RKI-Krebsbericht: Zahl der Neuerkrankungen steigt dramatisch, die Mortalität sinkt – Therapieerfolg oder „Diagnosen-Bias“?

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

5. Dezember 2016

Verglichen mit dem Jahr 1970 hat sich die Zahl an Krebsneuerkrankungen mit 482.500 Fällen nahezu verdoppelt, wobei sich mit zunehmendem Lebensalter das Risiko für fast jede Krebserkrankung erhöht. Gleichzeitig verbesserte sich die Prognose für viele Krebserkrankungen, so das Fazit aus dem „Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland 2016“ des Zentrums für Krebsregisterdaten am Robert Koch-Institut [1]. Seit 2009 erfassen Onkologen über das epidemiologische Krebsregister maligne Neuerkrankungen und übermitteln diese an das RKI. Sie erlauben präzise Aussagen zu Krankheitslast, Häufigkeit und Mortalität.

Dr. Klaus Kraywinkel, Fachgebietsleiter des Zentrums für Krebsregisterdaten am RKI erläutert gegenüber Medscape einige Hintergründe des Anstiegs: „Bei Frauen kam es zur Zunahme der Raucherinnen nach dem zweiten Weltkrieg.“ Das habe auch zu mehr Lungenkrebs geführt. „Ein Rückgang des Rauchens, vor allem bei jungen Frauen, sei erst seit gut 10 Jahren bemerkbar. „Daher gibt es noch keinen Einfluss auf die Erkrankungsraten“, erklärt der Forscher.

Krebszahlen weltweit: 33 Prozent mehr Neuerkrankungen gegenüber 2005

Eine  aktuell in JAMA Oncology publizierte Schätzung der Global Burden of Disease Cancer Collaboration geht für das Jahr 2015 von weltweit 17,5 Millionen Krebsneuerkrankungen aus. Mit 8,7 Millionen Todesfällen ist Krebs die zweithäufigste Todesursache.

Die Schätzung von Dr. Christina Fitzmaurice von der Universität von Washington, Seattle und Kollegen basiert auf unterschiedlichen Registerdaten sowie Autopsiedaten. Im Detail kommt die Schätzung zu folgenden Ergebnissen:

  • Die Zahl der Neuerkrankungen stieg zwischen 2005 und 2015 um 33%. Die Gründe seien hier Bevölkerungswachstum, ein höheres durchschnittliches Lebensalter sowie altersspezifische Veränderungen der Krebsraten. 

  • Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an Krebs zu erkranken lag bei 1:3 für Männer und 1:4 für Frauen.

  • Prostatakrebs war bei Männern mit 1,6 Millionen Fällen die häufigste Krebserkrankung. Die häufigste Krebstodesursache waren hingegen Tracheal- und Bronchialkarzinome.

  • Bei Frauen war Brustkrebs mit 2,4 Millionen Neuerkrankungen die häufigste Krebsform und zugleich die häufigste Krebstodesursache.

  • Kinder erkrankten am häufigsten an Leukämien, Non-Hodgkin-Lymphomen, Tumoren in Gehirn oder Nervensystem sowie an weiteren Neoplasien.


Steigende Brustkrebs-Zahlen – auch durch mehr Mammographien?

Bei Brustkrebs verweist er ebenfalls auf steigende Zahlen. Durch die flächendeckende Einführung von Mammographie-Screenings sei jedoch schwer zu beurteilen, ob die steigende Zahl nicht auch durch diese Vorsorgeuntersuchung begründet ist: Tumore können heutzutage entdeckt werden, weit bevor klinische Symptome auftreten. Dazu zählen auch Tumoren, die zeitlebens keine Probleme bereitet hätten, jedoch mit in die Statistik einfließen.

„Weitere Gründe sind weniger und spätere Schwangerschaften, bis etwa 2005 eventuell auch Hormonersatztherapien, möglicherweise auch die Pille – hier speziell Kombinationspräparate“, so Kraywinkel. Mehrere Studien hätten gezeigt, dass Hormonersatzpräparate gegen Wechseljahresbeschwerden, aber auch ältere orale Antikontrazeptiva bei gesunden Frauen das Brustkrebsrisiko erhöhen. Je mehr Kinder eine Frau bekommen hat und je länger sie stillt, desto niedriger sei die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken.

Zudem führten PSA-Tests bei Männern zu mehr Prostatakrebs-Diagnosen. Bei Leukämien und Lymphomen sind Kraywinkel zufolge „die Gründe im Detail unklar“. Auch hier gebe es mehr Patienten. „Ein westlicher Lebensstil scheint das Risiko eher zu fördern“, ergänzt der Experte. In den letzten Jahrzehnten stieg der Prozentsatz an Menschen, die viel Kohlenhydrate, Fleisch und Kochsalz konsumieren.

 
Der Rückgang (bei Darmkrebs) ist auch durch das Koloskopie-Screening zu erklären, da er international nicht beobachtet werden kann. Dr. Klaus Kraywinkel
 

Er berichtet auch von mehr Karzinomdiagnosen der Harnblase – möglicherweise eine Folge besserer diagnostischer Verfahren. Steigende Zahlen beim malignen Melanom ließen sich „am ehesten durch vermehrte UV-Exposition in der Freizeit und im Urlaub, hier speziell in der Kindheit und Jugend“ erklären. Mehr Fälle von Leberkrebs bei Männern führt er auf die zunehmende Verbreitung von Hepatitis B und Hepatitis C zurück.

Tendenz fallend bei Lungenkrebs und Männern

Sinkende Erkrankungsraten fanden die Experten bei Lungenkrebs und Männern – als Folge eines abnehmenden Tabakkonsums. Dass Magenkrebs zurückgeht, führt  Kraywinkel auf die seltenere Besiedlung des Magens durch Helicobacter pylori zurück, sowie auf eine bessere Hygiene und eine niedrigere Nitrosamin-Exposition. Bei Gebärmutterhalskrebs kommt es seit Einführung des Pap-Screenings Anfang der 1970er Jahre ebenfalls zu weniger Erkrankungen. Auch Darmkrebs ist seit 2003 rückläufig. „Der Rückgang ist wahrscheinlich auch durch das Koloskopie-Screening zu erklären, da er international nicht beobachtet werden kann“, ergänzt der Wissenschaftler.

Prävention und Früherkennung wirken

Unter Experten gelten mindestens 30% aller Krebserkrankungen als vermeidbar – in der Regel über eine Veränderung des Lebensstils: Wer auf sein Gewicht achtet, sich regelmäßig bewegt, nicht raucht und wenig Alkohol trinkt, verringert auch das Risiko maligner Erkrankungen. Darüber hinaus rät das RKI zu Impfungen gegen Humane Papillomviren (HPV) und gegen Hepatitis B.

 
Das Mammographie- screening scheint wie erhofft die Erkrankungsraten an fortgeschrittenen Tumoren verringern zu können. Dr. Klaus Kraywinkel
 

Die Früherkennung von Darmkrebs oder Gebärmutterhalskrebs habe außerdem das Potential, durch die Erkennung und Behandlung von Vorstadien der Krebsentstehung in vielen Fällen vorzubeugen. Andere Untersuchungen verfolgen eher das Ziel, Tumoren in frühen Stadien zu identifizieren, um die Heilungschancen für die Patienten zu verbessern.

Beim Brustkrebs zeigen qualitätsgesicherte Mammographie-Screening-Programme mittlerweile messbare Effekte: Mittlerweile werden bei Frauen zwischen 50 bis 69 Jahren deutlich seltener Tumoren in fortgeschrittenen Stadien gefunden, als vor Einführung der Screenings. Allerdings werden dabei – wenig überraschend – auch viele Tumore in frühen und frühesten Stadien entdeckt, die zeitlebens nie Probleme bereitet hätten.

Beim malignen Melanom berichten RKI-Experten von einem anderen diagnostischen Trend durch Angebote der Krankenkassen: Es kam zum Anstieg der frühen, aber noch nicht zum Rückgang der fortgeschrittenen Stadien. Über die Gründe lässt sich derzeit nur spekulieren. Deutschlands Versicherte nehmen das Screening zwar häufiger in Anspruch. Die Akzeptanz ist mit 64 Prozent aber immer noch vergleichsweise niedrig. Jüngere Versicherte lassen sich noch eher untersuchen – hier werden vor allem frühe Formen entdeckt.

Teilweise zweifeln Laien auch an der Sinnhaftigkeit von Untersuchungen. Kraywinkel kommentiert: „Es gehört nicht zu unseren Aufgaben, Patienten oder Ärzte zu beraten. Aber man muss natürlich hervorheben, dass die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs und Darmkrebs als einzige das Potential haben, das Erkrankungsrisiko in relevantem Ausmaß durch Erkennung und Behandlung von Krebsvorstufen zu senken. Das Mammographiescreening scheint wie erhofft die Erkrankungsraten an fortgeschrittenen Tumoren verringern zu können. Das ist eine Voraussetzung dafür, dass die Sterblichkeit gesenkt oder zumindest die Lebensqualität durch weniger invasive Therapien gesteigert werden kann.“

Um das Potenzial bei Früherkennung und Prävention weiter auszuschöpfen, ist jetzt der Gemeinsame Bundesausschuss am Zug: Im Rahmen des Krebsfrüherkennungs- und -Krebsregistergesetzes werden alle bestehenden Screening-Programme modifiziert und gegebenenfalls ausgeweitet, zum Beispiel für Gebärmutterhalskrebs. Ziel ist es, Versicherte zu verschiedensten Vorsorgeangeboten persönlich anzuschreiben. Außerdem sollen sie besser über Vor- und Nachteile der Untersuchungen informiert werden.

 

REFERENZEN:

1. Robert Koch-Institut: Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland 2016

 

Kommentar

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