WHO-Leitlinie: 29 Maßnahmen, um postoperative Infektionen und Resistenzen zu reduzieren

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

22. November 2016

Die World Health Organisation (WHO) hat eine neue Leitlinie publiziert. Ihr Ziel: die weltweit steigende Belastung von Patienten und Gesundheitssystemen durch operationsbedingte Infektionen zu verringern [1]. Die „Globalen Leitlinien zur Prävention von Infektionen an Operationsstellen“ umfassen 29 konkrete Empfehlungen von 20 weltweit führenden Experten – abgeleitet aus 26 Reviews der höchsten Evidenzklasse.

Aktuell publiziert wurden sie in The Lancet Infectious Diseases. Die Leitlinien empfehlen unter anderem, zur Vorbeugung von Infektionen Antibiotika nur vor und während der Operation anzuwenden und auf deren Verabreichung nach der Operation möglichst zu verzichten.

„Niemand soll krank werden, weil er operiert wird“, sagt dazu Dr. Marie-Paule Kieny, eine der Direktoren der WHO. „Die Prävention chirurgischer Infektion war nie wichtiger als heute, aber sie ist komplex und erfordert zahlreiche Maßnahmen. Die neue Leitlinie leistet einen wertvollen Beitrag zum Schutz der Patienten.“

Neue Leitlinie soll Infektionen, Resistenzen und Kosten verringern

 
Niemand soll krank werden, weil er operiert wird. Dr. Marie-Paule Kieny
 

In Ländern mit geringen oder mittleren Einkommen werden 11% der Patienten während ihrer Operationen infiziert. In Afrika infizieren sich bis zu 20% der Frauen bei Kaiserschnitten, wodurch nicht nur ihre Gesundheit gefährdet wird, sondern sie sich auch kaum um ihr Baby kümmern können. Aber auch in wohlhabenden Staaten wie den USA verursachen perioperativ erworbene Infektionen mehr als 400.000 zusätzliche Tage im Krankenhaus, die pro Jahr 900 Millionen US-Dollar kosten.

Die Leitlinie enthält 13 Empfehlungen für Prozeduren vor und 16 während bzw. kurz nach der Operation. Sie reichen von einfachen Maßnahmen wie sicherzustellen, dass Patienten duschen oder baden, Anleitung zur Händedesinfektion des OP-Teams bis zu Empfehlungen, wann Antibiotika einzusetzen oder welche Desinfektionsmittel und Nahtmaterialien zu verwenden sind.

Die Empfehlungen, die in der Leitlinie als „streng“ kategorisiert werden, lauten:

1. Antibiotika rechtzeitig vor Beginn der OP zu geben (meist etwa 1 bis 2 Stunden vorher).

2. Das Rasieren von Wundbereichen zu vermeiden

3. Vor der OP die Hautregion mit alkoholischen Antiseptika auf Basis von Chlorhexidingluconat (CHG) zu desinfizieren

4. Das OP-Team soll die Hände noch vor dem Anziehen von sterilen Handschuhen desinfizieren

5. Erwachsene Patienten, die extratracheal intubiert werden, sollen während der OP und möglichst 2 bis 6 Stunden danach 80%igen Sauerstoff erhalten.

6. Patienten mit bekannter nasaler Besiedlung mit S. aureus sollen während einer Thorax- oder orthopädischen OP intranasal eine Salbe mit 2% Mupirocin erhalten.

7. Bei kolorektalen Operationen darf das mechanische Vorgehen nicht die einzige Methode zur Infektionsvermeidung sein, sondern sollte durch orale Antibiotika ergänzt werden.

8. Nach Abschluss der Operation sollte die Antibiose nicht zu Prophylaxe-Zwecken fortgeführt werden.

„Durch die Beachtung dieser neuen Leitlinie können OP-Teams akute Gefahren verringern, die Lebensqualität der Patienten bessern und dazu beitragen, die Verbreitung von Resistenzen einzudämmen“, erklärt Dr. Ed Kelley, Direktor der WHO-Abteilung Dienstleistung und Sicherheit. „Wir empfehlen auch, dass Patienten vor der OP ihren Operateur auf die Beachtung unserer Leitlinie hinweisen.“

Internationale Leitlinie kann effektiver sein als nationale und lokale Vorschriften

 
Die neue Leitlinie leistet einen wertvollen Beitrag zum Schutz der Patienten. Dr. Marie-Paule Kieny
 

Bislang gab es keine internationalen evidenzbasierten Leitlinien – und zudem Unstimmigkeiten bei der Interpretation der Evidenzen und Empfehlungen nationaler Leitlinien. Die neue Leitlinie der WHO gilt für jedes Land, bietet Möglichkeiten zur Anpassung an lokale Gegebenheiten und sie berücksichtigt die Stärke der jeweiligen wissenschaftlichen Evidenz, die Kosten und Ressourcen sowie die Wünsche und Bedürfnisse der Patienten.

Die schon heute weit verbreitete „Surgical Safety Checklist“ der WHO, die viele Empfehlungen zur Sicherheit beinhaltet, wird nun durch die neue Leitlinie der WHO ergänzt – mit Empfehlungen zur Vermeidung von Infektionen.

Resistenzen gegen Antibiotika bedrohen die Wirksamkeit der modernen Medizin

Vielleicht das wichtigste Ziel der neuen Leitlinie ist es, Antibiotika-Resistenzen zu reduzieren: Antibiotika sollen daher nur noch vor und während der Operation angewendet werden und nicht mehr erst im Nachgang, wie dies momentan noch häufig geschieht. 

 
Wir empfehlen auch, dass Patienten vor der OP ihren Operateur auf die Beachtung unserer Leitlinie hinweisen. Dr. Ed Kelley
 

Resistenzen gegen Antibiotika gefährden zahlreiche Einsätze der modernen Medizin. Ohne eine zuverlässig wirksame Antibiose werden Organtransplantationen, Chemotherapien und Operationen wie Kaiserschnitte und Hüftersatz viel gefährlicher. Dies verlängert die Klinikaufenthalte, erhöht die Mortalität und verursacht zusätzliche Kosten.

Zahlreiche Studien belegen, dass der konsequente Einsatz geeigneter Präventionsmaßnahmen die Infektionsgefahr bei Operationen signifikant verringert. Eine Pilotstudie in 4 afrikanischen Staaten zeigt 39% weniger infizierte Operationswunden, wenn die neuen Empfehlungen angewendet wurden. Die WHO entwickelt nun ein Konzept und einen Maßnahmenkatalog, der helfen soll, die Empfehlungen der neuen Leitlinie auf nationalen und lokalen Ebenen umzusetzen.

 

REFERENZEN:

1. WHO: Global guidelines on the prevention of surgical site infection, 3. November 2016

 

Kommentar

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