Blankorezept – aber wer übernimmt Verantwortung für die Kosten? Evaluation der Pilotprojekte als eigentlicher „Gewinn“

Christian Beneker

Interessenkonflikte

21. Dezember 2016

Der aktuelle Kabinettsentwurf des Heil- und Hilfsmittelgesetzes will einer alten Forderung der Therapeutenverbände in Deutschland entgegenkommen [1]. „Eigentlich wünschen wir uns den Direktzugang“, sagt Ute Merz, die Sprecherin des Deutschen Physiotherapeutenverbandes. Ihr Verband hätte gerne, dass Patienten ohne vorherige Verordnung durch einen Arzt auf Kassenkosten zur Ergotherapie oder zum Physiotherapeuten gehen können.

Der Gesetzgeber hat mit dem Kabinettsentwurf des neuen Heil- und Hilfsmittelgesetzes einen ersten Schritt in diese Richtung getan. Es sieht das Blankorezept als Erprobungsprojekt in jedem Bundesland vor: Der Arzt stellt die Diagnose und ein Blankorezept aus, der Therapeut wählt dann das Heilmittel, die Dauer der Anwendung und ihre Frequenz.

Doch: Wirklich glücklich ist mit dieser Regelung niemand. Die bundesweit rund 300.000 Therapeuten wollen – wie gesagt – lieber den Direktzugang. Und Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und Bundesärztekammer (BÄK) kritisieren, dass die verordnenden Ärzte laut Gesetzesentwurf keinen Einfluss mehr auf die Auswahl der Heilmittel haben.

Ärzteverbände fürchten zu hohe Kosten

 
Eigentlich wünschen wir uns den Direktzugang. Ute Merz
 

BÄK und KBV monieren, mit dem Blankorezept gebe der Arzt auch den Einfluss auf die Heilmitteltherapie aus der Hand.

„Dem verordnenden Arzt muss es jederzeit wegen der ärztlichen Gesamtverordnung und Koordinationsfunktion möglich sein, einzelne Heilmittel als kontraindiziert auszuschließen“, fordert die BÄK. Im Übrigen lehnt die Kammer den Direktzugang ab.

So denkt auch die KBV. Zudem fehle es an einer Regelung zur Rückmeldung vom Heilmittelerbringer an den Arzt, welche Abweichungen von der Verordnung erfolgt sind bzw. welche Therapie tatsächlich stattgefunden hat. Aus Sicht der KBV bedarf es klarer Regelungen, um die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten zu stärken, heißt es in der Stellungnahme [2].

 
Was versicherten- freundlich klingt, birgt hohe Kostenrisiken zulasten der Versicherten … Ulrike Elsner
 

Vor allem fordert die KBV, die Therapeuten müssten auch die Verantwortung für die Wirtschaftlichkeit der Therapie übernehmen. Dazu müssten die Kosten der Therapien gekennzeichnet werden, damit die Ausgabevolumina der Verordner bereinigt werden können.

Auch die Krankenkassen drücken auf die Bremse. Sie fürchten ebenfalls, dass die Blankorezepte die Ausgaben in die Höhe reiben. „Was versichertenfreundlich klingt, birgt hohe Kostenrisiken zulasten der Versicherten, denn es fehlen klare, rechtssichere Regelungen, wer die Mengen und Ausgabenentwicklung steuern und auf die Einhaltung des Wirtschaftlichkeitsgebots achten soll“, erklärte Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen e.V. (vdek). „Diese Verantwortung müsste von den Ärzten auf die Heilmittelerbringer ausgedehnt werden. Es wäre besser, zunächst die Ergebnisse bereits laufender Modellvorhaben zum Blanko-Rezept abzuwarten, bevor hier eigene Strukturen aufgebaut werden.“

 
Mit den Modellvorhaben kommt jetzt Geld ins System, weil der Gesetzgeber eine Evaluation der Projekte vorsieht. Ralf Buchner
 

Nach Schätzung von Ralf Buchner, Unternehmensberater für Heilmittelpraxen, geben die PKV und die GKV jährlich an die 8 Milliarden Euro für die Leistungen von Physio-, Ergo-, Logo- und Podologen aus.

Pilotprojekte dienen vor allem der Evaluation

Buchner sieht den Gewinn der Pilotprojekte in jedem Bundesland denn auch vor allem in der vorgesehenen Evaluation der Projekte. „Bisher standen für solche Untersuchungen gar keine Gelder zur Verfügung, weil die Branche solche Forschung nicht einpreisen kann“, sagt Buchner zu Medscape. „Mit den Modellvorhaben kommt jetzt Geld ins System, weil der Gesetzgeber eine Evaluation der Projekte vorsieht.“

In der Tat ist bislang unklar, wie nützlich die Therapien der Logopäden, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten oder Podologen eigentlich sind. „Die Pharmabranche etwa kann ihre Evaluationen in die Marktpreise einbringen“, so Buchner. „Aber die Therapeuten können das nicht.“ Dazu fehle es an berufspolitischer Kraft.

„Wir haben schätzungsweise 60.000 therapeutische Praxen in Deutschland und vermutlich um die 300.000 Therapeuten.“ Nur ein Drittel von ihnen sei berufspolitisch organisiert – in einem Flickenteppich von zusammen 19 verschiedenen Verbänden. Eine Kammer gibt es nicht. Klar, dass die so zersplittert organisierte Therapeuten-Szene nicht mit einer Stimme sprechen und deshalb auch nicht gehört werden kann.

 
Die Kassen geben im Jahr acht Milliarden Euro aus und wissen effektiv nicht, wofür! Ralf Buchner
 

Die ärztlichen Verbände hätten mit ihrer Kritik am Blankorezept vor allem die Kosten im Blick, meint Buchner. Aber was wirklich interessant wäre, sei die Kosten-Nutzen-Analyse der therapeutischen Versorgung. An entsprechenden Studien fehle es aber in Deutschland. Buchner: „Die Kassen geben im Jahr acht Milliarden Euro aus und wissen effektiv nicht, wofür!"

Auch der oft geforderte Direktzugang, also die therapeutische Leistung ohne Verordnung durch einen Arzt, würde das Evaluationsproblem nicht beheben. „Denn natürlich würde der Direktzugang zur therapeutischen Behandlung nicht gleichzeitig den Direktzugang zur Vergütung durch die GKV bedeuten. „Auch die Kassen würden einen Nutzennachweis fordern.“

Bisher wollten die Kassen nicht wissen, wo genau ihr Geld für die Therapeuten bleibt. „Als die Heilmittelrichtlinie 2001 beschlossen wurde, gab es eine Protokollnotiz, dass Begleitforschung gemacht werden soll, um zu sehen, ob der Behandlungskatalog sinnvoll ist“, berichtet Buchner. „Die Notiz wurde gestrichen.“

Nun dürften die Kassen gespannt auf die Evaluation der Pilotprojekte schauen. Erweisen sich therapeutische Maßnahmen als sehr nützlich, könnte es die Kassen auch mehr Geld kosten.

 

REFERENZEN:

1. Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung

2. Stellungnahme der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vom 11. Juli 2016

 

Kommentar

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