„Das könnte weltbewegend sein“ – schon eine einzige Dosis Psilocybin lindert Depression und Angst bei Krebspatienten

Pauline Anderson

Interessenkonflikte

12. Dezember 2016

Eine einzige Dosis der psychedelisch wirkenden Substanz Psilocybin – dem Wirkstoff in Magic Mushrooms – lindert schnell, klinisch signifikant und anhaltend Depressionen und Angstgefühle bei Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium. Dies zeigen 2 randomisiert-kontrollierte Studien, die in der Psychiatrie derzeit für einiges Aufsehen sorgen.[1;2]

Dr. Stephen Ross

Die Studienergebnisse könnten „die Versorgung von Krebspatienten, die sich in psychologischer und existenzieller Bedrängnis befinden, transformieren. Gleichzeitig repräsentieren sie eine völlig neue Art der Medikation in der Psychiatrie, eine Medikation, die rasch wirkt – sowohl als Antidepressivum als auch als Anxiolytikum – und deren Nutzen über Monate anhält“, sagt Dr. Stephen Ross, Direktor der Substance Abuse Services am Department of Psychiatry der New York University gegenüber Medscape. „Das könnte weltbewegend sein und ein bedeutender Paradigmenwandel in der Psychiatrie“, ergänzt der Erstautor einer der beiden Studien, die am 1. Dezember online im Journal of Psychopharmacology erschienen sind.

Psilocybin ist ein serotonerges Halluzinogen, welches als 5-Hydroxytryptamin-2A(5-HT2A)-Rezeptoragonist wirkt. Es wurde 1958 erstmals synthetisch hergestellt und bis 1970 in der psychiatrischen Forschung angewendet. Sein Missbrauch als Freizeitdroge und die Tatsache, dass der Gebrauch mit kulturellen und politischen Unruhen in Verbindung gebracht wurde, führten aber dazu, dass Psilocybin so wie andere psychedelische Substanzen verboten wurde.

Sichere Anwendung weckt neues Interesse

In den letzten Jahrzehnten hat das Forschungsinteresse an Psilocybin aber wieder zugenommen. Jüngere Arbeiten zeigen, dass die Substanz sicher an Patienten verabreicht werden kann, die an therapieresistenten Depressionen leiden, sich aufgrund einer lebensbedrohlichen Erkrankung in psychischer Bedrängnis befinden oder von Tabak oder Alkohol abhängig sind. Diese Forschungsarbeiten zeigten auch, dass die Substanz nicht abhängig mache und sehr gering toxisch sei, schreibt der Pharmakologe Dr. Alasdair Breckenridge von der University of Liverpool in einem Kommentar.[3]

Diese ermutigenden Ergebnisse haben den Weg für klinische Studien wie die beiden nun im Journal of Psychopharmacology publizierten Arbeiten geebnet. Die beiden Studien untersuchten den Effekt einer einzigen Dosis Psilocybin auf Depressionen und Ängste – beides hochprävalent bei Krebspatienten, die oft nicht auf Antidepressiva, Anxiolytika oder Psychotherapie ansprechen.

Die Studie an der New York University

 
Das könnte weltbewegend sein und ein bedeutender Paradigmenwandel in der Psychiatrie. Dr. Stephen Ross
 

In die Studie an der New York University nahmen Ross und seine Kollegen 29 Patienten mit Krebserkrankungen in fortgeschrittenen Stadien auf. Sie alle litten an angstbezogenen Störungen, nahmen aber während der Studie weder Antidepressiva nach Anxiolytika.

Sie erhielten 7 Wochen lang entweder Psilocybin (0,3 mg/kg) oder Niacin (250 mg, quasi als Placebo), danach wurden – entsprechend dem Crossover-Design der Studie – die Therapien gewechselt. Beide Gruppen erhielten eine Psychotherapie. Die Patienten hätten die Substanz in einer wohnzimmer-ähnlichen Umgebung eingenommen, berichtet Ross. Patienten und Therapeuten hätten sich an den Händen gehalten und über ihre Intentionen gesprochen.

Nach Einnahme der Psilocybin-Tablette erhielten die Patienten Kunstbücher, Musik und Sonnenbrillen und wurden angewiesen, sich nach innen zu fokussieren. Von den anwesenden Therapeuten wurden sie regelmäßig überwacht.

Um die Psilocybin-Wirkung zu bewerten, nutzten die Forscher die Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS) und das Beck Depression Inventory (BDI). Nach diesen Skalen führte Psilocybin zu einer sofortigen und anhaltenden angstlösenden und antidepressiven Wirkung.

In der Psilocybin-Gruppe erfüllten nach 7 Wochen 83% der Patienten die BDI-Kriterien für ein antidepressives Ansprechen, in der Niacin-Gruppe waren es 14%. Auf der Hospital Anxiety and Depression Scale erfüllten 7 Wochen nach der Psilocybin-Gabe 58% die Kriterien für ein angstlösendes Ansprechen, in der Niacin-Gruppe 14%. Nach 6,5 Monaten Nachbeobachtung lagen die antidepressiven und anxiolytischen Raten unter Psilocybin immer noch im Bereich von 60-80%.

Dr. Roland R. Griffiths

Psyilocybin war zudem mit Verbesserungen der Lebensqualität, des spirituellen Wohlergehens sowie des existentiellen Leidens assoziiert. Mystische Erfahrungen – gemessen mit dem Mystical Experiences Questionnaire – korrelierten stark mit dem klinischen Ansprechen. „Die Intensität der mystischen Erfahrungen scheint Einfluss darauf zu haben, inwiefern sich der Patient anschließend besser fühlte”, berichtet Ross.

Die Studie an der Johns Hopkins University

In der zweiten Studie untersuchten Wissenschaftler der Johns Hopkins University in Baltimore um Dr. Roland R. Griffiths 51 Krebspatienten, die meisten davon mit Rezidiven oder Metastasierung. Sie alle litten an Anpassungsstörungen, Ängsten, depressiven Störungen oder einer Kombination aus den genannten.

Sie erhielten entweder zuerst eine hohe Dosis Psilocybin (22-30 mg/70 kg) gefolgt von einer sehr niedrigen Dosis (1-3 mg/70 kg; eine Art Placebo) 5 Wochen später oder umgekehrt zuerst die sehr niedrige Dosis (quasi als Placebo) und später die hohe Dosis.

Ebenso wie in der Studie an der New York University nahmen die Teilnehmer die Substanz in kontrollierter Umgebung ein. Sie lagen auf einer Couch, hatten eine Augenmaske auf, um visuelle Reize auszuschalten, und hörten Musik. Auch sie wurden aufgefordert, ihre Aufmerksamkeit nach innen zu lenken.

Eine formelle Psychotherapie, wie sie die Patienten in der New Yorker Studie erhielten, gab es nicht, doch die Autoren betonen die umfangreiche Unterstützung durch das Studienpersonal.

Die Ergebnisse der Studie entsprachen denen der New Yorker Studie: Die hohe Dosis Psilocybin hatte starke Effekte auf beide Studienendpunkte – Depression (gemessen mit der Hamilton Rating Scale for Depression; GRID-HAMD-17) und Angst (gemessen mit der Hamilton Angstskala, HAM-A).

Ein klinisch signifikantes antidepressives Ansprechen war definiert als eine Abnahme des GRID-HAMD-17-Scores um mindestens 50%. Dies erreichten in der Hochdosis-Gruppe 5 Wochen nach der Einnahme 92% der Patienten. Bei denjenigen, die zuerst die niedrige Dosis erhalten hatten, waren es 32%.

Nach 6 Monaten lag die klinische Response bei 78% für Depression und 83% für Angst. „Somit zeigen etwa 80% der Leute ein klinisches Ansprechen“, fasst Griffiths zusammen. Die Remissionsraten nach 6 Monaten lagen bei 65% für Depression und 57% für Angst.

 
Die Intensität der mystischen Erfahrungen scheint Einfluss darauf zu haben, inwiefern sich der Patient anschließend besser fühlte. Dr. Stephen Ross
 

Der Verzicht auf ausgebildete Psychotherapeuten in dieser Studie hatte keinen Effekt auf die Ergebnisse, die Effektgrößen nach 6 Monaten waren sogar etwas größer als in der Studie an der New York University.

Mystische Erfahrungen

Teilnehmer, die die hohe Dosis erhalten hatten, gaben an, dass sich ihre Einstellung zum Leben, zu sich selbst, aber auch ihre Stimmung, Beziehungen und Spiritualität positiv verändert hätten. Auch die Angaben von Angehörigen deuteten auf signifikante positive Veränderungen von Einstellungen und Verhaltensweisen bei den Patienten hin.

Diese Berichte von Angehörigen seien „besonders aussagekräftig“, sagt Griffiths. „Wenn Ihnen ein Angehöriger sagt, dass es einem geliebten Menschen wirklich viel besser geht, ist das von großer Bedeutung.“

Es sei schwierig gewesen, Krebspatienten für die Studie zu rekrutieren, berichtet Griffiths. Viele von ihnen hätten verständlicherweise Bedenken gehabt, eine psychedelische Substanz einzunehmen, entweder aufgrund deren Reputation als Droge oder weil sie selbst schlechte Erfahrungen damit gemacht hätten.

Und auch unter den Medizinern herrschte eine gewisse Unsicherheit: „Ich dachte, dass durchaus die Möglichkeit besteht, dass es den Patienten danach noch schlechter gehen würde, sie noch ängstlicher oder gar traumatisiert sein würden“, sagt Griffiths. „Deshalb war es so erstaunlich, dass die Substanz genau die gleichen Effekte hatte wie bei den gesunden Freiwilligen“ – diese hatten an einer früheren Studie teilgenommen.

Die mystischen Erfahrungen, die einige Patienten unter Psilocybin machten, „erlaubten ihnen, nach vorne zu sehen, sich nicht depressiv oder ängstlich zu fühlen, sondern optimistisch zu sein und ich würde sogar sagen, Freude zu empfinden“, so Griffiths.

Neue Sicherheitsprobleme traten in den beiden Studien nicht auf. In beiden Untersuchungen kam es zu limitierten Nebenwirkungen, es handelte sich um – erwartete – Anstiege von Blutdruck und Puls sowie Übelkeit und Erbrechen, vorübergehende Ängstlichkeit und gelegentliche psychotische Symptome. Diese remittierten aber rasch.

 
Wenn Ihnen ein Angehöriger sagt, dass es einem geliebten Menschen wirklich viel besser geht, ist das von großer Bedeutung. Dr. Stephen Ross
 

Begeisterung und Vorbehalte

In der Psychiatrie schlagen die Ergebnisse der beiden Studien große Wellen. Die Veröffentlichung wird von zahlreichen Kommentaren begleitet. Die Lobpreisungen reichen dabei von „Meilensteinstudie“ über „die bis dato am rigorosesten kontrollierte Studie“ bis hin zu „sollte selbst die größten Zauderer überzeugen, dass der Einsatz von Psilocybin weit innerhalb des akzeptierten Betätigungsfeldes moderner Psychiatrie liegt“.

Auf der anderen Seite werden aber auch Vorbehalte geäußert, etwa hinsichtlich der Verblindung. Ein signifikanter Teil der Patienten hatte in der Vergangenheit schon einmal Erfahrungen mit psychedelischen Drogen gemacht, und wusste somit, wie deren Wirkung aussieht.

In keiner der beiden Studien wurde die Effektivität der Verblindungsmethoden überprüft. In künftigen Studien sollten dazu Daten gesammelt werden, etwa indem die Patienten gefragt werden, in welcher Gruppe sie meinen, sich zu befinden. Allerdings räumen die Kommentatoren ein, dass Psilocybin eine so auffällige Wirkung habe, dass eine vollständige Verblindung wohl so gut wie unmöglich sei.

Angemerkt wird auch, dass von den ursprünglich gescreenten Patienten gerade einmal 10% letztlich tatsächlich an den Studien teilnahmen. „Diese Patienten könnten also schon von Anfang an eher geneigt gewesen sein zu glauben, dass eine psychedelische Droge ihnen in diesem Abschnitt ihres Lebens helfen könnte“, meint etwa Dr. David Spiegel vom Department of Psychiatry and Behavioral Sciences der  Stanford University School of Medicine.[4]

Dr. Craig D. Blinderman vom Adult Palliative Care Service des Columbia University Medical Center, New York Presbyterian Hospital, schreibt zudem, dass die in der Studie von Griffiths verwendete niedrige Psilocybindosis möglicherweise kein geeignetes Placebo gewesen sei, da sie eine gewisse Aktivität entfaltet haben könnte.[5]

Sorgen bereitet den Kommentatoren auch, dass nicht wirklich verstanden ist, wie Psilocybin den Bewusstseinszustand verändert. „Wir können nicht sagen, ob die antidepressive und anxiolytische Wirkung der Droge ein direktes Resultat der serotonergen Effekte ist oder die Folge eines mystisch veränderten Bewusstseinszustands, den die Substanz erzeugt“, so Dr. Jeffrey A. Lieberman, Psychiater an der Columbia University, New York City.[6] „Da andere serotonerge Agonisten (z.B. Lisurid) diese psychedelischen Erfahrungen nicht verursachen, wurde die Hypothese aufgestellt, dass psychedelisch wirkende Substanzen möglicherweise in einer speziellen Weise an 5-HT2A-Rezeptoren binden, funktionelle Selektivität oder einen Rezeptor-Bias aufweisen.“

Zustimmung zu Phase-3-Studien

 
Wir können nicht sagen, ob die … Wirkung der Droge ein direktes Resultat der serotonergen Effekte ist oder die Folge eines mystisch veränderten Bewusstseinszustands … Dr. Jeffrey A. Lieberman
 

Trotz aller Vorbehalte sind sich die Kommentatoren jedoch relativ einig, dass die neuen Ergebnisse dafür sprechen, nun zu Phase-3-Studien überzugehen. Wenn sich die Ergebnisse in großen, gut gepowerten Studien mit verschiedenen Populationen bestätigen, könnte die derzeitige Klassifikation von Psilocybin als illegale Droge, die auch nicht für medizinische Zwecke eingesetzt werden darf, „angefochten werden“, schreibt Blinderman „denn dann würde die Substanz eine Behandlungsmethode ungleich jeder anderen in der Psychiatrie darstellen“.

Ross warnt aber vor einer falschen Botschaft an die Patienten. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass illegale Magic Mushrooms ihnen helfen könnten. „Psilocybin sollte auf die Anwendung im Krankenhaus beschränkt bleiben. Diese Ergebnisse sollten nicht zum Freizeitgebrauch der Substanz, sondern zu mehr Forschung unter sorgfältig kontrollierten Laborbedingungen ermutigen.“


Dieser Artikel wurde von Nadine Eckert aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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