Neurodermitis: Monoklonaler Antikörper Dupilumab bessert Entzündung und Juckreiz deutlich – bei wenigen Nebenwirkungen

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

30. November 2016

Trotz Kortision und Calcineurin-Inhibitoren gibt es noch immer viele Neurodermitis-Patienten, die nicht adäquat therapiert werden können. Mit dem monoklonalen Antikörper Dupilumab könnte sich das vielleicht ändern. „Wir werden wohl eine neue Alternative für die Behandlung unserer Patienten bekommen“, meint Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Wollenberg, Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie. Im Gespräch mit Medscape sagt er: „Bisher schwer behandelbare Patienten werden von dem Medikament voraussichtlich besonders profitieren.“

Hautärzte des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München um Wollenberg hatten im Rahmen der multizentrischen Studie SOLO 1 und SOLO 2 das neue Medikament getestet [1]. Der neue Wirkstoff, so Wollenberg, zeige deutliche Effekte und verbessere auch die Lebensqualität der Patienten erheblich.

Dupilumab ist ein humaner monoklonaler Antikörper gegen die Alpha-Kette des Interleukin-4- und Interleukin-13-Rezeptors – Zytokine, die vermutlich eine Rolle bei atopischen oder allergischen Erkrankungen wie Neurodermitis und Asthma spielen.

Injektionen in die Bauchdecke

Studienleiter Dr. Eric L. Simpson vom Department of Dermatology der Oregon Health and Science University in Portland und seine Kollegen hatten in den beiden randomisierten placebo-kontrollierten Phase-3-Studien 1.400 Erwachsene mit moderater bis schwerer Neurodermitis eingeschlossen, deren Krankheit inadäquat topisch behandelt worden war.

 
Wir werden wohl eine neue Alternative für die Behandlung unserer Patienten bekommen. Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Wollenberg
 

Ein Drittel der Patienten bekam 4 Monate lang Dupilumab (300 mg) verabreicht – als Injektionen in den Bauch, die wöchentlich oder alle 2 Wochen gegeben wurden. Die restlichen Patienten erhielten ebenfalls Injektionen in den Bauch, allerdings nur ein Placebo. Die beiden Studien wiesen ein identisches Design auf, die Zahl der Studienteilnehmer variierte: In SOLO 1 wurden 671 Patienten, in SOLO 2 708 Patienten eingeschlossen.

Primärer Endpunkt war ein Score von 0 oder 1 (klares oder fast klares Hautbild; 5 ist der höchste Wert und entspricht einer schweren Neurodermitis) auf dem Investigator´s Global Assessment (IGA) und eine Reduktion um 2 Punkte oder mehr seit Baseline nach 16 Wochen.

Mehr als jeder dritte Patient profitierte deutlich von der Therapie

In SOLO 1 erreichten 85 (38%) Patienten, die Dupilumab jede zweite Woche erhalten hatten, den primären Endpunkt und 83 (37%), die Dupilumab wöchentlich bekommen hatten. Zum Vergleich: In der Placebo-Gruppe erreichten 23 (10%) den primären Endpunkt (p < 0,001). In SOLO 2 wurde der primäre Endpunkt bei 84 Patienten (36%) erreicht, die jede zweite Woche Dupilumab erhalten hatten, und 87 (36%) Patienten, die Dupilumab wöchentlich erhalten hatten. In der Placebogruppe erreichten 20 Patienten (8%) den primären Endpunkt (p < 0,001). In beiden Studien zeigte sich beim Eczema Area and Severity Index im Vergleich zu Studienbeginn eine Verbesserung von mindestens 75% (p < 0,001). Mit Dupilumab assoziiert war auch eine Verringerung von Pruritus und eine verbesserte Lebensqualität.

 
Insgesamt ist Dupilumab ziemlich gut verträglich, es ist allerdings so, dass man es spritzen muss. Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Wollenberg
 

Bis Dupilumab seinen vollen Effekt entfaltet, dauert es 4 bis 6 Wochen. Mit der Zeit aber verschwanden zuerst die Hautekzeme, etwas später auch der Juckreiz bei einem Drittel der mit dem Wirkstoff behandelten Patienten völlig. Der Effekt hielt etwa 3 Monate lang an.

Therapieoption mit sehr wenigen Nebenwirkungen

„Unter Dupilumab sind sehr wenig Nebenwirkungen zu erwarten“, sagt Wollenberg „Generell ist es ja so, wer an Neurodermitis leidet, erkrankt beispielweise leichter an Dellwarzen oder auch an einer bakteriellen Infektion. Die Infektionsrate unter klassischen Immunsuppressiva ist tendenziell höher. Wir konnten in einer Studie beobachten, dass unter Dupilumab dagegen eher weniger Infektionen auftreten“, erklärt der Hautspezialist.

Unter Dupilumab waren allerdings Augenentzündungen etwas häufiger als in der Kontrollgruppe. „Noch ist unklar, ob das Auftreten kausal mit Dupilumab in Verbindung steht“, berichtet Wollenberg. Davon abgesehen ließen sich die beobachteten Konjunktividen mit Augentropfen gut behandeln. Kontraindikationen für den monoklonalen Antikörper sieht Wollenberg keine: „Insgesamt ist Dupilumab ziemlich gut verträglich, es ist allerdings so, dass man es spritzen muss.“

 
Dupilumab dagegen hemmt ausschließlich den TH2-Arm und genau so wollen wir es auch haben. Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Wollenberg
 

Die gute Verträglichkeit des Mittels hat mit seiner speziellen Wirkungsweise zu tun. Bei Neurodermitis-Patienten ist ein bestimmter Teil des Immunsystems überaktiviert – der sogenannte TH2-Arm, der Infektionen mit Parasiten wie beispielsweise Bandwürmern bekämpft. Dadurch kommt es zu eine Dauer-Entzündung in der Haut.

„Klassische“ entzündungsbekämpfende Medikamente gegen die Neurodermitis wie Kortison können zwar vielen Neurodermitis-Patienten helfen, doch sie blockieren nicht nur den TH2-Arm, sondern alle Arme des Immunsystems – also auch die gegen Viren, Bakterien oder Krebszellen. „Dupilumab dagegen hemmt ausschließlich den TH2-Arm“, erklärt Wollenberg, „und genau so wollen wir es auch haben.“

SOLO 1 und SOLO 2 werden fortgesetzt, so dass die eingeschlossenen Patienten Dupilumab weiterhin bekommen, nachbeobachtet und dann die Daten regelmäßig ausgewertet werden. Die weiter laufenden Studien dienen auch dazu, die optimale Dosierung zu finden.

Wann Dupilumab in Deutschland zugelassen wird, steht noch nicht fest. Wollenberg rechnet demnächst – voraussichtlich zunächst den USA – mit der Zulassung.

 

REFERENZEN:

1. Simpson EL, et al: NEJM (online) 1. Oktober 2016

 

Kommentar

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