Psoriasis-Medikament gegen Morbus Crohn: „Für Patienten eine wichtige Studie“

Martina Frei

Interessenkonflikte

6. Dezember 2016

Helfen Antikörper, die bisher gegen Psoriasis eingesetzt werden, auch Patienten mit Morbus Crohn? Ja, so das Resultat einer Studie im aktuellen New England Journal of Medicine [1]. Ustekinumab, ein monoklonaler Antikörper gegen Interleukin-12 und Interleukin-23, ist demnach wirksam, praktisch und sicher bei mittelschwerem bis schwerem Morbus Crohn. Im Vergleich zu Placebo schnitt Ustekinumab in der randomisierten Doppelblind-Studie deutlich besser ab.

„Für die Patienten ist diese Studie wichtig“, betont Prof. Dr. Tilo Andus, Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin, Gastroenterologie, Hepatologie und internistische Onkologie am Klinikum Stuttgart, gegenüber Medscape. Andus ist Mitglied des Beirats der deutschen Morbus Crohn / Colitis ulcerosa Vereinigung.

Aufgrund der positiven Ergebnisse habe Ustekinumab nun die EU-Zulassung für die Indikation Morbus Crohn erhalten, so Andus. „Seit Kurzem kann man es auch diesen Patienten verordnen.“ Viele Patienten hätten schon alle Therapieoptionen versucht. Ustekinumab biete nun eine zusätzliche, allerdings auch hochpreisige Chance.

„Sehr gute Option, wenn TNF-Antagonisten versagen“

Er habe „seit Monaten auf diese Publikation gewartet“, sagt Prof. Dr. Jörg Hoffmann, Chefarzt der Medizinischen Klinik I am St. Marienkrankenhaus in Ludwigshafen, im Gespräch mit Medscape. Hoffmann war Koordinator und Seniorautor der S3-Leitlinie zu Morbus Crohn. „Die jetzt veröffentlichten Daten bestätigen die Wirksamkeit, die bereits 2012 in einer Studie gezeigt wurde.

Vor allem für die schwerer betroffenen Patienten haben wir die Studie jetzt herbeigesehnt. Die Wirkung von Ustekinumab ist nicht ‚der Kracher‘. Aber angesichts der guten Verträglichkeit ist es eine sehr gute Option, vor allem wenn Anti-TNF-Antikörper versagen.“

Die nun publizierte Studie der Autoren um Dr. Brian G. Feagan, Western University, London, Kanada, bestand aus 3 Teilen:

1. Am UNITI-1 genannten Teil nahmen 741 Patienten teil, die auf mindestens einen TNF-Antagonisten nicht oder nicht dauerhaft angesprochen hatten oder ihn wegen Nebenwirkungen absetzen mussten. Die Ansprechrate 6 Wochen nach einmaliger i.v.-Gabe von Ustekinumab betrug rund 34% gegenüber 21,5% unter Placebo-Behandlung.

2. Bei den 628 UNITI-2-Patienten dagegen hatten Immunsuppressiva oder Steroide nicht gewirkt, oder sie mussten diese wegen unerwünschter Wirkungen absetzen. Hier zeigte Ustekinumab bei über 50% der Teilnehmer Wirkung (51,7% bei fixer Dosis von 130 mg, 55,5% bei einer Dosis von 6 mg/kg), verglichen mit 28,7% in der Placebo-Gruppe.

3. Teilnehmer an UNITI-1 oder UNITI-2, bei denen Ustekinumab half, konnten an der (ebenfalls Hersteller-gesponserten) Erhaltungsstudie IM-UNITI teilnehmen. Die 397 Probanden dort wurden erneut randomisiert. Sie erhielten – diesmal subkutan – entweder 90 mg Ustekinumab alle 8 oder 12 Wochen oder aber Placebo. Den primären Endpunkt, die klinische Remission in der 44. Woche, erreichten 53,1% (8-wöchige Intervalle) bzw. 48,8% (12-wöchige Intervalle).

 
Angesichts der guten Verträglichkeit ist Ustekinumab eine sehr gute Option, vor allem wenn Anti-TNF-Antikörper versagen. Prof. Dr. Jörg Hoffmann
 


Unter Placebo war zu diesem Zeitpunkt rund jeder Dritte (35,9%) in Remission – wobei die Studienautoren einen Teil des Placebo-Erfolgs der möglicherweise langanhaltenden Wirkung der früheren Ustekinumab-Injektion zuschreiben. Über ein Viertel der Patienten, die in UNITI-1 oder -2 auf die einmalige i.v.-Injektion nicht angesprochen hatten, kamen nach subkutanen Injektionen im Abstand von 8 Wochen in Remission.

Subkutane Injektionen vereinfachen die Therapie

Die subkutane Erhaltungstherapie mit langen Injektionsabständen sei praxisrelevant und könnte – da vom Patienten zu Hause durchführbar – die Behandlungsmöglichkeiten deutlich verbessern. „Wir können so zum Beispiel nach der Erstinfusion in der Klinikambulanz auch mit einem großen Kreis weiter entfernt niedergelassener Kollegen in der Therapie zusammenarbeiten“, sagt Prof. Dr. Ursula Seidler von der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie an der Medizinischen Hochschule Hannover, gegenüber Medscape. Sie war an der Studie beteiligt.

„Ustekinumab ist in der Behandlung des Morbus Crohn ein wichtiger Fortschritt“, urteilt Seidler. „Mit dieser Therapie werden Entzündungsmediatoren gehemmt, die sehr früh in der Entzündungskaskade in der Schleimhaut von Patienten mit Morbus Crohn freigesetzt werden. Damit hat man einen völlig neuen Weg eingeschlagen.“

 
Ustekinumab ist in der Behandlung des Morbus Crohn ein wichtiger Fortschritt. Prof. Dr. Ursula Seidler
 

Bisher kaum Nebenwirkungen

Seidler zufolge stellt Ustekinumab potenziell eine sichere und gut steuerbare Therapie dar, wenn Immunsuppressiva versagen oder vom Patienten nicht vertragen werden. Angesichts des bisher sehr guten Nebenwirkungsprofils sei die Entwicklung besonders für junge Patienten und solche mit Kontraindikationen oder Unverträglichkeiten gegen bisherige Therapien erfreulich.

„Einer der Hauptpunkte war die Sicherheit“, sagt Andus. „Bei der Behandlung mit TNF-Antagonisten sehen wir erhöhte Infektionsraten. Das war bei Ustekinumab bisher nicht der Fall.“ Tatsächlich wurden in den 3 UNITI-Studien praktisch keine Unterschiede bezüglich der unerwünschten Wirkungen gefunden, auch nicht bei schweren Nebenwirkungen.

„Bei den Psoriasis-Patienten, bei denen das Medikament seit rund fünf Jahren eingesetzt wird, zeigten sich bisher ebenfalls kaum Nebenwirkungen. Aber das sind andere Patienten. Und gegen Psoriasis werden niedrigere Dosen eingesetzt als beim Morbus Crohn“, schränkt Andus ein. Das Ergebnis der jetzigen Studie bedeute deshalb noch nicht, dass es bei Morbus Crohn nicht doch mehr Nebenwirkungen geben könne.

Antikörper gegen Ustekinumab waren nach 44 Wochen bei 2,3% der Probanden nachweisbar, das Medikament habe aber dennoch gewirkt, schreiben die Studienautoren. Sie weisen darauf hin, dass in diesem Punkt noch keine definitiven Schlüsse gezogen werden können. Wie gut Ustekinumab im Vergleich zu anderen modernen Therapiestrategien letztlich wirken werde, sei noch offen, sagt Seidler. „Dazu müssen natürlich größere Patientenkollektive länger nachbeobachtet werden, was jetzt in Planung ist. Auch die Langzeitbeobachtung der Zulassungsstudie läuft noch.“

 

REFERENZEN:

1. Feagan BG, et al: NEJM 2016;375:1946-1960

 

Kommentar

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