Weiblich, jung, Großstädterin – so sieht laut RKI-Bericht der typische Vegetarier aus

Simone Reisdorf

Interessenkonflikte

19. Dezember 2016

Vegetarische Ernährung ist bei Frauen beliebter als bei Männern und sie gewinnt vor allem unter den jungen Menschen hierzulande immer mehr Anhänger. Das zeigt der Bericht „Verbreitung der vegetarischen Ernährungsweise in Deutschland“ im „Journal für Gesundheitsmonitoring“, das vom Robert Koch-Institut (RKI) herausgegeben wird.

Er basiert auf den Angaben einer repräsentativen Stichprobe von etwa 7.000 Personen im Alter von 18 bis 79 Jahren. Sie wurden in der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ in einer ersten Erhebungswelle (2008 bis 2011, DEGS1) mit Hilfe des „Food Frequency Questionnaire“ ausführlich zu ihren Ernährungsgewohnheiten befragt.

Typischer Vegetarier: Jung, gebildet, Großstädterin

Der Wunsch nach einer gesunden Lebensweise, aber auch umwelt- und tierschutzbezogene Gründe, haben der vegetarischen Ernährung vor allem in der Altersgruppe der jungen Erwachsenen einen beachtlichen Aufschwung beschert. So ernähren sich laut DEGS1 9,2% der Frauen und 5% der Männer im Alter von 18 bis 29 Jahren „üblicherweise vegetarisch“. Mit steigendem Lebensalter nimmt dieser Anteil kontinuierlich ab, mit einer Ausnahme: Bei Frauen im Alter von 60 bis 69 Jahren findet sich nochmals eine Spitze mit 7,3%.

Der Anteil üblicherweise vegetarisch lebender Personen über alle Altersgruppen von 18 bis 79 Jahren liegt bei 4,3%. Genauer: 6,1% der Frauen und 2,5% der Männer in Deutschland verzichten weitgehend auf Fleisch und Fisch.

Aber nicht nur in bestimmten Altersgruppen, sondern auch in bestimmten Bevölkerungsschichten sind pflanzenbasierte Ernährungsformen beliebt. So sind laut DEGS1 überdurchschnittlich viele Bewohner von Großstädten sowie Personen mit höherem Bildungsabschluss Vegetarier.

Interessanterweise ernähren sich sowohl Frauen mit niedrigem als auch mit hohem sozialem Status deutlich häufiger fleischlos als diejenigen mit mittlerem Sozialstatus. Das RKI vermutet unter den weiblichen Befragten mit niedrigem Sozialstatus einen hohen Anteil sehr junger Frauen: Insbesondere Azubis und Studentinnen könnten einerseits ein hohes Gesundheits- und Umweltbewusstsein haben und vegetarisch essen, dabei aber (derzeit noch) über wenig Einkommen verfügen und deshalb in der Gruppe mit dem niedrigsten Sozialstatus gelandet sein.

Vegetarier ist nicht gleich Vegetarier

Das Ausmaß des Verzichts ist bei vegetarischer Ernährung nicht einheitlich definiert. Das RKI nennt in seinem Bericht allein 8 verschiedene überwiegend pflanzliche Ernährungsformen:

  • ovo-lakto-vegetarisch (ohne Fleisch- und Fischprodukte – meist ist diese Gruppe mit „Vegetarier“ gemeint)

  • lakto-vegetarisch (ohne Fleisch- und Fischprodukte, ohne Eier)

  • ovo-vegetarisch (ohne Fleisch- und Fischprodukte, ohne Milch und Milchprodukte)

  • pesco-vegetarisch (nur Fleischverzicht)

  • flexitarisch (ohne Fleisch- und Fischprodukte, außer gelegentlich geringe Mengen)

  • vegan (weder Fleisch- und Fischprodukte noch Eier, Milch/Milchprodukte oder Honig)

  • Rohköstler (weder Fleisch- und Fischprodukte noch Eier, Milch/Milchprodukte, Honig oder gekochte/verarbeitete Lebensmittel)

  • Fruktarier (weder Fleisch- und Fischprodukte noch Eier, Milch/Milchprodukte, Honig, gekochte/verarbeitete Lebensmittel oder Gemüse) – diese Personen essen nur Früchte, Samen und Nüsse.

In dem vorliegenden Bericht konnte der Anteil etwa an Veganern oder Rohköstlern nicht separat ermittelt werden, dafür reichten die Angaben der 7.000 Personen aus der Stichprobe nicht aus.

So wurde zwar die Standardfrage im DEGS1-Fragebogen „Essen Sie üblicherweise vegetarisch?“, von fast allen Teilnehmern mit einem klaren „Ja“ oder „Nein“ beantwortet. Die Zusatzfrage: „Welche der folgenden Lebensmittel essen Sie nicht?“ (Fleisch, Geflügel und Wurst/Fisch/Milch und Milchprodukte/Eier) wurde aber von etwa der Hälfte der Befragten mit einer überwiegend vegetarischen Ernährungsweise übersprungen; so kamen hier nur wenige Daten zusammen. „Die Untergruppen sind für spezifische Auswertungen zu klein“, räumt das RKI in seinem Bericht ein.

Vegetarische Ernährung oft mit gesundem Lebensstil gekoppelt

Der Fragebogen ging jedoch noch viel weiter ins Detail, der Verzehr von insgesamt 53 Lebens­mittelgruppen wurde Punkt für Punkt abgefragt. Dabei kam zutage: Personen mit „üblicherweise vegetarischer Ernährung“ unterschieden sich auch beim Verzehr anderer Nahrungsmittel (abgesehen von Fleisch) und bei sonstigen Lebensgewohnheiten von den übrigen Personen der Stichprobe.

So konsumierten Vegetarier im Durchschnitt weniger kalorienreduzierte Getränke, weniger Bier und Wein, dafür aber mehr Tee und erwartungsgemäß auch mehr Obst und Gemüse als Nichtvegetarier. Zudem waren unter den Personen, die mindestens 4 Stunden Sport pro Woche trieben, überdurchschnittlich viele Vegetarier zu finden.

Es muss ja nicht gleich ein Komplettverzicht sein

Abschließend stellt das RKI fest, dass bislang nur ein kleiner Teil der deutschen Bevölkerung ganz ohne Fleischkonsum lebt. Es sei aber – auch aus Sicht der Bevölkerungsgesundheit – erstrebenswert, „dass eine größere Bevölkerungsgruppe ihren Konsum tierischer Produkte nach und nach reduziert, ohne zwingendermaßen vollständig darauf zu verzichten“.

Nachdem anfängliche Bedenken wegen möglicher Mangelernährung in den Hintergrund gerückt sind, steht derzeit „das präventive Potenzial einer vegetarischen beziehungsweise überwiegend pflanzlichen Ernährung“ im Fokus der Überlegungen, so das RKI. Dabei gehe es um die Vorbeugung chronischer Krankheiten wie Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.

Weithin akzeptierte gesellschaftspolitische Ziele wie der Umweltschutz oder die Reduzierung der Massentierhaltung könnten den Trend zu weniger Fleisch fördern, hoffen die Autoren des „Journals für Gesundheitsmonitoring“ beim RKI.

 

REFERENZEN:

1. Gesundheitsberichterstattung des Bundes, gemeinsam getragen von RKI und Destatis: Journal of Health Monitoring, Ausgabe 2, Dezember 2016

 

Kommentar

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