Besser spät als nie – Chemo erst 4 Monate nach OP ist beim Bronchialkarzinom nicht weniger wirksam

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

19. Januar 2017

Patienten mit einem nichtkleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) können nach der Resektion auch dann von einer adjuvanten Chemotherapie profitieren, wenn diese verzögert bis zu 4 Monate nach der Operation beginnt. Dies ist das Ergebnis einer retrospektiven Analyse der Daten von über 12.000 NSCLC-Patienten aus der US-amerikanischen National Cancer Database. Prof. Dr. Daniel J. Boffa, Yale School of Medicine, New Haven, Connecticut, leitete die Studie, die in JAMA Oncology publiziert wurde [1].

Patienten, deren adjuvante Chemotherapie 57 bis 157 Tage nach der Operation begann, hatten keine erhöhte Sterblichkeit im Vergleich zu Patienten, deren adjuvante Chemotherapie innerhalb von 50 Tagen postoperativ startete. Darüber hinaus war die Sterblichkeit bei Patienten mit später adjuvanter Chemotherapie niedriger als bei alleiniger Operation.

„Besser spät als nie?“ fragte deshalb Prof. Dr. Howard (Jack) West im begleitenden Editorial [2]. „Retrospektive Daten können zwar den Nutzen einer verzögerten adjuvanten Chemotherapie nicht mit derselben Klarheit definieren wie eine prospektive randomisierte Studie, aber unter Blinden ist der Einäugige König“, so West weiter. Diese limitierten Daten lieferten eine Evidenz-basierte Antwort auf eine sehr häufige klinische Frage.

 
Retrospektive Daten können zwar den Nutzen einer verzögerten adjuvanten Chemotherapie nicht mit derselben Klarheit definieren wie eine prospektive randomisierte Studie, aber unter Blinden ist der Einäugige König. Prof. Dr. Howard (Jack) West
 

„Da prospektive Studiendaten zu dieser Fragestellung aktuell nicht vorliegen, ist diese Studie für den klinischen Alltag hilfreich“, meint auch Prof. Dr. Martin Kohlhäufl, Chefarzt Klinik Schillerhöhe, Zentrum für Pneumologie, Thoraxchirurgie und Beatmungsmedizin, Gerlingen.

Bis zu 34% der Patienten könnten aus unterschiedlichen Gründen innerhalb von 6 bis 7 Wochen nach der Operation keine adjuvante Chemotherapie erhalten. Insbesondere ältere Patienten seien in den bisherigen prospektiven Studien unterrepräsentiert, so der Pneumoonkologe: „Diese retrospektive Real-World-Studie an über 12.000 Patienten im Durchschnittsalter von 64 Jahren zeigt, dass eine adjuvante Chemotherapie auch bis zu 4 Monate postoperativ keinen Nachteil für das Gesamtüberleben bedeutet oder ein Risiko für eine erhöhte Mortalität darstellt.“

Leider seien jedoch die eingesetzten Therapieregime und weitere wichtige Einflussfaktoren zum Outcome einer adjuvanten Chemotherapie wie Allgemeinzustand oder Lungenfunktionsanalyse nicht erfasst worden. Kohlhäufls Fazit: „Weitere prospektive Studien zu dieser Fragestellung sind erforderlich.“

Optimaler Zeitpunkt des Beginns der adjuvanten Therapie unbekannt

Eine adjuvante Chemotherapie ist nach initialer Resektion eines NSCLC derzeit Standard für Patienten mit Lymphknotenmetastasen, Tumoren größer als 4 cm oder starker lokaler Invasion der Krebserkrankung. Die Indikation zur adjuvanten Therapie ist also gut definiert, unklar ist jedoch der optimale Zeitpunkt, wann die Therapie nach der Operation beginnen sollte. „Üblicherweise wird eine adjuvante Chemotherapie innerhalb von 8 Wochen postoperativ eingeleitet“, erläutert Kohlhäufl.

Allerdings tolerieren die Patienten in der Erholungsphase nach der Operation die adjuvante Chemotherapie unterschiedlich gut. Diese Toleranz wird u.a. durch den Allgemeinzustand des Patienten, das Ausmaß der Operation sowie postoperative Komplikationen beeinflusst.

Lungenkrebspatienten erholen sich nach einem operativen Eingriff besonders langsam, weil sie häufig älter sind, eine Raucherlunge haben und ein höheres Risiko für postoperative Komplikationen aufweisen. Für die klinische Praxis ist es daher sehr relevant zu wissen, wie viel Zeit bleibt, um eine adjuvante Therapie zu beginnen.

Sterberisiko am geringsten, wenn adjuvante Chemotherapie 50 Tage nach Operation beginnt

 
Da prospektive Studiendaten zu dieser Fragestellung aktuell nicht vorliegen, ist diese Studie für den klinischen Alltag hilfreich. Prof. Dr. Martin Kohlhäufl
 

Boffa und seine Kollegen analysierten retrospektiv anhand der Daten von 12.743 Patienten aus der National Cancer Database den Zusammenhang zwischen dem Beginn der postoperativen Chemotherapie und der 5-Jahres-Sterblichkeit. Berücksichtigt wurden therapienaive Patienten mit komplett reseziertem NSCLC, die eine postoperative Kombinations-Chemotherapie zwischen Tag 18 und 127 nach der Operation begonnen hatten.

 
Diese Befunde deuten darauf hin, dass Patienten, die die adjuvante Chemotherapie bis zu 4 Monate nach der Operation erhalten, einen weiteren Nutzen hieraus ziehen können. Prof. Dr. Daniel J. Boffa und Kollegen
 

Die Patienten waren im Median 64 Jahre alt (57 bis 70 Jahre), 25% litten an einer Erkrankung im Stadium I, 48% im Stadium II und 27% im Stadium III. Mit einem speziellen Cox-Modell konnten Boffa und seine Kollegen zeigen, dass das Sterberisiko bei denjenigen Patienten am niedrigsten war, deren adjuvante Chemotherapie 50 Tage nach der Operation begonnen hatte.

Wurde die Chemotherapie später, also 57 bis 127 Tage nach dem chirurgischen Eingriff begonnen, stieg die Sterblichkeit der Patienten jedoch nicht (Hazard-Ratio 1,037, p = 0,27). Darüber hinaus fanden die Autoren mit einem Cox-Modell von 3.976 Propensity-gematchten Paaren, dass Patienten, die zum späteren Zeitpunkt eine adjuvante Chemotherapie begannen, ein niedrigeres Sterberisiko hatten als Patienten, die nur operiert wurden (HR 0,664, p < 0,001).

„Diese Befunde deuten darauf hin, dass Patienten, die die adjuvante Chemotherapie bis zu 4 Monate nach der Operation erhalten, einen weiteren Nutzen hieraus ziehen können“, so die Autoren. Ihre Schlussfolgerung lautet: „Kliniker sollten ein Chemotherapie bei sorgfältig ausgewählten Patienten, die sie tolerieren können, bis zu 4 Monate nach NSCLC-Resektion in Erwägung ziehen. Weitere Studien sind erforderlich, um diese Befunde zu bestätigen.“

 

REFERENZEN:

1. Salazar MC, et al: JAMA Oncol. (online) 5. Januar 2017

2. West H: JAMA Oncol. (online) 5. Januar 2017

 

Kommentar

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