Die letzten Waffen werden stumpf: Extrem resistente Darmbakterien verbreiten sich in Europa – Screening vor Klinikaufnahme?

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

18. November 2016

Immer häufiger müssen Ärzte Carbapeneme – bis vor einigen Jahren noch streng gehütete Last-Line-Antibiotika – zur Behandlung von multiresistenten Infektionen einsetzen. Eine pünktlich zum heutigen Europäischen Antibiotikatag in The Lancet Infectious Diseases publizierte Studie zeigt aber: Auch diese „letzte Verteidigungslinie“ beginnt zu fallen, denn in Europa breiten sich zunehmend extrem resistente, Carbapenemase-produzierende Darmbakterien aus [1].

Prof. Dr. Hajo Grundmann

© Britt Schilling/ Universitätsklinikum Freiburg

„In Deutschland, eigentlich im Mittelfeld der Inzidenz angesiedelt, ist außerdem ein ungewöhnlich hoher Anteil dieser Erreger auch mit ausgeklügelten Kombinationen von Reserveantibiotika nicht mehr behandelbar“, berichtet Erstautor Prof. Dr. Hajo Grundmann im Gespräch mit Medscape von den Ergebnissen der multinationalen Studie.

Erreger häufig ungewollt mitbehandelt

Untersucht hat das internationale Forscherteam um den Leiter der Abteilung Infektionsprävention und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Freiburg die Inzidenz von Carbapenemase-Produzenten bei den Enterobacteriaceae Klebsiella (K.) pneumoniae und Escherichia (E.) coli. „Beide Erreger sind häufig in klinischem Material von Krankenhauspatienten zu finden und werden als weit verbreitete Darmbakterien bei jeder Antibiotikatherapie ungewollt mitbehandelt. K. pneumoniae ist oft an Krankenhausausbrüchen beteiligt und neigt besonders stark zur Entwicklung neuer Resistenzen“, erklärt Grundmann.

Die Studie ist Teil des European Survey of Carbapenemase-Producing Enterobactericeae (EuSCAPE)-Projektes. Zwischen November 2013 und April 2014 wurden 2.703 klinische Isolate – zu 85% K. pneumoniae und zu 15% E. coli – aus 455 Krankenhäusern in 36 zumeist europäischen Ländern untersucht.

 
So könnte die Colistinresistenz über die Nahrungsmittelkette auch beim Menschen gelandet sein, ohne dass das Antibiotikum häufig bei Menschen eingesetzt wurde. Prof. Dr. Hajo Grundmann
 

Es stellte sich heraus, dass die Carbapenemase-produzierende Enterobacteriaceae (CPE) im Schnitt bei 1,3 Patienten pro 10.000 Krankenhausaufnahmen und 2,5 Patienten pro 100.000 Krankenhaus-Patiententagen vorlagen. Die Häufigkeiten unterscheiden sich jedoch stark zwischen den einzelnen Ländern. Die CPE-Prävalenz pro 10.000 Krankenhausaufnahmen reicht von 0,02 in Norwegen bis zu 6,0 in Italien. Die Inzidenz pro 100.000 Krankenhaus-Patiententagen reicht von 0,09 in Litauen bis zu 17,3 in Griechenland.

Deutschland im Mittelfeld

In Deutschland beträgt die Inzidenz der Studie zufolge 0,56 pro 10.000 Aufnahmen bzw. 0,6 pro 100.000 Krankenhaus-Patiententagen. Deutschland belegt damit Platz 16 der Rangfolge von 25 Ländern und bewegt sich somit im Mittelfeld.

Allerdings weist Deutschland eine Auffälligkeit auf: Mehr als ein Drittel der CPE-Infektionen hierzulande sind auch gegen Reserveantibiotika wie Colistin resistent. Hohe Anteile an K. pneumoniae, die gegenüber Reserveantibiotika wie Colistin resistent sind, wurden auch in Italien, Rumänien, der Türkei und Spanien gefunden. „In diesen Ländern wird Colistin aufgrund der Carbapenem-Resistenzen viel häufiger gegeben als bei uns, dort ist es nicht verwunderlich“, sagt Grundmann. Doch „wir in Deutschland behandeln nur rund 1.200 Patienten pro Jahr mit Colistin“.

 
Die Pipeline neuer Antibiotika-Klassen ist in den letzten 40 Jahren so gut wie ausgetrocknet. Dr. Edward J. Feil
 

Eine mögliche Erklärung für den überraschend hohen Anteil Colistin-resistenter CPE in Deutschland könnte der Einsatz des Antibiotikums in der Tiermast sein. „Es wurden Plasmide nachgewiesen, die eine Colistinresistenz vermitteln. Und da Colistin jahrzehntelang nicht in der Humanmedizin verwendet wurde, hat man es in der Nutztierhaltung eingesetzt. So könnte die Colistinresistenz über die Nahrungsmittelkette auch beim Menschen gelandet sein, ohne dass das Antibiotikum häufig bei Menschen eingesetzt wurde“, vermutet Grundmann.

Keine Wunderwaffe am Horizont – was tun?

Angesichts dieser Ergebnisse wären neue Antibiotika dringend notwendig, doch: „Die Pipeline neuer Antibiotika-Klassen ist in den letzten 40 Jahren so gut wie ausgetrocknet“, schreibt Dr. Edward J. Feil vom Milner Centre for Evolution der University of Bath in einem Kommentar zur Studie [2]. „Angesichts dessen, dass die Entwicklung einer neuen Wunderwaffe nicht unmittelbar bevorzustehen scheint, sind dringend neue Management-Strategien notwendig, um die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen und idealerweise unsere Abhängigkeit von Antibiotika zu verringern.“

 
Länder mit geringerer CPE-Prävalenz zeichnen sich häufig durch ein restriktiveres Verschreibungsverhalten im Hinblick auf Antibiotika aus. Prof. Dr. Hajo Grundmann
 

„Länder mit geringerer CPE-Prävalenz zeichnen sich häufig durch ein restriktiveres Verschreibungsverhalten im Hinblick auf Antibiotika aus“, erklärt Grundmann. In dieser Hinsicht lasse sich in Deutschland noch einiges optimieren, doch eine andere Strategie sei noch wichtiger: „CPE sind häufig sehr erfolgreiche Klone, die sich anhand ihrer genetischen Signatur identifizieren lassen. Screent man Patienten mit einem gewissen Risikoprofil schon vor ihrer Aufnahme ins Krankenhaus auf diese Erreger, können Ausbrüche verhindert werden.“

Der wichtigste Risikofaktor für CPE seien vorangegangene Krankenhausaufenthalte im Ausland, speziell in südlichen Ländern. „Wir sind daher dabei unser Aufnahmescreening konsequent auf solche Patienten auszudehnen“, berichtet Grundmann, „nur so können wir auch ohne neue und wirksame Antibiotika gegen diese Epidemie ankämpfen und unsere Patienten schützen.“

 

REFERENZEN:

1. Grundmann H, et al: Lancet Infect Dis (online) 17. November 2016

2. Feil EJ: Lancet Infect Dis (online) 17. November 2016

 

Kommentar

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