Zika-Infektion in der Schwangerschaft: Warum die Fehlbildungs-Quoten regional zwischen 1 und 50 Prozent schwanken

Dr. Susanna Kramarz

Interessenkonflikte

2. Januar 2017

Wie hoch das Risiko ist, dass ein Embryo durch eine Zika-Infektion eine schwere Hirnschädigung davonträgt, ist von mehreren Faktoren abhängig: vom Zeitpunkt und von der Dauer der Infektion und davon, ob vor oder während der aktuellen Infektion bereits eine Erkrankung durch Dengue- oder Chikungunya-Viren durchgemacht worden ist. Ob die Schwangere Krankheitssymptome gezeigt hat oder nicht, ist dagegen irrelevant.

Zu diesem Schluss kommt eine sehr aufwändig durchgeführte Auswertung der Daten sämtlicher Zika-Infektionen von Schwangeren aus den USA, die in JAMA publiziert worden ist – von einem Team um die Epidemiologin Dr. Margret A. Honein, Centers for Disease Control and Prevention, Atlanta, Georgia [1].

Prof. Dr. Ioannis Mylonas

„Die Studie liefert eine Erklärung für die Unterschiede zwischen den Daten aus Südostasien und aus Brasilien“, erläutert Prof. Dr. Ioannis Mylonas von der Universitäts-Frauenklinik München, Vorsitzender der AG Infektionen und Infektionsimmunologie (AGII) der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: Das Risiko, dass nach einer Zika-Infektion in der Schwangerschaft das Neugeborene mit einer Mikrozephalie oder einem anderen schweren neurologischen Schaden zur Welt kommt, wurde bisher in Südostasien mit 1% angegeben, in Brasilien mit bis zu 50%.

Auch andere Infektionen können zu Mikrozephalie führen

„Zika, Dengue und Chikungunya werden durch dieselbe Mücke übertragen, Aedes aegyptii. Wenn gleichzeitig mit einer Zika-Epidemie auch eine Dengue- oder Chikungunya-Epidemie auftritt, sind wesentlich häufiger schwere Schäden bei den Neugeborenen zu beobachten. Das war und ist in Südamerika derzeit der Fall“, erklärt Mylonas.

Der Gynäkologe weist darauf hin, dass die Mikrozephalie keineswegs nur durch Zika-Infektionen ausgelöst wird: Auch Toxoplasmose, Windpocken, CMV-, Zytomegalie- und Herpes-simplex-Infektionen in der Schwangerschaft können zu Mikrozephalien führen.

Infizierte Schwangere in den USA: Bei 6 Prozent der Neugeborenen Fehlbildungen

Die US Zika Pregnancy Registry Collaboration wertete die Daten von allen in den USA labormedizinisch bestätigten Infektionen von Schwangeren oder Neugeborenen aus, die zwischen dem 15. Januar und 22. September 2016 registriert wurden (n = 442).

 
Die Studie liefert eine Erklärung für die Unterschiede zwischen den Daten aus Südostasien und aus Brasilien. Prof. Dr. Ioannis Mylonas
 

Bei 6% (n = 26) wurden typische Fehlbildungen des Kopfs und Gehirns beobachtet: darunter bei 21 von 395 Neugeborenen sowie bei 5 von 47 Feten nach Verlust der Schwangerschaft. Dabei war die Rate bei Frauen mit und ohne Symptome gleich. Da die Spontanrate an Mikrozephalien in den USA bei 7/10.000 liegt (0,07%), ist davon auszugehen, dass die Schädigungen durch die Infektion ausgelöst wurden.

Besonders hoch (11%) war die Rate an Schädigungen, wenn die Infektion im 1. Trimester stattgefunden hatte und wenn das Virus sich über mehrere Trimester nachweisen ließ. Trat die Infektion im 2. oder 3. Trimester auf (n = 81), wurden keine schweren neurologischen Schäden diagnostiziert.

USA: Zika-Infektion häufiger nach Dengue- oder Chikungunya-Infektion

Lag bei Mutter und Kind gleichzeitig eine weitere Infektion mit einem Flavivirus vor (z.B. Dengue) oder mit dem Chikungunya-Virus, so erhöhte dies das Risiko für den Embryo erheblich: Von 19 Frauen mit derartigen Mehrfach-Infektionen bekamen 6 (29%) ein Kind mit einer Mikrozephalie oder einer anderen erheblichen zerebralen Störung.

Brasilien: Zika-Infektion seltener nach Dengue- oder Chikungunya-Infektion

Allerdings zeigte eine zur gleichen Zeit im New England Journal of Medicine publizierte Studie aus Rio de Janeiro, Brasilien, unter Leitung der Labormedizinerin Dr. Patricia Brasil, dass Zika-Infektionen deutlich seltener auftreten, wenn vorher bereits eine Dengue- oder Chikungunya-Infektion durchgemacht worden ist [2]. Eventuell bilden sich durch die Infektionen Kreuzresistenzen aus, und bei einem Durchbrechen dieser Kreuzresistenzen, die konsekutiv zu 2 oder mehr Infekten führt, wird die Situation für das ungeborene Baby bedrohlich.

 
Wir können derzeit wohl davon ausgehen, dass das Risiko einer Zika-Pandemie gestoppt ist. Prof. Dr. Ioannis Mylonas
 

Diese neue Studie aus Rio de Janeiro beleuchtet noch einen weiteren Aspekt, der bisher wenig beachtet wurde: Mikrozephalus und schwere Hirnschädigungen treten nur bei einem kleinen Prozentsatz der Feten auf. Ein weiterer, viel größerer Teil der Kinder weist aber dezentere Störungen auf, die erst im Lauf der ersten Lebensmonate und -jahre klinisch auffällig werden.

Zika-Pandemie gestoppt?

„Die nordamerikanischen Epidemiologen hatten Zweifel an den Zahlen aus Brasilien und an der hohen Quote an Mikrozephalien durch die Infektion, aber jetzt hat die Auswertung der eigenen Zahlen bestätigt, dass die Brasilianer ihre Arbeit sehr gut gemacht haben“, erläutert Mylonas. „Auf der anderen Seite wurde gerade in diesem Land eine beispiellose Arbeit geleistet, um speziell im Vorfeld der Olympiade das Infektionsrisiko einzudämmen, und das ist ganz offensichtlich gelungen. Wir können derzeit wohl davon ausgehen, dass das Risiko einer Zika-Pandemie gestoppt ist.“

Trotzdem sei Nachlässigkeit nicht angebracht: Infektionen mit Zika-Viren sind in Deutschland meldepflichtig an das örtliche Gesundheitsamt, und deshalb sollte niemals eine vollständige Diagnostik unterbleiben. Ob ein Labor die entsprechenden Referenzmaterialien für die Testungen vorrätig hat, sollte vor der Einsendung der Materialien ein Anruf klären.

Zika-Infektionen sind meldepflichtig. Beim Verdacht auf eine Zika-Infektion sollte deshalb die empfohlene Labordiagnostik durchgeführt werden.
(Quelle: Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin 2016)

Frauen mit Kinderwunsch und Schwangere sollten immer noch nicht in Risikoregionen reisen

Für Deutschland gilt nach wie vor, dass Frauen mit Kinderwunsch Reisen in tropische Gebiete verschieben und nur geschützten Sex mit ihren Partnern haben sollten, wenn diese im letzten halben Jahr in eine tropische Region gereist sind [3]. Umgekehrt sollte während und nach Tropenreisen unbedingt eine sichere Verhütungsmethode angewendet werden.

Dr. Michael Wojcinski

Diese Empfehlungen gelten ebenso auch weiterhin für die USA, wie der Kinderarzt Prof. Dr. William Muller, und die Frauenärztin Prof. Dr. Emily Miller, beide Feinberg University Chicago, Illinois, in ihrem Editorial im New England Journal of Medicine betonen [4].

 
Auf der anderen Seite zeigen uns die neuen Zahlen aus den USA auch, dass das Risiko für das ungeborene Baby wohl doch nicht so hoch ist wie ursprünglich angenommen. Dr. Michael Wojcinski
 

„Auf der anderen Seite zeigen uns die neuen Zahlen aus den USA auch, dass das Risiko für das ungeborene Baby wohl doch nicht so hoch ist wie ursprünglich angenommen, vor allem wenn die Frau nur kurz in den Tropen war und keine zusätzlichen Tropen-typischen Infektionen mitgebracht hat", erläutert Dr. Michael Wojcinski, Frauenarzt und Vorsitzender der AG Impfen des Berufsverbandes der Frauenärzte.

„Das mag viele Schwangere hoffentlich beruhigen. Von einer Reise in Risikoregionen raten wir Frauen mit Kinderwunsch und erst recht Schwangeren trotzdem nach wie vor unbedingt ab“, so der Gynäkologe. „Denn dort, wo Zika-Infektionen übertragen werden können, besteht auch das Risiko für Denguefieber und andere tropische Infektionen, die in der Schwangerschaft alle großen Schaden anrichten können.“

 

REFERENZEN:

1. Honein MA, et al: JAMA (online) 13. Dezember 2016

2. Brasil P, et al: NEJM 2016;375:2321-2334

3. Mylonas I, et al: Der Gynäkologe 2016;49(10):786-794

4. Muller W, et al: JAMA (online) 13. Dezember 2016

 

Kommentar

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