Viel zu teuer! Versperren zu hohe Preisvorgaben der Industrie auch bei uns bald den Zugang zu innovativen Arzneimitteln?

Christina Sartori

Interessenkonflikte

12. Dezember 2016

Berlin – Ob innovative Medikamente gegen Krebs oder Hepatitis C oder altbewährte Wirkstoffe für eine neue Indikation: Die Preise für viele Arzneimittel sind viel zu hoch, und sie versperren Menschen unter Umständen den Zugang zu dringend benötigten Medikamenten. Zudem stünden die hohen Arzneimittelpreise in keinem Zusammenhang mit den tatsächlichen Forschungs- und Entwicklungskosten, so das Fazit der Fachtagung „Leben – eine Kostenfrage?!“, die von MEZIS – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte organisiert wurde [1].

Prof. Dr. Thomas Lempert

Konsequenzen für Deutschland und andere Länder

„Überhöhte Arzneimittelpreise haben gravierende Auswirkungen auf den Zugang zu Medikamenten mit nachgewiesenem therapeutischen Fortschritt“, sagt Prof. Dr. Thomas Lempert, Leiter der neurologischen Abteilung in der Schlosspark Klinik in Berlin. „War bisher der Zugang zu unentbehrlichen Medikamenten nur im globalen Süden ein Problem, ist dies zunehmend auch in reichen Ländern wie Deutschland der Fall.“ Lempert ist Mitglied der Initiative MEZIS.

Während der Fachtagung erklärte er im Gespräch mit Medscape: „Wenn es der Industrie gelingt, bei uns ein hohes Preisniveau durchzusetzen, das für uns kaum erschwinglich ist, dann ist auch klar, dass Patienten in armen Ländern keine Chance haben mitzuhalten. Der Zugang zu Medikamenten wird ihnen dadurch verwehrt.“

Zugang zu Medikamenten muss in armen Ländern erkämpft werden

Als Beispiel für die Folgen hoher Arzneimittelpreise in armen Ländern nannte Astrid Berner-Rodoreda, Referentin für HIV und Aids bei „Brot für die Welt“, während der Tagung: „Wir wissen aus dem HIV-Bereich, dass ein weltweiter Zugang zu lebenserhaltenden Medikamenten erst möglich wurde, als kostengünstige Generika verfügbar waren.“

 
Viele wissenschaftliche Analysen zeigen, dass es keinen Zusammenhang zwischen Arzneimittelpreisen und Forschungskosten gibt. Prof. Dr. Thomas Lempert
 

Um diesen weltweiten Zugang war lange Zeit heftig gerungen worden: „Erst nachdem über lange Zeit hinweg Druck auf die internationalen Arzneimittelkonzerne ausgeübt worden war, kam es zu einem widerwilligen Einlenken der Industrie“, erinnerte Lempert. „In der Zwischenzeit sind Hunderttausende Menschen in Afrika einen vermeidbaren Tod gestorben.“

Viel Zeit und viel Geld sind notwendig für neue Arzneimittel

Bevor ein neues Medikament seine Zulassung erhält, vergehen Jahre: Forschung, Entwicklung und Prüfung eines neuen Wirkstoffes kosten viel Zeit und Geld. Mit diesem Argument rechtfertigen Pharmafirmen hohe Preise für neu zugelassene Medikamente. Lempert kritisiert diese Argumentation. Seiner Meinung nach entsteht nur ein Bruchteil der Arzneimittelkosten durch Ausgaben für Forschung und Entwicklung. „Arzneimittelfirmen haben Gewinnspannen, wie sie nirgendwo in der Wirtschaft realisiert werden – von 15 bis 20 Prozent, und sie geben zudem 30 bis 40 Prozent ihrer Etats für Marketing aus“, sagt der Neurologe. „Viele wissenschaftliche Analysen zeigen, dass es keinen Zusammenhang zwischen Arzneimittelpreisen und Forschungskosten gibt.“

Als „Kronzeuge“ kann Dr. Henry A. McKinnel gelten, früherer Chef von Pfizer Inc., der bereits 2005 sagte, dass es abwegig sei, einen solchen Zusammenhang zu vermuten. Lempert kommt daher zu der Schlussfolgerung: „Hier werden Gelder von Versicherten, von Beitragszahlern in einem unglaublichen Maße abgeschöpft. Gelder, die an anderer Stelle effizient verwendet werden müssten, werden hier ausgegeben für die Gewinnerwartung einer Industrie, die alle Maßstäbe verloren hat.“

 
Hier werden Gelder von Versicherten, von Beitragszahlern in einem unglaublichen Maße abgeschöpft. Prof. Dr. Thomas Lempert
 

Alternativen sind gefragt

Mit dem Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG), das Anfang 2011 in Kraft trat, sollten die rasant steigenden Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen eingedämmt werden. Kern des Gesetzes ist die Bewertung des Nutzens eines neuen Medikamentes: Abhängig davon, ob ein Zusatznutzen festgestellt wird oder nicht, entwickelt sich die Preisgestaltung. Ohne Zusatznutzen orientiert sich der Preis an den Preisen ähnlicher Medikamente. „Das AMNOG versucht die Spreu vom Weizen zu trennen und Medikamente mit einem tatsächlichen Zusatznutzen zu belohnen“, lobte Lempert.

Doch in 2 Punkten zeige das Gesetz Lücken, so der Neurologe. Zum einen, wenn ein Zusatznutzen festgestellt wird, wie z.B. bei einem neuen Hepatitis-C-Medikament: „Wenn ein solches innovatives Medikament mit überzeugender Wirksamkeit auf den Markt kommt, dann gibt es kein Halten mehr, und die Firmen können dann fast Wunschpreise verlangen“, beschrieb Lempert das Problem.

Eine andere Schwierigkeit ergebe sich aus der Regelung, dass der Hersteller eines neu zugelassenen Medikaments im ersten Jahr den Preis unabhängig von einer Nutzenbewertung selbst festlegen kann. „Im ersten Jahr kann er einen frei gewählten Preis aufrufen, und die deutschen Krankenversicherer müssen dafür zahlen“, kritisierte Lempert.

Eine Nachbesserung soll bald verabschiedet werden

 
Wie soll ich als Arzt wirtschaftlich verordnen, wenn ich die Preise nicht kennen darf? Prof. Dr. Thomas Lempert
 

Mit dem GKV-Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz soll nachgebessert werden. Geplant ist u.a. ein Limit von 250 Millionen Euro für Erlöse des Verkaufs eines neuen Medikaments im 1. Jahr. Lempert fordert, dieses Limit zu senken: „Für diese erste Nachbesserung des AMNOG wäre es realistisch, ein niedrigeres Limit zu setzen, das bei 50 oder 100 Millionen Euro liegt, um diesen frei phantasierten Preisvorstellungen entgegenzutreten.“

Auch in einem anderen Punkt wünscht Lempert sich eine Änderung des Gesetzentwurfs: „Außerdem müssen die verhandelten Preise offengelegt werden, während jetzt eine Geheimhaltung geplant ist. Wie soll ich als Arzt wirtschaftlich verordnen, wenn ich die Preise nicht kennen darf?“

Kritik aus der Politik: Freie Preisgestaltung im ersten Jahr umstritten

Auch Kathrin Vogler, Gesundheitspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Die Linke, hält Änderungen des AMNOG für notwendig. Auf einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Fachtagung schlug sie vor, das AMNOG dahingehend zu ändern, dass die freie Preisgestaltung im 1. Jahr wieder rückgängig gemacht wird. Außerdem will sie sich dafür einsetzen, dass mehr Arzneimittelforschung jenseits der Industrie erfolgt. „Es sollten mehr Patente in öffentlicher Hand bleiben“, forderte die Politikerin während der Diskussion.

Dr. Rudolf Henke von der CDU, Mitglied im Bundestags-Ausschuss für Gesundheit und Vorstandsmitglied im Marburger Bund, warnte vor einem sozialistischen Modell der Medikamentenproduktion, damit würde man die Probleme nicht lösen. Sein Vertrauen in die Effizienz staatlicher Produktionsprozesse sei nicht groß. Durch das AMNOG habe sich schon vieles verbessert. Die Industrie bemühe sich seitdem um eine Kostenreduzierung in der Produktion, stellte der Gesundheitspolitiker fest.

Aber auch Henke meint, dass die freie Preisgestaltung im ersten Jahr der Zulassung eines Medikamentes problematisch ist. Deswegen werde dieser Punkt auch diskutiert, und er soll im GKV-Arzneimittel-Versorgungs-Stärkungsgesetz verändert werden.

Zu dem Gesetzentwurf der Bundesregierung wird am 14. Dezember 2016 im Ausschuss für Gesundheit eine öffentliche Anhörung stattfinden.

 

REFERENZEN:

1. Fachtagung MEZIS: „Leben – eine Kostenfrage?!“, 1. bis 2. Dezember 2016, Berlin

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....