Amyloid-Ablagerungen auch im Herzen: Ist die Alzheimer-Demenz eine metastasierende oder systemische Erkrankung?

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

20. Dezember 2016

Beschränkt sich die Pathologie der Alzheimer-Krankheit nicht nur auf das Gehirn? Das legt eine aktuelle Studie im Journal of the American College of Cardiology nahe. Das Team um Erstautor Dr. Luca Troncone vom Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston beschreibt darin erstmals die gemeinsame Präsenz einer gestörten Herzfunktion sowie intramyokardialen Ablagerungen von Beta-Amyloid bei Alzheimer-Patienten [1].

„Die Ergebnisse bilden ein neues biologisches System ab, in dem die Alzheimer-Krankheit als ein systemisches oder metastasierendes Krankheitsbild betrachtet werden kann, welches zu Herzinsuffizienz und möglicherweise zum Versagen weiterer Organe führen kann“, schreiben die Wissenschaftler.

Beta-Amyloid nur Marker oder Auslöser der Alzheimer-Krankheit?

Prof. Dr. Konstantinos Stellos, Kardiologe in der Medizinischen Klinik III / Kardiologie und Arbeitsgruppenleiter im Institut für Kardiovaskuläre Regeneration der Goethe Universität Frankfurt, hält auf Nachfrage von Medscape die Resultate jedoch für „überinterpretiert“.

Prof. Dr. Konstantinos Stellos

So seien zum einen die untersuchten Kohorten (mit Daten von 22 Alzheimer-Patienten und 4 Herzgewebeproben) zu klein gewesen, um weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen. Zum anderen, so Stellos Hauptkritik, fuße die Argumentation der Wissenschaftler um Troncone auf der seit über 20 Jahren verfolgten „Amyloid-Hypothese“.

Nach dieser Hypothese sind Beta-Amyloid-enthaltende neurotoxische Plaques im Gehirn eine wesentliche pathologische Veränderung der Alzheimer-Krankheit und werden als entscheidend für Diagnose (und Therapie) angesehen. „Das Auftreten von Beta-Amyloid steht zwar in Zusammenhang mit der Alzheimer-Krankheit, die Kausalität wird jedoch zunehmend angezweifelt“, sagt Stellos.

So könnte, argumentieren Fachleute, die Alzheimer-Krankheit z.B. auch durch eine vaskuläre Funktionsstörung ausgelöst werden. In einem solchen Fall wäre die Zunahme von Beta-Amyloid im Hirn nur ein sekundärer Marker und nicht Auslöser der neurodegenerativen Erkrankung – und (bezugnehmend auf die aktuelle Studie) die Anhäufung von Beta-Amyloid im Herzen eben auch kein Nachweis für eine metastasierende Pathologie der Alzheimer-Krankheit.

Welchen Einfluss hat die Alzheimer-Krankheit auf das Herz?

Trotz zunehmender Zweifel hielten Troncone und seine Kollegen die Amyloid-Hypothese jedoch für die plausibelste Erklärung für die neurodegenerative Erkrankung. Und nicht nur das: Sie vermuteten – so der Studienhintergrund –, dass sich Beta-Amyloid auch in anderen Organen von Alzheimer-Patienten ansammeln und Schäden hervorrufen könnte.

So sei in zahlreichen Studien bereits eine Herzinsuffizienz als Risikofaktor für die Alzheimer-Krankheit identifiziert worden, argumentieren sie. Zwar sei die gängige Expertenmeinung hierzu, dass vor allem das Gehirn vom Herz negativ beeinflusst werde (z.B. durch einen verminderten Blutfluss ins Gehirn). Nach Ansicht der Wissenschaftler um Troncone könnte es aber auch einen umgekehrten Zusammenhang geben. Sprich: Das Herz könnte durch die Alzheimer-Krankheit ohne zugrundeliegende kardiovaskuläre Erkrankungen geschädigt werden.

Höhere Beta-Amyloid-Expression im Herzen von Alzheimer-Patienten

Für ihre retrospektive Studie untersuchten die Wissenschaftler deshalb, ob Beta-Amyloid in den Herzen von Alzheimer-Patienten akkumuliert und so die Herzfunktion beeinflussen könnte.

 
Die Ergebnisse bilden ein neues biologisches System ab, in dem die Alzheimer-Krankheit als ein systemisches oder metastasierendes Krankheitsbild betrachtet werden kann … Dr. Luca Troncone
 

Die Myokardfunktion wurde dabei anhand einer Kohorte von Alzheimer-Patienten (n = 22) und altersentsprechenden Kontrollen (n = 35) retrospektiv untersucht. Die Angaben stammten aus der Datenbank des Beth Israel Deaconess Medical Centers (Aufzeichnungen von Echokardiographien).

4 Alzheimer-Patienten (unabhängige Kohorte) wurden zusätzlich Proben vom Herzen entnommen. Die geringe Probenzahl erklären die Wissenschaftler mit der notwendigen Gewebeentnahme in vivo (die Patienten mussten künstlich beatmet werden). So sollten Verzerrungen durch falsch-positive Post-mortem-Amyloid-Ablagerungen vermieden werden.

Immunfärbungen der Herzproben dienten dem grundsätzlichen Nachweis von Amyloid-Ablagerungen in den Organen. Die genauen Konzentrationen von Amyloid-Beta (1-40) und Amyloid-Beta (1-42), den Hauptbestandteilen der Amyloid-Plaques, wurden zusätzlich per ELISA bestimmt.

Zusammengefasst offenbarten die echokardiografischen Aufzeichnungen aus der Krankenhaus-Datenbank eine leichte myokardiale Dysfunktion bei jüngeren Alzheimer-Patienten unter 65 Jahren (ohne bekannte koronare Herzerkrankungen, vorangegangene Herzinfarkte, Bluthochdruck, primäre oder sekundäre Amyloidose, dilatative/hypertrophe Kardiomyopathie, Endokarditis, Chemo- oder Strahlentherapie).

Und sowohl im Gehirn, als auch im Herz der beprobten Patienten konnten Amyloid-Beta (1-40) und Amyloid-Beta (1-42) nachgewiesen werden; im Vergleich zu 6 Kontrollen war die Expression bei den Alzheimer-Patienten zudem erhöht (Aß40: 61,3 kDa vs 6,7 kDa; Aß42: 11,2 kDa vs 3,5 kDa).

Hohe Beta-Amyloid-Plasmaspiegel auch ohne begleitende Alzheimer-Krankheit

 
Das Auftreten von Beta-Amyloid steht zwar in Zusammenhang mit der Alzheimer-Krankheit, die Kausalität wird jedoch zunehmend angezweifelt. Prof. Dr. Konstantinos Stellos
 

„Insgesamt unterstreichen unsere Daten die Bedeutung einer pathologischen Beteiligung des Herzens bei der Alzheimer-Krankheit“, schreiben die Autoren. Und mit einem Blick auf die Zukunft halten sie fest, dass die steigende Prävalenz und die besseren Überlebenschancen bei Alzheimer auch zu entsprechend häufigeren kardiovaskulären Erkrankungen führen könnten.

Eine Interpretation, der der Experte Stellos nicht uneingeschränkt folgen möchte. Er selbst hat an einer 2015 im Journal of the American College of Cardiology veröffentlichten Studie mitgewirkt, in der gezeigt werden konnte, dass hohe Beta-Amyloid-Plasmaspiegel (Amyloid-Beta [1-40]) auch ohne begleitende Alzheimer-Krankheit mit einer höheren kardiovaskulären Mortalität und schweren kardiovaskulären Ereignissen zusammenhängen.

„Woher das Beta-Amyloid letztlich stammt, ist dabei noch unklar“, ergänzt er. Nichtsdestotrotz hält er es für möglich, dass die Amyloid-Anhäufungen im Herzen der hier untersuchten Patienten unabhängig von der Alzheimer-Erkrankung aufgetreten seien.

 

REFERENZEN:

1. Troncone L, et al: J Am Coll Cardiol. 2016;68(22):2395-2407

 

Kommentar

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