Typ-2-Prädiabetes: Sensitivität von Blutzuckerparametern gering – „massive Risikoreduktion“ durch Lebensstilveränderung

Simone Reisdorf

Interessenkonflikte

9. Januar 2017

Bis heute ist es schwierig, Prädiabetes-Patienten sicher und frühzeitig zu identifizieren. Einen wichtigen Grund hierfür liefert eine aktuelle Metanalyse aus Großbritannien: Demnach haben die unterschiedlichen Blutzuckerparameter für die Einschätzung des Typ-2-Diabetesrisikos kaum Aussagekraft, da sie wenig sensitiv sind und teilweise widersprüchliche Aussagen liefern [1]. Weiterhin sehen die Autoren in Ernährungsumstellung, Sport und Gewichtsabnahme einen deutlichen Nutzen für die Diabetesprävention bei Risikopersonen.

Prof. Dr. Matthias Schulze

Meist nicht alle Blutzuckerparameter erhöht

„Im Rahmen der gesetzlichen Vorsorgeuntersuchung, des sogenannten Check-up 35, wird meist nur der Nüchternblutzucker gemessen“, konstatiert Prof. Dr. Matthias Schulze, Professor für Molekulare Epidemiologie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE)/Universität Potsdam, im Gespräch mit Medscape. „Patienten mit erhöhten Nüchternwerten sind keineswegs immer diejenigen, die auch erhöhte postprandiale Werte in einem oralen Glukosetoleranztest zeigen.“ Er begründet dies zum Teil mit den höheren Tag-zu-Tag-Schwankungen der postprandialen Messwerte.

Dieses Dilemma zeigte sich auch in der aktuellen Metaanalyse: In 5 der eingeschlossenen Studien wurden sowohl Nüchtern- als auch postprandiale (oGTT)-Werte und HbA1c-Werte der Patienten untersucht. Von denjenigen Patienten, die überhaupt erhöhte Glukosewerte hatten, zeigte nur ein geringer Anteil zugleich erhöhte Nüchtern-, oGTT- und HbA1c-Werte. Ob man nun internationale (IEC-/WHO-) oder US-amerikanische (ADA-) Kriterien zugrunde legte – die Schnittmenge der Studienteilnehmer mit einem solchen „Triple“ an auffälligen Parametern blieb jeweils im einstelligen Prozentbereich. „Obwohl alle 3 Parameter von Fachgesellschaften zur Identifizierung von Prädiabetes-Patienten empfohlen werden, identifizieren sie zum Teil unterschiedliche Gruppen von Patienten“, so Schulze.

Diagnosekriterien

Die Bezeichnung „Prädiabetes“ steht für einen Befund mit erhöhter Nüchternglukose (impaired fasting glucose, IFG), gestörter Glukosetoleranz (impaired glucose tolerance, IGT) oder abnormalem HbA1c-Wert. Die Definition dafür ist je nach Fachgesellschaft unterschiedlich:

American Diabetes Association (ADA)-Diagnosekriterien:

  • IFG 5,6 bis 6,9 mmol/l (101 bis 124 mg/dl),

  • IGT 7,0 bis 11,1 mmol/l (126 bis 200 mg/dl),

  • „Risiko-HbA1c“ 5,7% bis 6,4% (39 bis 47 mmol/mol)

Diagnosekriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO):

  • IFG 6,0 bis 6,9 mmol/l (108 bis 124 mg/dl),

  • IGT 7,0 bis 11,1 mmol/l (126 bis 200 mg/dl),

  • „Risiko-HbA1c“ 6,0% bis 6,4% (42 bis 47 mmol/mol)

Diagnosekriterien des International Expert Committee (IEC):

  • „Risiko-HbA1c“ 6,0% bis 6,4% (42 bis 47 mmol/mol)


Sensitivität von Nüchternblutzucker- und HbA1c-Messungen gering

Das schlug sich im primären Ergebnis der Metaanalyse nieder, in dem es um die Aussagekraft der HbA1c-Messung bzw. der Nüchtern-Blutzuckermessungen für die Feststellung eines Prädiabetes ging. Der Befund des „Prädiabetes“ war hier als auffälliger oGTT (für HbA1c) bzw. als abnormaler 2-Stunden-Blutzuckerwert im oGTT (für Nüchternblutglukose) definiert. In diese Analyse waren 49 klinische Studien eingeschlossen. Das Resultat war enttäuschend: Sowohl die HbA1c- als auch die Nüchternblutzuckermessung hatte eine geringe Sensitivität für die so definierten Prädiabetes-Gruppen; im Durchschnitt lag diese bei 0,49 bzw. 0,25. Die Spezifität der Tests war 0,79 bzw. 0,94.

 
Patienten mit erhöhten Nüchternwerten sind keineswegs immer diejenigen, die auch erhöhte postprandiale Werte in einem oralen Glukosetoleranztest zeigen. Prof. Dr. Matthias Schulze
 

Mit einem Screening auf der Basis von HbA1c-Messungen bzw. Nüchternblutzuckermessungen allein lassen sich demnach nicht alle die Risikopersonen ermitteln, die auf dem Weg zum Typ-2-Diabetes sind und eine besondere Prävention benötigen. Dafür wären auch oGTTs notwendig.

„Deutscher Diabetes-Risiko-Test“ gibt erste Anhaltspunkte

Höher ist die Aussagekraft auffälliger Blutzuckerwerte bei Personen, die auch sonst „ins Risikoprofil passen“. Der DIfE hat deswegen einen Diabetes-Risikoscore entwickelt, der nicht nur Ärzten, sondern auch der Allgemeinbevölkerung als Online- und Printversion kostenlos zur Verfügung steht. Er berücksichtigt den Lebensstil (Ernährung, Bewegung, Tabakkonsum) sowie Körpergewicht und Taillenumfang der Testpersonen.

„Bei Menschen, die laut unserem Test ein erhöhtes Risiko haben, ist eine zusätzliche Glukosemessung besonders aussagekräftig“, betont Schulze. „Sind die Werte dann erhöht, deutet dies auf eine unmittelbar gesteigerte Gefahr hin, in den nächsten Jahren an Typ-2-Diabetes zu erkranken.“ Eine solche Aussage könnte die Patienten nachdrücklich zu Lebensstiländerungen motivieren, hofft er.

Lebensstiländerungen bringen etwas, vorsorgliche Metformingabe eher nicht

 
Bei Menschen, die laut unserem Test ein erhöhtes Risiko haben, ist eine zusätzliche Glukosemessung besonders aussagekräftig. Prof. Dr. Matthias Schulze
 

Das lohnt sich: Wenn sich Menschen mit erhöhtem Risiko gesünder ernähren und mehr bewegen, wenn sie ihr Gewicht reduzieren und das Rauchen aufgeben, dann sinkt das Diabetesrisiko deutlich. Das zeigt der 2. Teil der britischen Metaanalyse, für den die Forscher weitere 50 Studien ausgewertet haben.

Demnach führten effektive Lebensstilinterventionen zu einer 37%igen Verringerung der Diabetesinzidenz im Beobachtungszeitraum, der je nach Studie zwischen 6 Monaten und 6 Jahren lag. „Das ist eine massive Risikoreduktion“, betont Schulze. Im Gespräch mit Medscape hebt er vor allem die größte der eingeschlossenen Präventionsstudien hervor – das Diabetes Prevention Program (DPP): „Hier konnte das 4-Jahresrisiko für einen manifesten Typ-2-Diabetes von 40 Prozent auf 20 Prozent halbiert werden.“

In der Metaanalyse wurde auch geprüft, wie die präventive Metformingabe Risikopatienten vor einem manifesten Typ-2-Diabetes schützen kann. Das Antidiabetikum konnte die Diabetesprävalenz nur um 20% senken – im Vergleich zu konsequenten Lebensstilintervention mit 37%.

 

REFERENZEN:

1. Barry E, et al. BMJ 2017 (online) 04. Januar 2017

 

Kommentar

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