Trügerische Sicherheit: Sind herkömmliche Sonnencremes zur Prävention von Melanomen weitgehend nutzlos?

Jim Kling

Interessenkonflikte

28. November 2016

Denver – Sonnencremes können wohl in manchen Hochrisikogruppen einen wirksamen Schutz vor Hautkrebs bieten, doch ist ihre Wirkung wahrscheinlich nicht allzu umfassend. Dies ist zumindest das Ergebnis einer Studie, die auf dem Kongress der American Public Health Association (APHA) vorgestellt worden ist und in der die Neubildung von Muttermalen als Parameter für das Melanomrisiko gewertet wurde [1].

Die Studie kombinierte elterliche Angaben zum Einsatz von Sonnencremes und zur Sonnenexposition mit der Anzahl der Naevi im Alter von 15 Jahren. Dabei zeigte sich kein Zusammenhang zwischen der Gesamtzahl an Malen und der Verwendung von Sonnenschutzmitteln.

„Die Studie ist nicht perfekt, aber sie ist die über den längsten Zeitraum reichende Naevus-Studie, die je durchgeführt wurde", erklärte Studienleiterin Dr. Lori Crane, Professorin für Public Health und Verhaltensmedizin an der Colorado School of Public Health in Aurora. „Ich denke, dass wir bei einem wirklich starken Effekt etwas anderes in unseren Daten sehen würden“, sagte sie gegenüber Medscape.

Das Ergebnis stellt die Aussage, dass Sonnencreme vor Hautkrebs schützt, in Zweifel und impliziert, dass Kinder und Eltern die Sonnenexposition weiter im Blick haben sollten, auch wenn Sonnencreme verwendet wurde. Es handelt sich um ein wichtiges Thema, denn in den USA werden nach Angaben der Amercian Cancer Society jährlich über 76.000 Melanom-Neuerkrankungen registriert. In Deutschland rechnet man pro Jahr mit 28.000 Fällen.

Nur für eine kleine Subgruppe war ein Sonnencreme-Effekt nachweisbar

 
Die Studie ist nicht perfekt, aber sie ist die über den längsten Zeitraum reichende Naevus-Studie, die je durchgeführt wurde. Dr. Lori Crane
 

An der Studie nahmen 499 weiße Kinder teil, die zum Zeitpunkt der Geburt oder im Alter von 6 Jahren für die Untersuchung erfasst worden waren. Die Untersucher ordneten die Kinder mithilfe eines Kolorimeters den verschiedenen Hauttypen zu. Crane und ihre Mitarbeiter untersuchten die Haut der Kinder einmal pro Jahr. Zudem füllten die Eltern alljährlich einen Fragebogen aus, mit dem erfasst wurde, an wie vielen Tagen die Kinder über 15 Minuten im Freien waren, wie viel Sonnencreme in etwa aufgetragen wurde, welche Hautpartien bedeckt waren usw.. Alle Aspekte wurden gleich gewichtet und über die Jahre gemittelt, um so zu einer 10-Punkte-Skala für den Sonnencreme-Einsatz zu kommen. Mithilfe einer gelagten multivariablen linearen Regressionsanalyse wurde nach einer Verbindung zwischen der Anzahl neu aufgetretener Muttermale und der Verwendung von Sonnenschutzcremes gesucht.

Der einzige entdeckte signifikante Zusammenhang betraf hellhäutigere Kinder, die im Alter zwischen 12 und 14 Jahren mindestens 3-mal einen Sonnenbrand gehabt hatten. In dieser Gruppe fanden sich signifikant weniger Muttermale, wenn Sonnencremes verwendet worden waren. Jede Zunahme um einen Punkt auf der Sonnencreme-Skala war mit einem Rückgang der Naevi-Zahl um 8% am Rumpf und um 7% an Körperpartien verbunden, die dauerhaft der Sonnenstrahlung ausgesetzt waren (p = 0,02).

 
Ich denke, dass wir bei einem wirklich starken Effekt etwas anderes in unseren Daten sehen würden. Dr. Lori Crane
 

Allerdings kann auch dieser Befund zufälliger Natur gewesen sein, da die Untersucher viele Subanalysen durchgeführt hatten, wodurch die Wahrscheinlichkeit eines falsch positiven Ergebnisses ansteigt, erläuterte  Crane.

Schutz gegen UV-A- als auch UV-B-Strahlung nötig?

Sonnencremes wurden lange Zeit als wirksame Schutzmaßnahme gegen Melanome und Sonnenbrand propagiert, doch weisen neuere Evidenzen in eine andere Richtung. Sonnencremes bieten einen wirksamen Schutz vor UV-B-Strahlung, die bekanntermaßen Melanome auslösen kann, doch blockieren viele Cremes nicht die UV-A-Strahlung. Diese wurde lange Zeit nur mit der Sonnenbräune in Verbindung gebracht, doch wurde auch kürzlich bei ihr ein Zusammenhang mit der Melanom-Entstehung gefunden.

 
Es wäre sicherlich spannend, die Wirkung der verschiedenen Sonnencreme-Formen zu evaluieren. Dr. Susan Nohelty
 

Crane sagte, dass sie daher die neueren Breitspektrum-Cremes, die sowohl die UV-A- als auch die UV-B-Strahlung blocken, mit dem höchstmöglichen Sonnenschutzfaktor empfehlen würde. Die UV-A-Strahlung bleibt über den Tag verteilt im Großen und Ganzen gleich. So kann also das Risiko, das von der UV-A-Strahlung ausgeht, noch fortdauern, während die Sonnenbrandgefahr bereits gesunken ist, wenn die Sonne tief am Himmel steht.

Es handelt sich um „eine exzellente, sehr gut umgesetzte Längsschnittstudie, die sehr hilfreich ist“, sagte Dr. Susan Nohelty, Professorin für Public Health und Epidemiologie an der Capella University in Interlaken, New York, die auf der Tagung eine eigene Studie vorstellte. „Ich habe selbst eine hellere Haut, so dass ich Sonnencreme verwende, aber man muss sich wohl fragen, ob das reicht.“ Und sie überlege zudem, ob sich Breitspektrum-Sonnenschutzcremes wohl als vorteilhafter erweisen würden. „Es wäre sicherlich spannend, die Wirkung der verschiedenen Sonnencreme-Formen zu evaluieren.“

Neben der Empfehlung von Breitspektrum-Cremes macht sich Crane auch für das Tragen von Hüten und Schutzkleidung stark. „Kinder sollten am Strand Schwimmhemden tragen und nicht nur in Badehose oder Bikini herumlaufen.“ Die Cremes sollten dann noch zusätzlich auf die nicht zu bedeckenden Partien aufgetragen werden.


Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

REFERENZEN:

1. American Public Health Association (APHA) 2016 Annual Meeting: 29. Oktober bis 2. November 2016, Denver/USA

 

Kommentar

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