Rotes Fleisch erneut in Misskredit: Steigert der Konsum das Risiko für Divertikulitis?

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

13. Januar 2017

Eine neue Auswertung von Daten aus der Health Professionals Follow-Up Study (HPFS) liefert Hinweise darauf, dass der Verzehr von rotem Fleisch mit dem Risiko assoziiert ist, eine Divertikulitis zu entwickeln [1].

„Die Divertikulitis nimmt in der westlichen Bevölkerung deutlich zu. In Ländern der Dritten Welt dagegen ist die Divertikulitis und damit die Entzündung von Divertikeln des Dickdarmes sehr selten“, berichtet Prof. Dr. Max Reinshagen, der am Klinikum Braunschweig die Medizinische Klinik I mit Schwerpunkt Magen-, Darm, Leber- und Gallenwegserkrankungen, Infektions- und Stoffwechselkrankheiten sowie Diabetes mellitus leitet, im Gespräch mit Medscape. Die Vermutung, dass die fleischreiche westliche Kost eine Rolle bei der Entstehung der Krankheit spielt, liege damit nahe.

Risiko steigt bis zu 6 Portionen Fleisch pro Woche an

Dr. Yin Cao vom Massachusetts General Hospital in Boston, USA, und seine Kollegen untersuchten die Assoziation zwischen dem Verzehr von rotem Fleisch, Geflügel und Fisch und dem Divertikulitisrisiko bei 46.461 Männern, die an der HPFS teilgenommen haben.

 
Die Divertikulitis nimmt in der westlichen Bevölkerung deutlich zu. In Ländern der 3. Welt dagegen ist die Divertikulitis sehr selten. Prof. Dr. Max Reinshagen
 

Insgesamt waren während der Nachbeobachtung 746 Divertikulitis-Erkrankungen zu verzeichnen. Im Vergleich zu den Männern, die am wenigsten rotes Fleisch aßen, war das Divertikulitisrisiko bei Männern mit dem höchsten Fleischverzehr um 58% erhöht. Die Zunahme des Risikos mit steigendem Konsum an rotem Fleisch erreichte ein Plateau bei 6 Portionen pro Woche. Eine Portion Fleisch hatte in der HPFS etwa die Größe eines Kartenspiels.

Cao und sein Team berichten, dass die Assoziation für unverarbeitetes Fleisch stärker gewesen sei als für verarbeitetes Fleisch. „Im Vergleich zu verarbeitetem Fleisch wird unverarbeitetes Fleisch, etwa Steak, üblicherweise in größeren Portionen verzehrt“, spekulieren die Autoren, „dies könnte dazu führen, dass größere unverdaute Fleischstücke im Dickdarm landen, die wiederrum zu spezifischen Veränderungen des Dickdarm-Mikrobioms beitragen.“

 
Das rote Fleisch bzw. die Stoffwechsel- produkte, die die Darmflora daraus herstellt, könnten als Entzündungs- verstärker und Auslöser wirken. Prof. Dr. Max Reinshagen
 

Wie das rote Fleisch im Körper die Entstehung einer Divertikulitis fördern könnte, dazu gibt es bislang nur Vermutungen. „Es gibt die Hypothese, dass übergewichtige Menschen, insbesondere diejenigen mit viel viszeralem Fett, ein chronische niedriggradige Entzündung im Körper haben. Das rote Fleisch bzw. die Stoffwechselprodukte, die die Darmflora daraus herstellt, könnten als Entzündungsverstärker und Auslöser von Entzündungserkrankungen wie Divertikulitis wirken“, erklärt Reinshagen.

Rot durch weiß ersetzen

Generell wird Patienten mit Divertikulitis zu einer eher ballaststoffreichen Ernährung geraten. Kommt nun noch der Ratschlag, möglichst auf rotes Fleisch zu verzichten hinzu? „Die Ergebnisse liefern möglicherweise ganz praktische Ernährungsempfehlungen für Patienten mit erhöhtem Divertikulitisrisiko“, schreiben Cao und seine Koautoren. Ein vermehrter Verzehr von Geflügel oder Fisch sei nicht mit dem Risiko für Divertikulitis verknüpft gewesen. Der Ersatz einer Portion unverarbeiteten roten Fleisches am Tag durch Geflügel oder Fisch war sogar mit einer Abnahme des Divertikulitisrisiko um 20% assoziiert.

 
Die Untersuchung liefert zwar nur epidemiologische Hinweise, dennoch kann es sinnvoll sein, weniger rotes Fleisch zu essen, wenn man schon einmal eine Divertikulitis hatte. Prof. Dr. Max Reinshagen
 

Und auch Reinshagen betont: „Die Untersuchung liefert zwar nur epidemiologische Hinweise und keine Beweise für eine ursächliche Beziehung, dennoch kann es sinnvoll sein, weniger rotes Fleisch zu essen, wenn man schon einmal eine Divertikulitis hatte.“

Ob es eine Menge an rotem Fleisch gibt, die auch Divertikulitis-Patienten essen können, ohne ihr Risiko für einen neuen Schub zu erhöhen, lasse sich ohne Daten aus prospektiven, randomisierten Studien nicht beantworten, betont Reinshagen. Wenn, dann wird diese „unbedenkliche“ Menge wohl eher gering ausfallen, denn: In der epidemiologischen Studie von Cao und seinen Kollegen stieg das Risiko pro Portion und Tag um 18% an. Und schon eine Portion rotes Fleisch pro Woche erhöhte das Erkrankungsrisiko. Die S2k-Leitlinie „Divertikelkrankheit/Divertikulitis“ empfiehlt, sich zur Divertikulitisprophylaxe nicht nur ballaststoffreich, sondern sogar vegetarisch zu ernähren.

 

REFERENZEN:

1. Cao Y, et al : Gut 2017;0:1–7

 

Kommentar

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