Kein Gläschen in Ehren? Alkohol könnte – auch in moderaten Mengen – das Risiko für Vorhofflimmern erhöhen

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

19. Januar 2017

Moderater regelmäßiger Alkoholkonsum gilt als gesund für Herz und Gefäße. Ein kürzlich im Journal of the American College of Cardiology erschienener Review warnt, dass sich dies möglicherweise nur auf koronare Gefäßerkrankungen bezieht [1]. „Kleine Mengen Alkohol werden zwar als kardioprotektiv angesehen, doch dieser Benefit scheint sich nicht auf Vorhofflimmern zu erstrecken“, schreiben Aleksandr Voskoboinik vom Alfred Heart Centre am Alfred Hospital in Melbourne, Australien, und seine Kollegen. Menschen, die sich regelmäßig kleine Mengen Alkohol gönnen, könnten ein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern haben.

Prof. Dr. Andreas Götte

„Es ist bekannt, dass große Alkoholmengen Rhythmusstörungen und kardiale Erkrankungen fördern. Es gibt dafür sogar eine eigene Bezeichnung. Man spricht vom Holiday-Heart-Syndrom, wenn nach einem Alkoholexzess am Wochenende am Montag Rhythmusstörungen auftreten“, erklärt Prof. Dr. Andreas Götte vom Vorstand des Kompetenznetzes Vorhofflimmern. „Inwiefern kleinere Mengen an Alkohol auf das Risiko für Vorhofflimmern wirken, dazu gibt es sehr viel weniger Daten.“

Strikt lineare Beziehung

Erste Hinweise auf eine Beziehung zwischen geringem bis moderatem regelmäßigem Alkoholkonsum und einem dosisabhängigen Risiko für Vorhofflimmern lieferten 3 große Metanalysen. Eine davon umfasst fast 900.000 Menschen, die 12 Jahre lang nachbeobachtet wurden. Das Risiko für Vorhofflimmern stieg pro alkoholischem Getränk pro Tag um 8% an. Das traf für Männer und Frauen gleichermaßen zu.

Die Assoziation zwischen Alkoholkonsum und kardiovaskulärem Risiko verläuft – wie häufig in der Biologie – U-förmig. „Es gibt eine gewisse Menge an Alkohol, die kardioprotektiv ist, und sowohl gar nichts Alkoholisches zu trinken als auch viel zu konsumieren, erhöht das Risiko“, so Kardiologe Götte, der am St. Vincenz-Krankenhaus in Paderborn die Medizinische Klinik II leitet. Beim Vorhofflimmern scheint es dagegen eine streng linear verlaufende Assoziation zu geben. „Das hieße, dass jeder Tropfen Alkohol zusätzlich das Risiko erhöhen würde. Gerade im Niedrigdosisbereich ist das nicht wirklich belegt“, betont der Kardiologe.

Eine weitere Erkenntnis des Reviews: Bei Menschen, die bereits an Vorhofflimmern leiden und weiter Alkohol trinken, tritt das Vorhofflimmern möglicherweise häufiger auf. Und bei Patienten, die nach einer Katheterablation weiter Alkohol trinken, ist die Ablation längerfristig häufiger erfolglos.

 
Es ist nicht so, dass bei Rhythmusstörungen pauschal ein Alkoholverbot eingehalten werden muss. Prof. Dr. Andreas Götte
 

Alkoholverbot bei Vorhofflimmern?

Sollten Menschen mit Vorhofflimmern gänzlich auf den Konsum von Alkohol verzichten? „Es ist nicht so, dass bei Rhythmusstörungen pauschal ein Alkoholverbot eingehalten werden muss“, sagt Götte. „Geringfügige Mengen sind durchaus erlaubt – wenn man sie verträgt und keine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Tyraminen, die proarrhythmogen wirken, hat.“ Allerdings, schränkt Götte ein, „vielleicht unterschätzen wir das auch, weil uns bislang einfach die nötigen Daten fehlen.“

Auch die Autoren des Reviews haben sich Gedanken darüber gemacht, wie viel Alkohol sich Patienten mit Vorhofflimmern wohl gönnen können: „Wir haben zwar keine randomisierten Daten, die uns sagen würden, welche Menge Alkohol ‚sicher‘ ist, aber Menschen mit Vorhofflimmern sollten wahrscheinlich nicht mehr als ein alkoholisches Getränk am Tag zu sich nehmen und an mindestens 2 Tagen in der Woche gar keinen Alkohol trinken“, erklärt Seniorautor Prof. Dr. Peter Kistler vom Baker IDI Heart and Diabetes Institute in Melbourne, Australien, in einer Mitteilung des American College of Cardiology.

 
Um grundsätzlich vom Gläschen Wein am Abend abzuraten, reichen die derzeitigen Daten aber nicht aus. Prof. Dr. Andreas Götte
 

Mechanismen weitgehend unklar

Wie der Alkohol die Entstehung von Vorhofflimmern begünstigt, darüber lassen sich derzeit nur Vermutungen anstellen. Voskoboinik und sein Team spekulieren, dass der Alkoholkonsum Auswirkungen auf das autonome Nervensystem haben könnte, welches die Herzfrequenz kontrolliert. Andererseits werde die koordinierte Kontraktion der Herzzellendurch elektrische Signale gesteuert. Der Alkohol könnte im Laufe der Zeit diese elektrischen Signale verändern und so einen unregelmäßigen Herzschlag auslösen. Eine dritte Möglichkeit: Der Konsum von Alkohol könnte die Zellen schädigen und dazu führen, dass kleine Mengen an fibrösem Gewebe im Herzen einen unregelmäßigen Herzschlag verursachen.

Die Autoren betonen, dass weitere Forschung nötig sei, um die für die Beziehung zwischen Alkohol und Vorhofflimmern verantwortlichen Ursachen zu identifizieren. Außerdem müsse in weiteren Untersuchungen herausgefunden werden, ob Patienten mit Vorhofflimmern vollständig auf Alkohol verzichten sollten.

Auch Götte betont die Notwendigkeit weiterer Studien. Ihm geht es dabei allerdings mehr darum, die Beziehung zwischen Alkohol – insbesondere in kleineren Mengen – und der Entstehung von Vorhofflimmern auf eine solidere Datenbasis zu stellen. „Bislang belegen die größeren Datenmengen eindeutig einen kardioprotektiven Effekt. Sollte sich dieser wirklich nur auf die Ventrikelfunktion beziehen und unabhängig vom Herzrhythmus sein?“, fragt Götte. Angesichts dessen, dass strikt lineare Beziehungen in der Biologie eher selten vorkommen, zieht er in Betracht, dass die hier gefundene Linearität  möglicherweise eher durch die mangelhafte Datenqualität zustande kommt.

„Dieser Review kann dazu dienen, die wissenschaftlichen Untersuchungen zu dieser Thematik zu intensivieren und mehr Licht ins Dunkel zu bekommen. Um grundsätzlich vom Gläschen Wein am Abend abzuraten, reichen die derzeitigen Daten aber nicht aus“, betont Götte.

 

REFERENZEN:

1. Voskoboinik  A, et al: J Am Coll Cardiol. 2016;68(23):2567-2576

 

Kommentar

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