Neue ADA-Leitlinie zu Sport bei Diabetes: Alle 30 Minuten das Sitzen zu unterbrechen, verbessert Blutzuckerwerte

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

8. November 2016

Die American Diabetes Association (ADA) hat eine aktualisierte Leitlinie zu Sport und Bewegung bei Diabetes veröffentlicht [1]. Eine Experten-Empfehlung: weniger Zeit im Sitzen verbringen und sitzende Tätigkeiten alle 30 Minuten für 3 oder mehr Minuten unterbrechen. Früher war nur alle 90 Minuten Bewegung empfohlen worden.

„Mit den aktualisierten Leitlinien stellen wir sicher, dass sich Patienten während des Tages – zumindest alle 30 Minuten – bewegen, um ihr Blutglukose-Management zu verbessern“, so Hauptautorin Dr. Sheri R. Colberg-Ochs von der Old Dominion University, Norfolk, Virginia. Sie rät Diabetikern, in den Pausen umherzugehen sowie die Beine oder Arme zu strecken. „Diese Übungen sollen zusätzlich zum regulären Sportprogramm ausgeführt werden.“

Prof. Dr. Cora Weigert spricht gegenüber Medscape von „ausführlichen und guten Empfehlungen.“ Sie forscht an der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen sowie am Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) des Helmholtz Zentrums München der Universität Tübingen. Ihr Fazit: „Etwas grundlegend Neues bringt die Leitlinie nicht.“ Doch die Empfehlungen basierten auf den Ergebnissen großer Studien. Auch sie empfiehlt Patienten, sich regelmäßig zu bewegen.

Länger durchhalten mit dem Lieblingssport

Die US-Leitlinie rät Patienten mit Typ-2-Diabetes zu Ausdauer- und Krafttraining sowie diätischen Maßnahmen. Ziele sind eine bessere Stoffwechsellage sowie die Reduktion von Gewicht und kardiovaskulären Risiken. Pausen von mehr als 2 Tagen halten die Autoren für ungünstig. Sie empfehlen, jeden Tag sportlich aktiv zu werden und auf mindestens 150 Minuten pro Woche zu kommen. Bei Kindern und Jugendlichen gelten die gleichen Maßstäbe wie bei Gleichaltrigen ohne die Stoffwechselerkrankung hinsichtlich des Aktivitätslevels.

 
Mit den aktualisierten Leitlinien stellen wir sicher, dass sich Patienten während des Tages – zumindest alle 30 Minuten – bewegen, um ihr Blutglukose- management zu verbessern. Dr. Sheri R. Colberg-Ochs
 

Colberg-Ochs legt Menschen mit Typ-1-Diabetes ebenfalls körperliche Aktivität nahe, etwa Ausdauer- und Krafttraining für mindestens 60 Minuten pro Tag. Natürlich müssen diese Patienten dabei ihren Blutzucker engmaschig kontrollieren, um gegebenenfalls zu intervenieren. Für Schwangere mit Gestationsdiabetes oder einem erhöhten Risiko dafür, erachtet die Leitlinie Ausdauer- und Krafttraining ebenfalls für sinnvoll.

Und was ist nun besser, Kraft- oder Ausdauertraining? Weigert kommentiert: „Entscheidend ist das Verhältnis von Muskelmasse zu Fettmasse.“ Beim Ausdauertraining verringere sich eher die Fettmasse, während es beim Krafttraining zum Aufbau von Muskelmasse komme. „Normalgewichtige verlieren nicht zwangsläufig an Gewicht, aber in beiden Fällen ändert sich das Verhältnis von Muskel- zu Fettmasse.“ Und dies wiederum ist wichtig für die Stoffwechsel-Einstellung

Aber noch viel entscheidender sei die Compliance. „Wählen Menschen mit Diabetes Sportarten aus, die ihnen Spaß machen, halten sie durch und profitieren langfristig.“ Ansonsten sei der Mehrwert schnell wieder hinfällig. Die Experten raten außerdem zu kurzen, 10-sekündigen Sprints vor oder nach der Trainingseinheit. Denn dann bewegen sich die Patienten im anaeroben Bereich. Sie schütten Katecholamine aus. Diese Botenstoffe kontrollieren die hepatische Glukoseproduktion.

Unerwünschte Effekte vermeiden

Doch wie gelingt es, Hypoglykämien bei Typ-2-Diabetes zu vermeiden? Wenig überraschend stehen in der US-Leitlinie engmaschige Kontrollen des Blutzuckers dabei im Mittelpunkt. Die Leitlinien-Autoren favorisieren dafür ein kontinuierliches Glukosemonitoring.

Nächtliche Hypoglykämien sind ein Problem für Sport treibende Typ-1-Diabetiker. Ihnen begegnet man durch weniger Basalinsulin, Kohlenhydrate vor dem Schlafengehen oder durch kontinuierliche Messungen, um Entgleisungen des Stoffwechsels frühestmöglich zu beheben.

 
Wählen Menschen mit Diabetes Sportarten aus, die ihnen Spaß machen, halten sie durch und profitieren langfristig. Prof. Dr. Cora Weigert
 

Bei Typ-1-Diabetes führt Sport aber auch mitunter zu Hyperglykämien. Auch hier spielen Katecholamine die zentrale Rolle. Das lässt sich über Insulingaben oder über längere Abkühlphasen (Cool Down) vermeiden. Im letzteren Fall wirkt das spezielle Abkühl-Programm der körpereigenen Ausschüttung von Stresshormonen entgegen.  

Für jeden gibt es ein geeignetes Sportprogramm

Bleibt als Fazit, dass Menschen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes von Sport profitieren. Es gibt allerdings auch Ausnahmen.

Weigert verweist in diesem Zusammenhang auf eigene Untersuchungen zu „Non-Respondern“ bei Sport. In Studien habe sich bei jedem 5. Teilnehmer an Trainingsinterventionen keine positive Auswirkung auf den Stoffwechsel gezeigt (wie Medscape berichtete). Wer in der aktuellen Tübinger Studie nicht auf körperliche Aktivität reagierte, hatte im Muskel eine höhere Aktivität des Transforming growth factor (TGF) β.

„Im Moment arbeiten wir noch daran, zu verstehen, warum es bei manchen Teilnehmern zur Aktivierung von TGFβ im Muskel kommt“, berichtet Weigert. Sie ist sich aber sicher, dass modifizierte Trainingsprogramme auch bei „Non-Respondern“ zum gewünschten Erfolg führen.

 

REFERENZEN:

1. Colberg SR, et al: Diabetes Care 2016;39:2065-2079

 

Kommentar

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