Sind Frauen die besseren Ärzte? US-Studie findet geringere Sterblichkeit bei Patienten, die von Ärztinnen behandelt werden

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

2. Januar 2017

Ältere Menschen, die im Krankenhaus von Ärztinnen behandelt werden, sterben seltener als solche, die in den Händen männlicher Mediziner sind. Geschätzte 32.000 Menschenleben ließen sich jedes Jahr retten, wenn Ärzte die gleichen Behandlungsergebnisse wie Ärztinnen erzielen würden, schreiben Dr. Yusuke Tsugawa von der Harvard T. H. Chan School of Public Health in Cambridge, Massachusetts, im Fachblatt JAMA Internal Medicine [1].

Zudem müssen Patienten, die von Ärztinnen behandelt werden, auch nach ihrer Entlassung weniger oft erneut in eine Klinik eingewiesen werden. So das zweite zentrale Ergebnis der US-amerikanischen Studie, die der aus Japan stammende Forscher und seine Kollegen veröffentlicht haben. Ist dies auch auf Deutschland übertragbar?

Auf Deutschland lassen sich die Ergebnisse nur begrenzt übertragen

Dr. Ute Seeland

Die Studie stößt hierzulande nicht nur auf Zustimmung. „Die Ergebnisse auch in Deutschland zu bestätigen, könnte gerade im Hinblick auf die Versorgung von Krankenhauspatienten schwer sein“, meint Dr. Ute Seeland vom Institut für Geschlechterforschung in der Medizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin gegenüber Medscape. „Denn die Entscheidung darüber, wie ein Patient zu behandeln ist, wird doch meistens von mehreren Köpfen getroffen – in der Regel also von gemischten Teams aus Frauen und Männern.“

„Ich persönlich denke zudem nicht, dass die Kenntnis einer statistischen Assoziation zwischen biologischem Geschlecht der behandelnden Person und der Mortalitätsrate der Patienten ausreicht, um die Gendermedizin entscheidend weiterzubringen“, bekräftigt Seeland. „Viel wichtiger wäre doch, konkreter als bisher zu untersuchen, worin genau sich das ärztliche Handeln von Frauen und Männern unterscheidet“, betont die Fachärztin für Innere Medizin. „Und das bedeutet, dass schon bei der Erstellung der Fragebögen und der Auswahl der zu erhebenden Daten geschlechtersensibel gedacht werden sollte, um so eine Fragestellung umfassend beantworten zu können.“

Die Unterschiede sind nicht groß, aber den Forschern zufolge signifikant

Frühere Untersuchungen hatten bereits ergeben, dass sich Ärztinnen und Ärzte in ihrem medizinischen Handeln voneinander unterscheiden. So halten sich weibliche Mediziner beispielsweise öfter an die Vorgaben von Leitlinien und nehmen Vorsorgemaßnahmen ernster, als ihre männlichen Kollegen es tun. Inwieweit sich solche Unterschiede auf das Wohlergehen der Patienten auswirken, wollten die Wissenschaftler um Tsugawa genauer untersuchen.

 
Viel wichtiger wäre doch, konkreter als bisher zu untersuchen, worin genau sich das ärztliche Handeln von Frauen und Männern unterscheidet. Dr. Ute Seeland
 

Das Team um Tsugawa analysierte die Daten von mehr als 1,5 Millionen US-Patienten im Alter von 71 bis 88 Jahren, die zwischen Januar 2011 und Dezember 2014 internistisch im Krankenhaus behandelt worden waren. Die Forscher erhielten diese Daten von der öffentlichen, bundesstaatlichen Krankenversicherung für ältere oder behinderte US-Bürger, Medicare.

Konkret untersuchten die Forscher die 30-Tage-Sterblichkeit und die Neueinweisungsrate der Patienten in Abhängigkeit des Geschlechts der sie behandelnden Mediziner. Insgesamt waren dies 58.344 Internisten, davon waren 18.751 (32,1%) Frauen. Im Schnitt waren die Ärztinnen in der Studie etwas jünger und hatten weniger Patienten zu betreuen als ihre männlichen Kollegen.

Wie Tsugawa und seine Kollegen ermittelten, betrug die 30-Tages-Mortalität der Patienten, die von Frauen behandelt wurden, 11,07%. Bei denen, die sich in den Händen von Männern befanden, lag der Wert bei 11,49%. Die Neueinweisungsrate innerhalb von 30 Tagen betrug 15,02% nach der Behandlung durch eine Ärztin und 15,57% nach der Behandlung durch einen Arzt.

Die Unterschiede sind somit für beide betrachteten Aspekte nicht sonderlich hoch, aber statistisch signifikant. Darüber hinaus konnten die Forscher sie unabhängig von der Art und der Schwere der 8 untersuchten Krankheiten beobachten.

Bei allen untersuchten Krankheiten schneiden die Männer schlechter ab

„Gerade das letzte Ergebnis hätte ich so nicht erwartet“, sagt die Berliner Medizinerin Seeland. Die Ärzte hätten bei Krankheiten wie Sepsis, Lungenentzündung oder akutem Nierenversagen signifikant schlechter als ihre Kolleginnen abgeschnitten. Bei der Herzinsuffizienz, der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung und der Harnwegsinfektion seien die Prozentzahlen bei den Männern ebenfalls höher gewesen, allerdings nicht signifikant.

„Auch wenn es ein höherrangiges Journal ist, in dem die Studie publiziert wurde, handelt es sich um eine Herausforderung, die Daten auszuwerten und zu interpretieren“, sagt Seeland. „Gerade bei der Behandlung akuter Erkrankungen sind viele Störfaktoren denkbar, die das Ergebnis verzerren können“, gibt die Medizinerin zu bedenken.

Die Internistin wünscht sich daher für die Zukunft eher Studien, die untersuchen, wie es beispielsweise um die Kommunikation zwischen Arzt beziehungsweise Ärztin und deren Patienten bestellt ist. „Um bestmögliche Behandlungsergebnisse zu erzielen, ist es erforderlich, dass die Mediziner sich Zeit für das Gespräch mit ihren Patienten nehmen und sie sich immer wieder vergewissern, dass sie das, was der Patient ihnen sagen möchte, auch wirklich verstanden haben“, betont Seeland. „Nur dann lässt sich die Therapie optimal an die Bedürfnisse der Patienten anpassen.“ Entsprechende Kommunikationsfähigkeiten würden im Rahmen der Medizinerausbildung an der Charité daher inzwischen auch trainiert.

In den USA verdienen Ärztinnen deutlich weniger als Ärzte

Deutlich weniger kritisch als ihre deutsche Kollegin sieht die US-Ärztin Dr. Anna Parks vom Department of Internal Medicine der University of California in San Francisco die Studie von Tsugawa und seinem Team. Wie Parks in einem Editorial in der gleichen Ausgabe von JAMA Internal Medicine berichtet, verdienen Ärztinnen in den USA etwa 8% weniger als ihre männlichen Kollegen [2]. Das entspreche einem jährlichen Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern von knapp 20.000 US-Dollar.

 
Um bestmögliche Behandlungs- ergebnisse zu erzielen, ist es erforderlich, dass die Mediziner sich Zeit für das Gespräch mit ihren Patienten nehmen. Dr. Ute Seeland
 

Viele Menschen würden derartige Differenzen für gerechtfertigt halten, schreibt Parks, da Frauen ihre Karriere häufiger unterbrechen, um Kinder zu bekommen, und auch öfter in Teilzeit arbeiten – und aus diesem Grund womöglich schlechtere Arbeit leisten als ihre männlichen Kollegen. Die Studie von Tsugawa und seinem Team habe gezeigt, dass genau das Gegenteil der Fall sei, betont die Internistin.

Parks vermutet allerdings auch, dass die besseren Behandlungsergebnisse der Ärztinnen nicht allein auf die Tatsache zurückgehen, dass diese sich stärker als ihre männlichen Kollegen an die Leitlinien halten – wie Tsugawa und sein Team in ihrer Studie spekulieren. Ähnlich wie Seeland betont Parks die Wichtigkeit der Kommunikation: Frühere Untersuchungen hätten gezeigt, dass Ärztinnen in Gesprächen stärker auf ihre Patienten eingehen, sie mehr ermuntern und beruhigen, als Ärzte es tun, schreibt sie. Darüber hinaus nähmen sie sich mehr Zeit für die Visite. Auch diese Punkte könnten den Heilungsverlauf älterer Patienten positiv beeinflussen.

Auch hierzulande dominieren in höheren Positionen derzeit noch die Männer

Die US-Internistin fordert, die Ungleichheiten zwischen weiblichen und männlichen Medizinern endlich zu beenden. Beide Geschlechter müssten in ihren Karrieren gleichermaßen gefördert werden und auch gleich viel verdienen, schreibt sie. Das würde nicht nur dazu führen, dass alle Ärzte mehr Erfüllung in ihrem Job fänden. Auch mit zufriedeneren Patienten und besseren Behandlungsergebnissen sei infolge derartiger Maßnahmen zu rechnen.

In diesem Punkt gibt Seeland ihr Recht. Dennoch sieht sie Deutschland in punkto Gleichberechtigung der Geschlechter bereits auf einem recht guten Weg. „Zwar finden wir zum Beispiel auf der Assistenzarztebene immer noch deutlich mehr Frauen als Männer, während bei den Ober- und Chefarztpositionen die Männer dominieren“, sagt sie. „Doch wenn man die Zahlen der vergangenen Jahre betrachtet, sieht man auch, dass die langjährigen Bemühungen verschiedener Interessensverbände, diese Situation zu verbessern, langsam Erfolg haben.“

 

REFERENZEN:

1. Tsugawa Y, et al: JAMA Intern Med (online) 19. Dezember 2016

2. Parks A, et al: JAMA Intern Med (online) 19. Dezember 2016

 

Kommentar

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