythmien, außer Acht lassen.  

Modafinil kann impulsives Verhalten verringern

In bisherigen Studien habe sich bereits gezeigt, dass Modafinil (2-Diphenylmethyl-Sulfinyl-Acetamid) impulsives Verhalten bei verschiedensten Störungen wie Alkoholismus, Schizophrenie und ADHS (Aufmerksamkeitsddefizit-/Hyperaktivitätsstörung) reduziere, erklären die Autoren. „Ess-Süchtige leiden unter den gleichen neurobiologischen Gegebenheiten. Daher glauben wir, dass es Ess-Süchtigen ebenfalls helfen kann. Unsere ersten Tests unterstützen diese Annahme“, sagt Vlaev.

 
Das ist nicht neu – ich bin also keineswegs überrascht von dieser Erkenntnis. Prof. Dr. Martina de Zwaan
 

In einer randomisierten kontrollierten Studie hat das Forscherteam Modafinil und das für die Behandlung von ADHS zugelassene Medikament Atomoxetin bei 60 gesunden, nicht übergewichtigen Männern zwischen 29 und 32 Jahren getestet. In der Studie nahmen 20 Männer 200 mg Modafinil, 20 erhielten 60 mg Atomoxetin und 20 weitere ein Placebo.

3 Stunden nach der Einnahme der Substanzen durchliefen die Probanden eine Reihe von Tests, unter anderem mit der Visuellen Analogskala (VAS), die subjektive Empfindungen in 16 Dimensionen misst, beispielsweise „ruhig-aufgeregt“ oder „lethargisch-energetisch“, und das Stopp-Signal-Paradigma, ein Verhaltenstest, der die Inhibitionsleistung untersucht.

 
Die Studie … ist experimentell, da ja nur eine Einmaldosis gegeben wurde … Eine Schlussfolgerung auf Adipositas lässt das noch nicht zu. Prof. Dr. Martina de Zwaan
 

Geplantes Verhalten schneller unterdrücken

Bei den Teilnehmern der Modafinil-Gruppe beobachteten Kulendran und seine Kollegen eine signifikant verringerte Impulsivität. Unter Atomoxetin-Gabe trat dagegen im Vergleich zur Placebo-Gruppe keine Verbesserung ein. Im VAS-Test bewerteten sich die Probanden, die Modafinil eingenommen hatten, bei der „entspannt-angespannt“-Frage als „entspannter“ als die Placebo-Gruppe (Mittelwerte 7,9 vs 7,13; p = 0,02).

Auch beim Stopp-Signal-Paradigma zeigten sich signifikante Unterschiede zwischen 2 Gruppen: Unter Modafinil konnten die Teilnehmer eine bereits gestartete Reaktion zu einem Stimulus schneller hemmen als unter Placebo (p = 0,003).
Die Studie sei zwar relativ klein, aber „korrekt durchgeführt“, kommentiert de Zwaan.

„Sie ist experimentell, da ja nur eine Einmaldosis gegeben wurde – und das bei gesunden jungen Männern. Eine Schlussfolgerung auf Adipositas lässt das noch nicht zu“, resümiert sie. Theoretisch sei die Gabe des Stimulans „eine Option für Adipöse, aber die Nebenwirkungen von Psychostimulanzien sind sicher nicht zu unterschätzen, vor allem bei einer notwendigen Langzeittherapie.“ 

 
Die Nebenwirkungen von Psychostimulanzien sind sicher nicht zu unterschätzen. Prof. Dr. Martina de Zwaan
 

Noch unklar, wie die Substanz genau wirkt

Hinsichtlich der Art und Weise, wie genau Modafinil die Impulsivität hemmt, herrscht bei den Forschern noch Unklarheit. „Diese Auswirkung auf die Latenzzeit ist kein einfacher psychomotorischer Effekt des Medikaments“, vermuten sie. Denn die Reaktionszeiten insgesamt blieben durch Modafinil unbeeinflusst. Über den genauen Wirkungsmechanismus der Substanz ist bislang wenig bekannt.

Kulendran und seine Kollegen erhoffen sich jedoch positive Auswirkungen bei Adipositas-Patienten. „Modafinil hat sich auf die Impulsivität der gesunden Testteilnehmer positiv ausgewirkt – und wird daher einen noch deutlicheren Effekt bei Ess-Süchtigen erzielen, bei denen spezielle Dopamine fehlen“, vermutet Vlaev. Da das Stimulans die Selbstkontrolle verbessere, könne es durchaus zur Behandlung von Adipositas eingesetzt werden, nimmt das Forscherteam an.

Das Amphetamin und ADHS-Medikament Lisdexamfetamin sei in den USA sogar bereits zur Behandlung von Binge-Eating-Störungen zugelassen, bemerkt de Zwaan. Es wurde erfolgreich angewendet bei adipösen Patienten in 2 randomisierten kontrollierten Studien unter der Leitung von Dr. Susan McElroy vom Lindner Center of HOPE, Mason, Ohio, USA. Sie hat zahlreiche Studien zu Ess-Störungen durchgeführt.

 

REFERENZEN:

1. Kulendran M, et al: Personality and Individual Differences 2016;90:321-325

 

Kommentar

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