Schluss mit den Vorurteilen: Von autofahrenden Diabetikern geht keine erhöhte Gefahr aus, doch der Arzt ist als Berater gefragt

Bettina Micka

Interessenkonflikte

15. November 2016

Berlin – 400.000 Kilometer – erst nach dieser Fahrleileistung ereignet sich durchschnittlich ein Unfall infolge von Unterzuckerung bei Menschen mit Diabetes – und dies ist nicht signifikant häufiger als bei Menschen ohne Diabetes. Dies war die zentrale Botschaft, die Oliver Ebert, Rechtsanwalt und Vorsitzender des Ausschusses Soziales der Deutschen Diabetischen Gesellschaft (DDG) auf der Vorab-Pressekonferenz zur DDG-Herbsttagung vermitteln wollte [1].

Oliver Ebert

Voraussetzung für die Sicherheit beim Autofahren sind einerseits ein verantwortungsbewusster Umgang des Patienten mit seiner Krankheit und andererseits gute Aufklärung und Kontrolle durch den behandelnden Arzt. Der Fachausschuss arbeitet derzeit noch an einer Leitlinie für Ärzte zu „Diabetes & Autofahren“, die voraussichtlich im nächsten Jahr erscheinen wird. „Sie soll den Ärzten Sicherheit bei der Beratung und Aufklärung ihrer Patienten geben“, sagte Ebert gegenüber Medscape. So werde sie u.a. auch Praxisempfehlungen für das Aufklärungsgespräch enthalten sowie eine Empfehlung, in welchen Intervallen es stattfinden sollte.

Diabetes kein prinzipieller Hinderungsgrund

Etwa jeder 10. Führerscheininhaber hat Diabetes. Die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen könnten sowohl Hyper- als auch Hypoglykämien. Jedoch gibt es keine Daten, die für ein relevant erhöhtes Risiko für Menschen mit Diabetes beim Autofahren sprechen würden. Beispielsweise wurden in einer britischen Studie bei Patienten unter Insulintherapie kein signifikant erhöhtes Unfallrisiko festgestellt. Eine deutsche Studie kam zu dem gleichen Ergebnis. Symptomatische Hypoglykämien traten in dieser Studie – je nach Art der Insulintherapie oder Sulfonylharnstoff-Therapie – mit einer Häufigkeit von 0,19 bis 8,26 pro 100.000 Km bzw. 0,02 bis 0,63 pro gefahrenem Jahr auf.

Auch die Bundesanstalt für Straßenwesen kommt deshalb in den von ihr herausgegebenen „Begutachtungsrichtlinien zur Kraftfahreignung“ zu dem Schluss, dass gut eingestellte und geschulte Menschen mit Diabetes sicher Auto oder LKW fahren können und auch Personen befördern – etwa als Taxi- oder Busfahrer. „Das ist ein Paradigmenwechsel“, betonte Ebert.

 
Es gibt aber selbst unter Verkehrsmedizinern noch die Meinung, dass Diabetiker grundsätzlich nicht Autofahren sollten. Oliver Ebert
 

„Es gibt aber selbst unter Verkehrsmedizinern noch die Meinung, dass Diabetiker grundsätzlich nicht Autofahren sollten“, gab Ebert zu bedenken. Erst kürzlich habe er ein entsprechend lautendes Gutachten gelesen.

Patienten aufklären, Therapie und Blutzuckerkontrolle optimieren

Das Unfallrisiko steigt allerdings dann, wenn ein Diabetiker sich falsch verhält, etwa nicht regelmäßig seinen Blutzucker misst, Hypoglykämien nicht oder nicht mehr rechtzeitig erkennt oder gar die Anzeichen ignoriert. Eine Risikogruppe unter den Diabetikern stellen die jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren dar. Aufgrund zahlreicher neuer Anforderungen in dieser Lebensphase, einem oft unregelmäßigen und mitunter risikobereiteren Lebensstil hat bei ihnen die Diabetes-Behandlung und -kontrolle nicht immer den Stellenwert, den sie haben sollte, wie es Prof. Dr. Bernhard Kulzer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der DDG beschrieb.

Bei dieser Gruppe ist also die besondere Aufmerksamkeit des behandelnden Arztes gefragt. Aufklärungsgespräche muss der Arzt aber mit allen Diabetes-Patienten führen. Ausdrücklich vom Autofahren abraten muss er, wenn bei einem Patienten innerhalb von 12 Monaten mehr als eine Hypoglykämie im Wachzustand auftrat, bei der er Hilfe brauchte.

Doch die Fahruntauglichkeit ist in vielen Fällen vorübergehend. Wie Ebert erläuterte, kann mit geeigneten Maßnahmen wie der Umstellung der Medikation, Nutzung kontinuierlicher Glukosemonitoringsysteme (CGM) oder Schulungen, in denen die Patienten lernen, eine Hypoglykämie frühzeitiger zu erkennen, die Fahrtüchtigkeit oft wiederhergestellt werden.

 

REFERENZEN:

1. Pressekonferenz zur 10. Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft, 11. bis 12. November, Nürnberg

 

Kommentar

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