Krebs-Hoffnungsträger Osimertinib nach negativem G-BA-Beschluss vom Markt: Atemwegsliga befürchtet „katastrophale Folgen“

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

23. November 2016

AstraZeneca hat den Vertrieb von Osimertinib (Tagrisso™) in Deutschland Anfang November als Konsequenz aus der frühen Nutzenbewertung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) vorerst eingestellt. Der EGFR-Tyrosinkinase-Inhibitor ist weiterhin bei Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem, nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom zugelassen.

Zum Hintergrund: Im Juni veröffentlichte das IQWiG eine entsprechende Dossierbewertung [1]. Auf dieser Basis fasste der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) folgenden Beschluss: Bei Patienten nach Vorbehandlung mit einem EGFR-Tyrosinkinase-Inhibitor, bei nicht vorbehandelten Patienten mit einer de novo-positiven T790M-Mutation und bei Patienten nach Vorbehandlung mit einer Platin-basierten Chemotherapie sowie einer de novo-positiven T790M-Mutation sei der Zusatznutzen gegenüber zweckmäßigen Vergleichstherapien „nicht belegt“ [2].

Aktuelle Stellungnahme der Deutschen Atemwegsliga: „Katastrophale Folgen“

Die Deutsche Atemwegsliga e.V. weist in einer aktuellen Stellungnahme darauf hin, dass der G-BA-Beschluss „katastrophale Folgen“ für bestimmte Lungenkrebs-Patienten haben werde. Da Osimertinib am 01. Dezember 2016 vom deutschen Markt genommen werden soll, müssten erfolgreich anbehandelte Patienten die Therapie abbrechen. Neue Patienten, die die Behandlung dringend benötigten, könnten gar nicht erst mit der Therapie starten. Osimertinib habe sich vor allem in der Zweitlinientherapie erfolgreich bewährt und führe zu sehr guten Ergebnissen in punkto Remission und Langzeitkontrolle des Lungenkrebses, ergänzt die Atemwegsliga.

Sie kritisiert im Zusammenhang mit der G-BA-Entscheidung das gesetzlich definierte Zeitfenster für die Begutachtung neu zugelassener Medikamente durch das IQWiG. Einige Wirkstoffe – z.B. Osimertinib – kommen in der frühen Entwicklungsphase mit besonderer Zulassung auf den Markt, da keine Alternativbehandlung zur Verfügung steht und die vorliegenden Daten die Zulassungsbehörden überzeugen. In diesen Fällen könnten die Hersteller jedoch nicht die gesetzliche 6-Monatsfrist für die IQWiG-Begutachtung einhalten. Offenbar dauere es 1 Jahr länger, bis Daten aus Phase-3-Zulassungsstudien vorgelegt werden können. Und nur diese Daten erlauben die Beurteilung des Zusatznutzens nach bewährtem Verfahren.

In anderen Ländern mit vergleichbarem Bewertungssystem gebe es dagegen geeignete Regelungen. Demnach haben die Zulassungsbehörden der Europäischen Union, der USA sowie von Kanada die Zulassung von Osimertinib aufgrund von überzeugenden Phase-2-Studienergebnissen vorläufig erteilt, um an Lungenkrebs erkrankte Patienten mit entsprechender Mutation sofort behandeln zu können.


Einblicke in das Dossier

 
Ein Zusatznutzen von Osimertinib gegenüber den zweckmäßigen Vergleichstherapien konnte aufgrund der eingereichten Daten nicht ausgesprochen werden. Dr. Thomas Kaiser
 

Dr. Thomas Kaiser, Leiter des Ressorts Arzneimittel am IQWiG, zu den Hintergründen des Beschlusses: „Ein Zusatznutzen von Osimertinib gegenüber den zweckmäßigen Vergleichstherapien konnte aufgrund der eingereichten Daten nicht ausgesprochen werden“. Kaiser weiter: „Als zweckmäßige Vergleichstherapie kommt für Patienten mit T790M-Mutation, die bereits mit einem anderen Inhibitor vorbehandelt wurden, eine Chemotherapie infrage.“ Alternativ bleibe Best Supportive Care (BSC), also die bestmögliche, patientenindividuell optimierte, unterstützende Behandlung zur Linderung von Symptomen und zur Verbesserung der Lebensqualität.

„Der Hersteller hat keine hochwertigen Studien für den Vergleich mit diesen bestehenden Therapieoptionen vorgelegt, sondern lediglich sogenannte historische Vergleiche“. Bei historischen Vergleichen handele es sich um naive Vergleiche einzelner Studienarme, zumeist aus einarmigen Studien. „Nur einer der drei historischen Vergleiche adressierte zudem tatsächlich die Fragestellung der Nutzenbewertung“, erklärt der Experte weiter. „In ihm zeigen sich aber keine so großen Unterschiede, dass daraus ein Vor- oder Nachteil von Osimertinib abzuleiten wäre.“

 
Die G-BA-Entscheidung steht im Kontrast zur klinischen Wirklichkeit … Dirk Greshake
 

Die weiteren historischen Vergleiche seien aus verschiedenen Gründen ungeeignet. Insbesondere wurde der T790M-Mutationsstatus nicht berücksichtigt, und Chemotherapien seien überwiegend nicht zulassungskonform durchgeführt worden. Außerdem enthielten diese Vergleiche kaum Daten zu patientenrelevanten Endpunkten. Daraus ließ sich kein Zusatznutzen ableiten. Dem Urteil des IQWiG schloss sich der G-BA an.

Am AMNOG gescheitert

„Die G-BA-Entscheidung steht im Kontrast zur klinischen Wirklichkeit, wo Daten und Praxis eine hohe Wirksamkeit und gute Verträglichkeit von Osimertinib belegen“, kritisiert Dirk Greshake, Geschäftsführer von AstraZeneca Deutschland. Greshake weiter: „Medikamente wie dieses preislich auf die gleiche Ebene wie Chemotherapien zu setzen, erscheint uns nicht angemessen.“

Für AstraZeneca ist die Entscheidung bitter – Osimertinib galt als großer Hoffnungsträger. Die Firmenstrategie, frühzeitig Zulassungen auf Basis kleiner Patientenkollektive zu erwirken, ist nicht aufgegangen. Die Aussagekraft der Daten reicht nicht aus, um einen Mehrwert gemäß Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) zu belegen. Verfahren, bei denen keine Daten aus direkt vergleichenden Studien vorliegen, enden oft mit dem Fazit „Zusatznutzen nicht belegt“.

 
Die bestätigende Phase-3-Studie hat den primären Endpunkt erreicht, diese werden wir im nächsten Jahr zur Neubewertung einreichen. Dirk Greshake
 

Fehler im System?

Liegt der Fehler im System? „Unserer Meinung nach kann es nicht sein, dass der Mehrwert für Krebsmedikamente wie Osimertinib, für die es einen derart hohen medizinischen Bedarf gibt, nicht anerkannt wird“, gibt Greshake zu bedenken. Er fordert eine gesellschaftspolitische Debatte über den Preis von innovativen Arzneimitteln.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie bringt in einer Mitteilung Lösungsansätze zur Sprache. Onkologen schlagen vor, der G-BA hätte aufgrund der kleinen Zahl betroffener Patienten, des medizinischen Bedarfs und der positiven Daten im historischen Vergleich mit Chemotherapie eine positive Festlegung treffen können. Dazu gehört beispielsweise der „nicht quantifizierbare Zusatznutzen“.

Dirk Greshake lässt sich trotzdem nicht entmutigen. „Die bestätigende Phase-3-Studie hat den primären Endpunkt erreicht, diese werden wir im nächsten Jahr zur Neubewertung einreichen“, erklärt der Geschäftsführer. Bis dahin müssen Patienten ihre Präparate über internationale Apotheken importieren und die Kosten selbst tragen.

 

REFERENZEN:

1. IQWiG-Dossierbewertung Osimertinib (Lungenkarzinom), 10. Juni 2016

2. Gemeinsamer Bundesausschuss: Nutzenbewertungsverfahren zum Wirkstoff Osimertinib, 15. September 2016

 

Kommentar

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