Zoonosen-Monitoring der Bundesregierung: Keimbelastung von Fleisch ist nach wie vor sehr hoch

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

7. Dezember 2016

„Insgesamt sind die Resistenzraten 2015 gegenüber den Vorjahren zwar rückläufig, problematisch sind aber die zunehmenden Resistenzen von MRSA-Isolaten gegenüber Ciprofloxacin und anderen Antibiotika“, betont Nina Banspach, Sprecherin des BVL.

Beim Zoonosen-Monitoring 2015 wurden 6.106 Proben durch die Überwachungsbehörden der Bundesländer genommen und auf das Vorkommen der wichtigsten über Lebensmittel übertragbaren Erreger untersucht. Gewonnen wurden 2.063 Bakterien-Isolate. Sie wurden in den Nationalen Referenzlaboratorien am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) charakterisiert und auf ihre Resistenz gegen ausgewählte Antibiotika untersucht.

Immer große Mengen an Antibiotika in der Tierhaltung

Nach wie vor werden Antibiotika in großer Menge in der Tierhaltung eingesetzt. Das BfR teilte im November 2015 zwar mit, dass der Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft rückläufig sei: Zwischen 2011 und 2014 von 1.706 auf 1.238 Tonnen. Zum Vergleich: 1.700 Tonnen sind rund 40-mal mehr als das, was in Krankenhäusern an Antibiotika eingesetzt wird, bestätigt Dr. Albrecht Stöhr vom Zentrum Infektiologie der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg.

„Der Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung ist immer noch entsetzlich hoch und mit einer der Hauptmotoren für die Entstehung und Ausbreitung multiresistenter Keime“, stellt Stephanie Töwe, Campaignerin für Nachhaltige Landwirtschaft bei Greenpeace fest. Sie fügt hinzu: „Je mehr Tiere auf engem Raum gehalten werden, desto höher ist die Gefahr der Infektion mit Krankheiten. Tiere, die krank werden, müssen auf jeden Fall behandelt werden. In den großen Massentierhaltungsställen werden die Tiere aber nicht im Einzelfall behandelt, sondern erkrankt ein Tier, erhalten die anderen 29.999 Tiere ebenfalls vorsorglich Antibiotika.“

 
Insgesamt sind die Resistenzraten 2015 gegenüber den Vorjahren zwar rückläufig, problematisch sind aber die zunehmenden Resistenzen von MRSA-Isolaten gegenüber Ciprofloxacin und anderen Antibiotika. Nina Banspach
 

Fleisch ist zu billig

Die Produktionsbedingungen und der hohe Antibiotikaeinsatz sind der Forderung nach möglichst billigem Fleisch geschuldet. Töwe: „Die starke Nachfrage nach billigem Fleisch von Seiten des Einzelhandels und der Verbraucher ist dafür ebenso verantwortlich wie die Export-Ausrichtung der großen Schlachthöfe. In Deutschland haben wir beim Fleisch eine Überproduktion von über 20 Prozent und die Produktion nimmt zu, um sich auf dem Exportmarkt mit billigem Fleisch einen Platz zu sichern.“

Der wahre Preis, der für das billige Fleisch bezahlt werden müsse, sei auf dem Produkt nicht zu erkennen und schwer zu berechnen: „Die Massentierhaltung in Deutschland erzeugt zum Beispiel Unmengen an Gülle, die übrigens auch mit multiresistenten Keimen belastet sein kann, die wiederum auf Felder und Weiden ausgebracht werden.“

 
Der Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung ist immer noch entsetzlich hoch und mit einer der Hauptmotoren für die Entstehung und Ausbreitung multiresistenter Keime. Stephanie Töwe
 

Die Art der Tierhaltung macht die Tiere krank: Dass mindestens jedes vierte Tierprodukt von einem kranken Nutztier stammt, ist das Ergebnis einer Auswertung wissenschaftlicher Studien durch die Verbraucherorganisation Foodwatch. Der allergrößte Teil der Erkrankungen könnte vermieden werden, doch das passiert aus Kostengründen nicht.

„Wer in den Bauern einfach Tierquäler sieht, liegt falsch. Die Tierhalter sind Opfer eines Systems, das falsche Anreize setzt, ebenso wie die Tiere selbst und die Verbraucher, die über die Herkunft ihrer Produkte getäuscht werden. Vor allem der Handel ist verantwortlich für einen Wettbewerb, der sich nicht um Qualität, sondern nur um den Preis dreht – das kann nur zu Lasten von Tieren, Bauern und letztlich auch Kunden gehen“, sagt dazu der Veterinärmediziner Matthias Wolfschmidt in einer Stellungnahme von Foodwatch.

Damit ein Tier auch nur annähernd artgerecht gehalten werden kann, muss es viel Platz und Beschäftigungsmöglichkeiten haben, Auslauf, frische Luft, Licht und gutes Futter. „All das ist in dem vorherrschenden System derzeit nicht gegeben“, kritisiert Töwe und fügt hinzu: Um eine viel bessere Tierhaltung zu erreichen, müssten viel weniger Tiere unter ganz anderen Bedingungen gehalten werden. Aus Sicht von Greenpeace seien die staatlichen Tierhaltungskriterien viel zu schwach und müssten dringend verschärft werden.

Zoonosen-Monitoring 2015: Salmonellen, E. coli, MRSA

  • Salmonellen fanden sich in 5,6% der Proben von Zuchtsauen und 10,3% der Proben von Läufern. „Die Salmonellenbekämpfung muss bereits auf Ebene der Zuchtbetriebe beginnen, um die Einschleppung über infizierte Ferkel zu verhindern“, sagt Banspach. In den Schlachtkörpern waren 4,5% infiziert. Frisches Schweinefleisch war zu 0,4% mit den Erregern verunreinigt. Das BVL betont, dass rohes Hackfleisch und Rohwurst für Kleinkinder, ältere und immungeschwächte Menschen und Schwangere nicht geeignet sind. Kürzlich erst musste die Firma Rügenwälder Spezialitäten wegen eines Salmonellenfunds ihre Teewurst zurückrufen.

  • Mit verotoxinbildenden Escherichia coli (VTEC) waren 25,7% der Proben des Blinddarminhalts von Mastkälbern und Jungrindern und 0,9% der Proben von frischem Rindfleisch belastet. Unter den Proben fanden sich Gruppen, die EHEC verursachen oder zum hämolytisch urämischen Syndrom (HUS) führen.

  • Lebensmittelvergiftungen hervorrufende Koagulase positive Staphylokokken wurden in 9,3% der Proben von Schafs-und Ziegenkäse aus Rohmilch nachgewiesen. 1,2% der Proben wies eine Keimzahl oberhalb des kritischen Wertes von 100.000 koloniebildenden Einheiten pro Gramm auf. Ab diesem Wert darf Käse nur dann verkauft und verzehrt werden, wenn die Freiheit von Staphylokokken-Enterotoxin durch eine Untersuchung nachgewiesen wird.

  • MRSA – resistent gegen Penicilline und Cephalosporine – fanden sich in 26,3% der Proben von Zuchtsauen, bei Läufern aus dem Aufzuchtbereich lag die Rate gar bei 41,3%. Schlachtkörper von Mastschweinen wiesen zu 20% und frisches Schweinefleisch zu 13% MRSA auf. Die Übertragung von MRSA auf den Menschen über Lebensmittel scheint allerdings eine untergeordnete Bedeutung zu haben. Wer aber häufig Kontakt mit Tieren habe, weise ein erhöhtes Risiko auf, Träger von Nutztier-assoziierten MRSA zu werden, so das BVL.

  • Mit Extended-Spectrum-Beta-Laktamase (ESBL) und AmpC-Beta-Laktamase (AmpC) bildenden Bakterien war frisches Schweinefleisch zu 5,7% und frisches Rindfleisch zu 4,0% kontaminiert. Die höchsten Raten fanden sich in Geflügel: Frisches Hähnchenfleisch war zu 66% belastet. Die Keime finden sich auch auf Blattsalaten (2,4%) und frischen Kräutern (2,2%). Das BVL teilt mit, dass ESBL/AmpC-bildende E.coli auf den Menschen übertragen werden können, wobei sich das Infektionsrisiko derzeit nicht genau abschätzen lässt. Keime im Fleisch lassen sich durch ausreichendes Erhitzen abtöten, Salat und Kräuter sollten gründlich gewaschen werden, rät Banspach.

  • Vom Dunker‘schen Muskelegel (DME) waren 4,7% der untersuchten Wildschweinproben befallen. Bislang sind nur wenige Erkrankungsfälle beim Menschen aus Nordamerika bekannt, die nach dem Verzehr von unzureichend erhitztem infiziertem Wildfleisch auftraten und u. a. Atemwegsbeschwerden auslösen.


Nutztier-assoziierte MRSA zunehmend resistent gegenüber Chinolonen

 
Vor allem der Handel ist verantwortlich für einen Wettbewerb, der sich nicht um Qualität, sondern nur um den Preis dreht. Matthias Wolfschmidt
 

Wie Banspach erklärt, handelt es sich bei den nachgewiesenen MRSA-Typen zwar überwiegend um sogenannte „Nutztier-assoziierte“ MRSA-Stämme (LA-MRSA), mit der stammtypischen Resistenz gegenüber Tetrazykline. Darin unterscheiden sie sich von den in Kliniken und Pflegeheimen vorherrschenden „Krankenhaus-assoziierten“ MRSA-Stämmen, die nur zu einem geringen Anteil resistent gegenüber Tetrazyklinen sind.

Doch nun weisen die LA-MRSA zunehmend eine Resistenz gegenüber Fluorchinolonen auf. Bislang waren für die LA-MRSA geringe Resistenzraten gegenüber Ciprofloxacin typisch, während humanmedizinische MRSA-Stämme durch hohe Resistenzraten gegen Fluorchinolone auffielen. Doch hier holen die LA-MRSA offenbar auf. Banspach: „Verschiedene Faktoren spielen dabei eine Rolle. Dem Einsatz von Antibiotika kommt dabei eine wichtige Bedeutung zu. Die Beobachtung, dass Ciprofloxacin-resistente Keime bei Geflügel häufiger vorkommen als in der Schweinefleisch- und Rindfleischkette deutet auf einen Zusammenhang mit dem unterschiedlichen Einsatz dieser Antibiotikaklasse bei Geflügel und anderen Tierarten hin. Weitere Untersuchungen sind dazu notwendig.“

 

REFERENZEN:

1. Bundesministerium für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Zoonosen-Monitoring 2015; 2016

 

Kommentar

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