Infektionsschutz in der Chirurgie: Aufnahme-Screenings erfolgreich, multiresistente gramnegative Keime bereiten Sorgen

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

7. November 2016

Berlin – Selbst schwere Grundleiden, chronische Erkrankungen oder hohes Alter sind heute kaum mehr Kontraindikationen für chirurgische Eingriffe. „Zwar gibt es praktisch keine inoperablen Patienten mehr. Die Kehrseite dieses Fortschritts ist jedoch, dass Patienten aus Risikogruppen stärker gefährdet sind, postoperativ Infektionen zu erleiden“, sagte Prof. Dr. Heike von Baum vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene im Universitätsklinikum Ulm auf einer Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) in Berlin [1].

In besonderem Maße betrifft das erhöhte Infektionsrisiko etwa Diabetiker und immunsupprimierte Patienten. „Solche Risikopatienten sind frühzeitig zu identifizieren, um bereits präoperativ mit der Infektionsprophylaxe zu beginnen“, betonte von Baum. Konkret bedeute das, bei Diabetikern die Blutzucker-Einstellung zu optimieren und bei Bedarf die Medikation anzupassen, Raucher zur Reduzierung des Zigarettenkonsums zu bringen und eine eventuelle Besiedlung mit Problemkeimen bereits bei der Aufnahme ins Krankenhaus zu erkennen.

Bei Bedarf Isolierung im Einzelzimmer

Als Strategie zur Bekämpfung multiresistenter Erreger – insbesondere Methicillin-resistenter Staphylococcus-aureus-Stämme (MRSA) – führen heute viele Kliniken ein entsprechendes Aufnahmescreening durch. Dabei erfolgen Abstriche an der Nasenschleimhaut, gegebenenfalls auch im Rachen oder in der Genitalregion. Bei positivem Befund wird der Patient in einem Einzelzimmer untergebracht und Personal sowie Besucher müssen Schutzkleidung tragen. Strategien zur Keimelimination oder zumindest Keimzahlverringerung umfassen die Applikation von antibakteriellen Substanzen in der Nase, Ganzkörperwaschung mit Antiseptika und – falls notwendig – auch eine individuell maßgeschneiderte Antibiotikatherapie.

Mehr Screening – weniger Infektionen

 
Risikopatienten sind frühzeitig zu identifizieren, um bereits präoperativ mit der Infektionsprophylaxe zu beginnen. Prof. Dr. Heike von Baum
 

„Eine solche Infektionsprophylaxe bedeutet für die Kliniken einen hohen personellen und logistischen Aufwand, doch dieser lohnt sich“, betonte von Baum. So seien schwere MRSA-Infektionen (mit Keimnachweisen in Blutkultur oder Liquor) in Deutschland auf dem Rückzug. Gleichzeitig habe man einen stetigen Anstieg der Screening-Untersuchungen auf MRSA verzeichnet. „Es ist plausibel“, so die Internistin und Mikrobiologin, „hier einen Zusammenhang zu sehen: Wenn ich das Problem frühzeitig erkenne, kann ich gegensteuern und die Weiterverbreitung der Keime im Krankenhaus wirksam unterbinden.“

Zunahme multiresistenter gramnegativer Keime

Als derzeit deutlich weniger erfolgreich beschrieb von Baum allerdings die Strategien gegen multiresistente gramnegative Erreger: „Sie sind auf dem Vormarsch, und es gibt kaum neue Antibiotika – auch nicht in der Entwicklung –, die bei Multiresistenz gezielt diese Bakteriengruppen angreifen könnten.“ Gerade deshalb sei jedoch auch hier das Patientenscreening sinnvoll, etwa bei Reiserückkehrern aus dem Mittelmeerraum oder der Karibik, die dort in stationärer Behandlung waren. „Besonders wer dort auf einer Intensivstation war, bringt oft multiresistente Erreger mit zurück“.

Umfang des Screenings richtet sich nach dem Patientenklientel

In welchem Umfang gescreent werden sollte, hängt also auch von der Patientenklientel der jeweiligen Klinik ab. „Bei Patienten aus Risikogruppen macht das Screening immer Sinn, daneben aber auch bei solchen, die bereits mehrere Klinikaufenthalte hinter sich haben“, so von Baum. So würden in einigen Kliniken 100% der Patienten, in anderen nur 20% das Screening durchlaufen. Am Universitätsklinikum Ulm zum Beispiel würden fast alle Patienten gescreent, bei denen elektive orthopädisch-chirurgische Eingriffe geplant sind.

 
Eine Infektionsprophylaxe bedeutet für die Kliniken einen hohen personellen und logistischen Aufwand, aber der lohnt sich. Prof. Dr. Heike von Baum
 

Häufiger als Infektionen mit multiresistenten Keimen sind in der orthopädischen Chirurgie und Unfallchirurgie allerdings Infektionen mit dem Methicillin-sensiblen Staphylococcus aureus-Bakterium, wie von Baum im Gespräch mit Medscape erläuterte. „Wo Implantate bzw. Endoprothesen eine Rolle spielen, sind dann auch häufig koagulase-negative Staphylokokken vorhanden.“

Ein erhöhtes Infektionsrisiko kann z.B. zu postoperativen Wundheilungsstörungen führen. „Erhöht ist diese Gefahr außer bei Diabetikern und immunsupprimierten Patienten etwa bei Menschen, die monoklonale Antikörper wie TNF-Hemmer erhalten, die extrem adipös oder extrem mangel- oder unterernährt sind, bei Alkoholkranken sowie bei COPD-Patienten.“

Rückbesinnung auf alte Tugenden

 
Bei Patienten aus Risikogruppen macht das Screening immer Sinn, daneben aber auch bei solchen, die bereits mehrere Klinikaufenthalte hinter sich haben. Prof. Dr. Heike von Baum
 

Entscheidend für die Vermeidung von Krankenhaus-Infektionen insbesondere mit multiresistenten Keimen ist nach Meinung von Baums „dass wir gut qualifiziertes Personal haben und für die jeweilige Abteilung ein sinnvolles Verhältnis zwischen Patienten und Pflegekräften besteht“. Dieses hänge natürlich von der jeweiligen Fachrichtung und Patientenstruktur ab. Generell gelte dabei: „Um hygienisch einwandfrei arbeiten zu können, lässt sich nur eine bestimmte Anzahl von Patienten versorgen.“

Gemäß dem Motto „Zurück in die Zukunft“ forderte Mikrobiologin von Baum zur Eindämmung von Infektionen auch die Rückbesinnung auf alte Tugenden: „Zur Infektionsprophylaxe gehört zweifellos ebenso die Stärkung der Basishygiene, also etwa die sorgfältige Händedesinfektion und hygienisch tadelloses Arbeiten. Dabei sollten wir den Patienten als unseren Partner in der Prävention ansehen und ihn durch entsprechende Information dazu motivieren, sich durch eigenes Handeln vor Infektionen zu schützen.“

 

REFERENZEN:

1. Kongress-Pressekonferenz zur Eröffnung des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU), 25. Oktober 2016, Berlin

 

Kommentar

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