Das weibliche Knie als orthopädische Problemzone: Steigendes Verletzungsrisiko und schlechtere OP-Ergebnisse

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

3. November 2016

Berlin – Knieverletzungen werden bei Frauen immer häufiger. Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren erheblich stärker gestiegen als bei Männern. Das zeigt eine gemeinsame Studie der AOK Baden-Württemberg, des Berufsverbands für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) und weiteren Partnern, bei der über einen Zeitraum von 6 Jahren erhobene Versorgungsdaten von 3,8 Millionen Versicherten ausgewertet worden sind.

Ergebnisse stellte BVOU-Präsident Dr. Johannes Flechtenmacher, Niedergelassener Orthopäde in Karlsruhe, auf einer Pressekonferenz beim Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) in Berlin vor [1].

Steigerungsrate bei Frauen doppelt so hoch wie bei Männern

Demnach begab sich jeder 10. Versicherte im Zeitraum zwischen 2008 und 2013 wegen einer Verletzung in ärztliche Behandlung. Läsionen an Kniegelenk und Unterschenkel standen dabei mit knapp 14% nach denen an Kopf, Hand und Fuß auf Platz 4. Zwar verletzten sich insgesamt deutlich mehr Männer am Knie – dies vor allem in jungen Jahren.

Jedoch: „Die seit einiger Zeit bei Knieläsionen beobachtete Inzidenzsteigerung betrifft Frauen etwa doppelt so stark wie Männer“, berichtete Flechtenmacher. Sie betrug etwa im Falle der Kniebandverletzungen im Untersuchungszeitraum knapp 20% bei Frauen gegenüber 10% bei Männern. „Signifikante Zahlen“, so Flechtenmacher, „insbesondere wenn man weiß, dass etwa 80 Prozent der Patienten mit einer Kreuzbandverletzung innerhalb von zehn Jahren eine Arthrose entwickeln.“

Auffällig war, dass Kreuzbandverletzungen bei Männern gleichmäßig über das Jahr verteilt waren, bei Frauen jedoch im ersten Quartal um fast 30% höher lagen als im Jahresdurchschnitt. „Das dürfte höchstwahrscheinlich an der Wintersportsaison liegen“, kommentierte der BVOU-Präsident. So gibt es Hinweise, dass das vordere Kreuzband für Frauen ein vulnerabler Punkt ist und sie beim Wintersport gefährdeter sind als Männer.

„Auch die Ärzte sind gefragt, Frauen auf solche geschlechtsspezifischen Unterschiede und Verletzungsrisiken aufmerksam zu machen“, sagte Flechtenmacher im Gespräch mit Medscape. Er vermutet aber auch, dass mangelnde Vorbereitung auf das Skifahren vor allem Frauen betrifft und hier mit besserer Aufklärung und geeignetem Training gegenzusteuern ist.

Bei älteren Patienten: Sturzprophylaxe und Osteoporose-Prävention

 
Die seit einiger Zeit bei Knieläsionen beobachtete Inzidenzsteigerung betrifft Frauen etwa doppelt so stark wie Männer. Dr. Johannes Flechtenmacher
 

Knienahe Frakturen des Femurs oder der Tibia traten in der AOK-BVOU-Studie absolut gesehen bei Männern und Frauen etwa gleich häufig auf. Während Männer jedoch in jedem Alter gleich häufig einen Bruch erlitten, nahm das meist im Zusammenhang mit Stürzen stehende Risiko bei Frauen ab dem 50. Lebensjahr um das 7-Fache zu. Grund ist das höhere Osteoporose-Risiko bzw. die geringere Knochendichte bei Frauen nach der Menopause.

Auch bei den knienahen Frakturen war über den Untersuchungszeitraum ein Anstieg zu verzeichnen, der wiederum bei den Frauen mit 9,7% erheblich höher als bei den Männern (5,7%) lag. „Da insbesondere aus demographischen Gründen ebenso Frakturen an Hüfte und Oberschenkelhals drastisch zunehmen werden“, so Flechtenmacher, „unterstreicht dies einmal mehr die Bedeutung von Sturzprophylaxe und Osteoporose-Prävention.“

Knie-Endoprothesen: Behandlungserfolge bei Frauen geringer

Zum Teil erhebliche geschlechtsspezifische Unterschiede gibt es auch bei anderen orthopädischen Erkrankungen und Symptomen. „So hat rund jeder dritte Mann, aber mehr als jede zweite Frau über 60 Jahre eine röntgenologisch nachweisbare Kniearthrose“, berichtete Dr. Manfred Neubert, niedergelassener Orthopäde in Bremen und einer der 3 DKOU-Kongresspräsidenten. Das führe letztendlich dazu, dass 65% der mit Knieendoprothesen versorgten Patienten Frauen sind. Diese Zahlen entstammen dem aktuellen „Weißbuch Gelenkersatz“.

 
Auch die Ärzte sind gefragt, Frauen auf solche geschlechts- spezifischen … Verletzungsrisiken aufmerksam zu machen. Dr. Johannes Flechtenmacher
 

Aber: Die Behandlungserfolge nach Knieprothesen-Implantation beschrieb Neubert für Frauen als deutlich geringer als für Männer. Demnach haben Frauen nach der Operation mehr Schmerzen, mehr Einschränkungen bei der Funktion und Lebensqualität und sie erholen sich schlechter als Männer.

Diesen Unterschieden liegt Neubert zufolge ein multifaktorielles Geschehen zugrunde. Dazu gehören offenbar Unterschiede in der Kniegelenksanatomie (bei Frauen z.B. geringerer Abstand zwischen beiden Kondylen) sowie die Tatsache, dass Knorpelgewebe bei Frauen über 60 Jahren 4-mal schneller abgebaut wird. Die deshalb vor etwa einem Jahrzehnt eingeführte frauenspezifische „Gender-Knee“-Endoprothese habe in Langzeitstudien allerdings keine besseren Ergebnisse gezeigt als Unisex-Prothesen. Ebenso wenig hatten postmenopausale Hormonsubstitutionen einen Einfluss auf die Arthroserate.

Auch bei den chronischen Schmerzen sind Frauen benachteiligt: Das Schmerzempfinden ist bei ihnen ausgeprägter als bei Männern und sie leiden häufiger als diese unter chronischen Schmerzen.

Wie lassen sich die OP-Ergebnisse verbessern?

 
Hier ist etwa zu überlegen, ob bei Frauen und Männern unterschiedliche Indikationen für eine Endoprothesen-Implantation zu stellen sind. Dr. Johannes Flechtenmacher
 

Orthopäden sollten nach Ansicht Neuberts stärker für diese geschlechtsspezifischen Unterschiede und Konsequenzen sensibilisiert werden, um Frauen und Männer möglichst gleichberechtigt versorgen zu können: „Hier ist etwa zu überlegen, ob bei Frauen und Männern unterschiedliche Indikationen für eine Endoprothesen-Implantation zu stellen sind.“ So falle auf, dass bei Frauen zum Zeitpunkt der Operation der Gelenkverschleiß in aller Regel bereits weiter fortgeschritten sei. „Vielleicht müssen wir Frauen einfach früher operieren“, so der DKOU-Kongresspräsident, „um ein möglichst optimales Ergebnis zu erzielen.“

Auch dass Frauen postoperativ mehr Beschwerden haben, sei in die Indikationsstellung und Therapie einzubeziehen: „Vielleicht sind hier andere Konzepte für die Schmerztherapie bzw. Medikamente zu entwickeln, die für Frauen geeigneter sind als für Männer.“

Ein wichtiges Element in der postoperativen Versorgung bzw. Rehabilitation sei der Muskelaufbau, so Neubert: „Er gestaltet sich bei Frauen schwieriger und länger. Gerade deshalb ist es wichtig, bei Frauen postoperativ die Muskulatur ganz spezifisch zu stärken, um eine verbesserte Funktion des neuen Gelenks bei möglichst wenig Einschränkungen und Schmerzen zu erreichen.“

 

REFERENZEN:

1. Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU), 25. bis 28. Oktober 2016, Berlin

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....