HPV-Impfung: Fragwürdige Mäuse-Studie sät Zweifel an Sicherheit – Experten fordern Zurückziehen der Arbeit

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

11. Januar 2017

Eine Studie japanischer Wissenschaftler sät Zweifel an der HPV-Impfung (gegen Humane Papillomviren). Im Gehirn von Mäusen soll der Impfstoff Gardasil® schwere neurologische Syndrome verursachen können [1]. Doch die japanische Arbeit im Open-Access-Journal Scientific Reports enthält nach Ansicht vieler Wissenschaftler grobe Mängel und sollte deshalb zurückgezogen werden.

Wissenschaftler um Dr. Toshihiro Nakajima von der Tokyo Medical University hatten Mäusen extrem hohe Dosen des HPV-Impfstoffs verabreicht. Dadurch, so Najajima, sei in den Gehirnen der Mäuse ein schweres neurologisches Syndrom verursacht worden: HANS (HPV associated neuro-immunopathetic syndrome). In ihrer Arbeit betonen die Forscher mehrfach, dass eine HPV-Impfung ein solches Syndrom auch im Menschen auslösen könnte. Dabei lässt ihre Studie eine solche Deutung kaum zu, auch deshalb, weil den Mäusen ein Vielfaches der Menge verabreicht wurde, die Menschen geimpft wird.

Ausgesprochen erstaunt über die Versuchsanordnung von Nakajima und seinen Kollegen zeigen sich die Experten des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). „Vor dem Hintergrund guter klinischer Studien zu Gardasil® ist die Versuchsanordnung dieser präklinischen Arbeit völlig willkürlich gewählt“, sagt Dr. Susanne Stöcker, Pressereferentin des PEI.

Regelrecht aus der Luft gegriffen ist die den Mäusen verimpfte Menge: „Die jeweilige Dosis, die den Mäusen verabreicht wurde, entspricht der 320-fachen Dosis, die einem 40 Kilogramm schweren Mädchen geimpft wird“, veranschaulicht Stöcker gegenüber Medscape Deutschland. Schwer nachvollziehbar sei auch, weshalb die Studienautoren den HPV-Impfstoff mit einem Pertussis-Toxin kombiniert hatten.

Internationale Wissenschaftler fordern, dass die Arbeit zurückgezogen wird

Laut Science fordern zahlreiche Wissenschaftler Scientific Reports nun auf, die japanische Arbeit zurückzuziehen, um zu vermeiden, dass sie von Impfgegnern für Kampagnen missbraucht werden kann. Das Paper sei ein Fest für die Impfkritiker, die in sozialen Netzwerken Verschwörungstheorien über Impfstoffe verbreiteten. Dabei handle es sich um einen Feldzug gegen den wissenschaftlichen Kenntnisstand, denn es gebe keinen belegbaren Grund, Impfungen zu verteufeln, auch nicht Vakzine gegen Krebsviren. „Wissenschaftlich ist unstrittig, dass die HPV-Impfung sicher und wirksam ist“, bestätigt der Krebsimmunologe PD Dr. Andreas Kaufmann vom Frauenklinikum der Berliner Charité in der Süddeutschen Zeitung .

 
Vor dem Hintergrund guter klinischer Studien zu Gardasil® ist die Versuchsanordnung dieser präklinischen Arbeit völlig willkürlich gewählt. Dr. Susanne Stöcker
 

Zahlreiche hochwertige Studien, so Kaufmann, hätten das gezeigt. Belegt ist zudem, wie wichtig die HPV-Impfung ist. Humane Papillomviren sind die Ursache mehrerer Krebsarten, insbesondere des Gebärmutterhalskrebses bei Frauen. Und fast jeder sexuell aktive Mensch kommt mit HPV in Berührung. Auch Männer infizieren sich und stecken ihre Partner an.

Auch Jungen gegen HPV impfen?

Jährlich sterben weltweit fast 270.000 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, in Europa sind es 30.000. In Deutschland erkranken jährlich fast 5.500 Frauen. Screenings können frühe Formen des Krebses zwar durch einen Abstrich sichtbar machen. Dazu müssen die Frauen aber regelmäßig zum Arzt gehen. Und verhindern kann der Abstrich den Krebs nicht.

Eine Immunisierung verhindert Infektionen mit HPV und schützt vor den Vorstufen des Gebärmutterhalskrebses; für Aussagen zum Schutz vor Gebärmutterhalskrebs liegen noch keine langjährigen Daten vor. Gardasil® 9 schützt vor neun HPV-Typen, er könnte die Sterblichkeit an Gebärmutterhalskrebs um 90% senken. Einzige Voraussetzung: Es wird geimpft, bevor die Mädchen sexuelle Erfahrungen machen. Die STIKO empfiehlt deshalb, die Immunisierung ab dem 9. Lebensjahr vorzunehmen.

 
Die jeweilige Dosis, die den Mäusen verabreicht wurde, entspricht der 320-fachen Dosis, die einem 40 Kilogramm schweren Mädchen geimpft wird. Dr. Susanne Stöcker
 

Die Stiftung Männergesundheit hatte schon vor knapp einem Jahr gefordert, auch Jungen gegen HPV zu impfen. Die Impfung schütze vor HPV-assoziierten Krebserkrankungen, nicht nur vor Gebärmutterhalskrebs, sondern auch vor dem Peniskarzinom und Tumoren des Mund-und Rachenbereichs, teilte die Stiftung mit. In der STIKO beschäftigt sich derzeit eine Arbeitsgruppe mit der Auswertung der Evidenz der HPV-Impfung für Jungen.

Doch die Kampagnen der Impfgegner tragen Früchte: Seit der Zulassung des ersten Impfstoffs vor 10 Jahren konnten Berichte von angeblichen Nebenwirkungen systematische Zweifel säen. Immer wieder werden – vornehmlich auf impfkritischen Seiten – Gelenkschmerzen, chronisches Erschöpfungssyndrom, CPRS (complex regional pain syndrome) oder POTS (postural orthostatic tachycardia syndrome) mit der HPV-Impfung in Verbindung gebracht.

Zeigt die Desinformation Wirkung?

Wie Medscape berichtet hatte, kritisierte Prof. Dr. Peter Gøtzsche, Direktor des Nordic Cochrane Centre, in einer formellen Beschwerde im Mai vergangenen Jahres den Umgang der EMA mit Sicherheitsfragen bei der HPV-Impfung. Die Arzneimittelagentur war zu dem Schluss gekommen, dass die Evidenz gegen den Impfstoff als Ursache der chronischen Beschwerden spreche. Gøtzsche erklärte den EMA-Bericht für fehlerhaft. Er kritisierte u.a., dass der Vakzin-Hersteller gebeten wurde, seine eigene Datenbank zu durchforsten, dass die Vakzine mit einem aluminiumhaltigen Zusatzstoff verglichen wurde statt mit einer Placebo-Kochsalzlösung, und das „extreme Geheimhaltungsniveau“ im Review-Prozess.

In ihrem Antwortschreiben betonte die EMA daraufhin, dass Daten aus der Hersteller-Datenbank nur einen Teil der ausgewerteten Daten ausmachen. Der „robuste und facettenreiche“ Reviewprozess bringe Wissenschaftsexperten aus ganz Europa zusammen, um einen umfassenden, transparenten und unabhängigen Review sicherzustellen. Jedes Ergebnis sei das Resultat eines kollektiven Vorgehens, was das Risiko eines Bias minimiere. Die Geheimhaltung wiederum ermögliche, Reviews ohne Einflussnahme von außen durchzuführen.

Auf Impfskeptiker-Seiten wurde die Beschwerde Gøtzsches begierig aufgegriffen, Gøtzsches Kritik am Review-Prozess der EMA steht dabei weniger im Vordergrund. Vielmehr wird sein Name direkt mit Sicherheitsbedenken in Verbindung gebracht, um so Zweifel an der Sicherheit der HPV-Impfung zu säen.

In Deutschland wird nicht einmal jedes 2. Mädchen gegen HPV geimpft. „Besonders schlimm ist es in Dänemark“, sagt Kaufmann. Dort hätten die Impfgegner den ursprünglichen Erfolg von 90% Impfquote völlig zerstört. In Indien wurde das Impfprogramm zeitweise komplett eingestellt. Und in Japan ist die Impfquote von 70% auf nahezu 0% gefallen. Dabei sind es vor allem Eltern aus gebildeten, wohlhabenden Schichten, die ihre Töchter nicht mehr impfen lassen.

Nutzloses Paper und eine Verschwendung von kostbaren Tieren

Gegen die Studie der Japaner wehren sich jetzt die Experten: Unter anderem bemängelt das belgische HPV-Präventionskomitee der Universität von Antwerpen in einem Brief an Scientific Reports die Qualität der Untersuchungen. „Der Aufbau des Experiments entspricht nicht einer Immunisierung gegen HPV, sondern stellt eine extreme Überdosierung und Manipulation dar", schreiben die Forscher.

An Deutlichkeit lässt es auch Dr. David Gorski, Onkologe am Barbara Ann Karmanos Cancer Institut in Detroit, Michigan, in einem Blog nicht fehlen: „Im Prinzip ist das ein total nutzloses Paper, eine Verschwendung von kostbaren Tieren.“

 
Im Prinzip ist das ein total nutzloses Paper, eine Verschwendung von kostbaren Tieren. Dr. David Gorski
 

In einer Mail an Science verteidigt der korrespondierende Autor Nakajima seine Arbeit und betont: „Unser Manuskript wurde formal nach einem intensiven wissenschaftlichen Review publiziert, durchgesehen von Reviewern und dem Editorial Board.“

Auch darauf geht Gorski explizit ein: „Da ist ein kritisches Hinschauen erforderlich. Scientific Reports wird von der Nature Publishing Group (NPG) publiziert. Artikel, die dort veröffentlicht werden, werden manchmal so eingeschätzt, als wären sie in Nature oder durch Nature publiziert worden.“ Er erklärt weiter: „Vor dem Hintergrund, dass Nature eins der 3 Top-Wissenschaftsjournale in der Welt ist, kann eine solche Fehleinschätzung dann dazu führen, dass Artikel in Scientific Reports als viel prestigeträchtiger angesehen werden, als sie das tatsächlich sind.“

Die seltsam anmutende Kombination von Pertussis-Toxin und HPV lässt auch Gorski nicht unkommentiert: „Weshalb kombinieren die Studienautoren ein Pertussis-Toxin mit HPV? Könnte es nicht sein, dass sie damit sicherstellen wollten, eine Entzündungsreaktion zu sehen? Natürlich: Denn das, was Yehuda Shoenfeld für ASIA (autoimmune syndrome induced by adjuvants) gemacht hat, machen Aratani et al. jetzt für HANS. Sie unterstellen die Existenz von Fakten, ohne Beweise zu haben, nämlich die Existenz von HANS als tatsächliches Syndrom.“

Kaufmann hält die Mängel des Papers für so schwerwiegend, dass die Studie niemals hätte veröffentlicht werden dürfen. Ob es aber hilft, wenn die Arbeit wieder zurückgezogen wird? „Der Schaden ist angerichtet“, sagt Kaufmann. „Die Impfgegner werden diese Studie benutzen.“

 

REFERENZEN:

1. Aratani S, et al: Scientific reports (online) 11. November 2016

 

Kommentar

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