„Zombie-Ausbruch“ in New York geklärt – Vergiftungen mit synthetischen Cannabinoiden sind auch in Deutschland „Alltag“

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

23. Dezember 2016

Was sich am 12. Juli dieses Jahres in Bedford-Stuyvesant, einem Viertel im New Yorker Stadtteil Brooklyn abspielte, hatte weltweilt für Aufmerksamkeit gesorgt: Mehr als 30 Personen, so hatten Augenzeugen berichtet, seien in der Nachbarschaft mit leeren Blicken umhergeschlurft, einige hätten zudem gestöhnt oder seien auf offener Straße zusammengebrochen. Beobachter der Szenen, so heißt es, hätten sich bei dem Anblick an „Zombies“ erinnert gefühlt. Schnell machte der schlagzeilenträchtige Begriff in Medienberichten die Runde.

Hinter dem Vorfall vermutete man von Beginn an den Konsum von synthetischen Cannabinoiden. Nun bestätigt eine aktuelle Veröffentlichung im The New England Journal of Medicine den Verdacht [1]. In den Blutproben von 8 Patienten, die damals in ein Krankenhaus transportiert wurden, ließ sich das synthetische Cannabinoid AMB-FUBINACA nachweisen. Außerdem wurde der Stoff in Kräutermischungen gefunden, die einer der betroffenen Männer an dem Juli-Tag in Brooklyn bei sich trug.

Die Rede von „Zombies“ erzeugt Aufmerksamkeit – ist aber irreführend

Prof. Dr. Volker Auwärter

Die Berichte von der Episode in Brooklyn und die Vorstellung von Dutzenden umhertorkelnden, stammelnden Menschen mögen im Sommer so manchem Rezipienten kalte Schauer über den Rücken gejagt haben. Prof. Dr. Volker Auwärter, Leiter der Forensischen Toxikologie am Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Freiburg, relativiert den Vorfall im Gespräch mit Medscape.

„Intoxikationen mit synthetischen Cannabinoiden sind im Einzugsgebiet der Freiburger Klinik Alltag“, berichtet er. Jährlich würden dort rund 100 Patienten mit solchen Vergiftungen behandelt. Die große Zahl der Betroffenen hebe den Vorfall in New York zwar von anderen Fällen ab, sagt er. Aber er vermutet, dass vor allem die Beschreibung der Menschen als „Zombie-ähnlich“ zu der außergewöhnlich breiten Berichterstattung geführt habe.

Tatsächlich mochte auch das Team um Erstautor Axel J. Adams von der University of California, San Francisco, welches den Vorfall im Fachjournal beschreibt, nicht auf das Wort „Zombie“ verzichten. Es findet sich sowohl im Titel der Publikation als auch mehrmals im Text. Zwar verwenden die Wissenschaftler den Begriff selbst nur in Anführungszeichen, aber Auwärter meint, dass das Wort grundsätzlich irreführend sei und vermutlich auch von Adams und Kollegen nur verwendet wurde, um größere Aufmerksamkeit zu erzeugen.

 
Intoxikationen mit synthetischen Cannabinoiden sind im Einzugsgebiet der Freiburger Klinik Alltag. Prof. Dr. Volker Auwärter
 

So könne AMB-FUBINACA zwar eine zentral dämpfende Wirkung haben, sagt der Freiburger Experte. Häufiger würden Menschen aber auf eine Überdosis mit Herzrasen, Übelkeit, Angstsymptomen, Unruhe und Halluzinationen reagieren.

Die Beschreibung des sogenannten „Index-Patienten“ in der aktuellen Publikation erscheint Auwärter denn auch eher untypisch. Der 28-jährige Mann wird von Adams und Mitarbeitern stellvertretend für die anderen Betroffenen beschrieben und soll u.a. einen starren Blick aufgewiesen und im Krankhaus lethargisch reagiert haben. „Vielleicht wurde dieser Patient nur deshalb ausgewählt, weil er gut in das Zombie-Bild passte“, so Auwärter.

Trotz Kritik: Die Publikation an prominenter Stelle kann das Problembewusstsein schärfen

Doch auch wenn die aktuelle Publikation über den Vorfall viel Kritik zulasse, kann Auwärter der Berichterstattung auch Gutes abgewinnen. Er sagt: „Die Publikation an prominenter Stelle lenkt die Aufmerksamkeit erneut auf die synthetischen Cannabinoide.“

 
Vielleicht wurde dieser Patient nur deshalb ausgewählt, weil er gut in das Zombie-Bild passte. Prof. Dr. Volker Auwärter
 

Denn die Beliebtheit der Cannabinoide speist sich u.a. aus dem Umstand, dass die Stoffe in einem Routine-Drogenscreening nicht entdeckt werden können. Ein geschärftes Bewusstsein könne deshalb bei der Diagnostik von Vorteil sein, so Auwärter.

Die Kollaboration mit spezialisierten Institutionen und Zentren sei dabei wichtig. „Bei Verdacht auf eine Vergiftung mit synthetischen Cannabinoiden können sich Mediziner an die Giftinformationszentralen wenden.“ Dort erfahre man beispielsweise, welches Labor gezielte Untersuchungen durchführen könne.

Dass die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Institutionen zum raschen Nachweis von AMB-FUBINACA beigetragen habe, heben auch Adams und Mitarbeiter in ihrer Publikation hervor. In nur 17 Tagen hätte man gewusst, welches Cannabinoid konsumiert worden sei. Ein Ergebnis, das Auwärter allerdings nicht beeindruckt. Im Freiburger Labor läge ein Ergebnis bei Notfällen meist innerhalb weniger Tage vor, sagt er.

 

REFERENZEN:

1. Adams AH, et al: N Engl J Med. (online) 14. Dezember 2016

 

Kommentar

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